Anthropic hat binnen elf Monaten Rechenleistungs-Verträge im Gesamtvolumen von bis zu 517 Milliarden Dollar unterzeichnet, wie The Information berichtet. Die Zusagen summieren sich auf 14,8 zusätzliche Gigawatt Kapazität – oben auf die bislang ein bis zwei Gigawatt, über die das Unternehmen bereits verfügte. Offiziell bestätigt hat Anthropic die addierte Summe bislang nicht.
Google und Amazon liefern die größten Einzelposten
Den größten Einzelposten bildet ein Fünfjahresvertrag mit Google und dessen Chip-Partner Broadcom über 200 Milliarden Dollar für rund fünf Gigawatt TPU-Kapazität. Amazon folgt mit einem Zehnjahresvertrag über 100 Milliarden Dollar für weitere fünf Gigawatt auf Basis der neuen Trainium3-Chips, zusätzlich zum bestehenden Rechenzentrum Project Rainier. Microsoft steuert 30 Milliarden Dollar für Azure-Kapazität bei. Den Rest verteilt die Analyse auf kleinere Infrastruktur-Partner: 50 Milliarden Dollar für einen eigenen Rechenzentrums-Bau mit dem Start-up Fluidstack, 45 Milliarden Dollar für Kapazität beim britischen Anbieter Nscale, rund 45 Milliarden Dollar für eine monatlich abgerechnete Vereinbarung mit SpaceX sowie 35 Milliarden Dollar für Rechenleistung beim Anbieter Lambda. Die Zusagen seien sogenannte Take-or-pay-Reservierungen, die sich über Jahre hinweg abriefen – keine sofort fälligen Barzahlungen. Die Aufstellung von The Information bündelt damit praktisch alle zuvor einzeln gemeldeten Kapazitätsverträge des Unternehmens aus den vergangenen elf Monaten zu einer Gesamtsumme. Anthropic begründet den Kapazitätsbedarf mit wachsender Nachfrage von Firmenkunden, die Claude zunehmend für automatisierte Arbeitsabläufe einsetzen, sowie mit dem Training künftiger Modellgenerationen.
Investoren fragen vor dem Börsengang nach Umsatz pro Gigawatt
Die Summe fällt in eine Phase, in der sich Anthropic auf den für Mitte Oktober verschobenen Börsengang vorbereitet. Potenzielle Investoren verlangen laut Crypto Briefing inzwischen granularere Kennzahlen wie den Umsatz pro Token und pro Gigawatt Rechenleistung, um die Effizienz der milliardenschweren Infrastruktur-Wetten einzuordnen. Die auf das Jahr hochgerechnete Umsatzrate sprang zwischen Mai und Ende Juli von 47 auf 65 Milliarden Dollar, einzelne Investoren rechnen mit einer Bewertung von bis zu drei Billionen Dollar. Anthropic hatte den Investoren zudem einen Jahresumsatz von bis zu 200 Milliarden Dollar bis 2028 in Aussicht gestellt – mehr als das Dreifache der aktuellen Rate. Trotz der Rekordsumme bleibt Anthropic hinter der Konkurrenz zurück: Dem Wall Street Journal zufolge plant OpenAI bis 2030 sogar mit 750 Milliarden Dollar für Rechenleistung – 25 Prozent mehr als noch Anfang des Jahres veranschlagt. Beobachter werten den Abstand als Hinweis darauf, wie sehr der Wettlauf um Rechenleistung inzwischen die Bilanzen sämtlicher großer KI-Anbieter prägt.
Amodei hatte Konkurrenten vor riskantem Tempo gewarnt
Die Aufstellung wirft ein Schlaglicht auf einen möglichen Widerspruch: Anthropic-Chef Dario Amodei hatte im Dezember 2025 beim New York Times DealBook Summit vor Wettbewerbern gewarnt, die beim Ausbau ihrer Rechenkapazität „den Risikoregler zu weit aufdrehen”. Anthropic selbst betont stets einen disziplinierten Ansatz beim Kapazitätsaufbau. Offiziell bestätigt hat das Unternehmen die von The Information addierte Gesamtsumme bislang nicht; unabhängig verifiziert ist die Zahl von 517 Milliarden Dollar damit nicht. Mehrere der Einzelverträge, etwa mit Lambda und Nscale, waren zuvor schon von keiner der beteiligten Firmen offiziell bestätigt worden. Nicht eingerechnet sind zudem weitere, separat verhandelte Vorhaben wie das Gemeinschaftsunternehmen Theseus Infrastructure mit Macquarie und GIC oder der über ein norwegisches Rechenzentrum laufende Zehn-Milliarden-Dollar-Deal mit Volta. Der Trend reicht über Anthropic hinaus: Auch Google, Microsoft und Meta vermelden binnen Wochen neue milliardenschwere Verträge für Rechenzentren und Chip-Kapazität, während Nvidia als Ausrüster einen Teil dieser Vorhaben zusätzlich mitfinanziert. Analysten bewerten die Aufholjagd unterschiedlich – manche sehen vorausschauende Planung, andere ein wachsendes finanzielles Risiko für das noch nicht börsennotierte Unternehmen.
Entscheidend wird, ob sich die zusätzliche Kapazität in nachweisbaren Umsätzen niederschlägt, bevor die ersten Milliardenverträge fällig werden. Für den geplanten Börsengang dürfte genau diese Frage über die Bewertung entscheiden – zumal Investoren erstmals detaillierte Effizienz-Kennzahlen statt reiner Wachstumszahlen einfordern. Ein konkreter Termin für die Erstnotiz steht bislang nicht fest.


