Anthropic bereitet Investoren einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge auf einen Jahresumsatz von 190 bis 200 Milliarden Dollar im Jahr 2028 vor. Banken und Investoren legen diese Prognose der Bewertung für den geplanten Börsengang im Oktober zugrunde – mehr als das Vierfache der zuletzt bekannten 47 Milliarden Dollar aus dem Mai.
Banken rechnen mit ungewöhnlichen Zwei-Jahres-Multiplikatoren
Für die Bewertung des möglichen Börsengangs greifen Banken und Investoren laut Reuters auf Multiplikatoren zurück, die sich am für 2028 erwarteten Umsatz orientieren – zwei Jahre in die Zukunft gerechnet. Diese Methode gilt bei schnell wachsenden Softwarefirmen als gängig, ein Zeithorizont von zwei Jahren sei jedoch selbst dafür ungewöhnlich weit gefasst. Als Vergleichsgrößen dienen börsennotierte Unternehmen wie Palantir, das mit dem 53-Fachen seines für 2026 erwarteten Umsatzes gehandelt wird, sowie Cloudflare und SpaceX mit jeweils etwa dem 41,6-Fachen. Multiplikatoren dieser Höhe sind bei Tech-Firmen sonst nur für nachgewiesenes, nicht für lediglich prognostiziertes Wachstum üblich – ein Unterschied, den Analysten als zentrales Risiko der Methode werten. Übertragen auf Anthropics Umsatzziel für 2028 ergäbe sich daraus eine Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar – mehr als doppelt so viel wie die 965 Milliarden Dollar aus der Serie-H-Runde vom Mai. Offiziell bestätigt hat Anthropic weder die Umsatzprognose noch einen Zielwert für die Bewertung.
Umsatz wächst von neun auf 47 Milliarden Dollar binnen Monaten
Die Wachstumskurve hinter der Prognose ist bereits jetzt außergewöhnlich: Ende 2025 lag Anthropics Jahresumsatzrate laut Reuters bei rund neun Milliarden Dollar, bis Mai 2026 stieg sie auf 47 Milliarden Dollar. Für das zweite Quartal 2026 rechnet das Unternehmen mit mindestens 10,9 Milliarden Dollar Umsatz und einem ersten operativen Quartalsgewinn von 559 Millionen Dollar. Anthropic habe demnach in jedem der vergangenen drei Jahre eine Verzehnfachung des Jahresumsatzes erreicht. Ein solches Tempo verschlingt zugleich enorme Summen für Rechenzentren und Chips, was den hohen Kapitalbedarf hinter dem geplanten Börsengang erklärt. Erst im August verknüpfte Google Kredite über 200 Milliarden Dollar für Chips, die Anthropic least. Erste Investorentreffen für den Börsengang hatte das Unternehmen bereits im Juli aufgenommen, ein offizieller Termin für den Handelsstart im Oktober steht weiterhin nicht fest.
Frühere KI-Börsengänge dämpfen die Erwartungen
Wie riskant die Wette auf ferne Umsatzziele sein kann, zeigen frühere KI-Börsengänge dieses Jahres. Die Aktien von Cerebras, SpaceX und SK Hynix fielen nach starken Debüts deutlich von ihren Höchstständen zurück: Cerebras verlor rund 43 Prozent vom Spitzenkurs, SpaceX etwa 38 Prozent, SK Hynix rund 14 Prozent. Alle drei Börsengänge fanden wie Anthropics geplantes Debüt im laufenden KI-Boom-Jahr 2026 statt und galten zum Handelsstart zunächst als Erfolg, bevor die Kurse binnen Wochen nachgaben. Analyst David Merkel von Aleph Investments hält selbst eine Bewertung von zwei Billionen Dollar für Anthropic für denkbar, verweist aber darauf, dass eine Prognose noch keine bei der Börsenaufsicht eingereichte Finanzzahl sei. Bis zur eigentlichen SEC-Einreichung bleibt offen, wie belastbar Anthropics interne Wachstumsannahmen tatsächlich sind. Ähnliche Zurückhaltung äußern laut Bericht auch andere Marktbeobachter, die vor einer Wiederholung des Musters warnen, sollte Anthropic die Prognose verfehlen oder die Infrastrukturkosten weiter steigen.
Entscheidend wird, ob Anthropic bis zur SEC-Einreichung belastbarere Zahlen als bloße Prognosen vorlegen kann – und ob der Oktober-Termin hält, den bislang nur Berichte, nicht das Unternehmen selbst nennen. Ein Börsengang zu den kolportierten Konditionen wäre einer der größten der Technologiegeschichte und ein Test dafür, ob öffentliche Märkte private KI-Bewertungen in dieser Höhe mittragen.


