Anthropic hat laut einem Bericht von Bloomberg News mit Investorentreffen für einen möglichen Börsengang begonnen. Morgan Stanley, Goldman Sachs und JPMorgan Chase führen das Bankenkonsortium, ein Listing könnte bereits im Oktober 2026 folgen. Damit würde Anthropic vor OpenAI und dem chinesischen Rivalen DeepSeek an die Börse gehen.
Bankenkonsortium bereitet Investorengespräche vor
Die drei Banken sollen in den kommenden Wochen Gespräche zwischen Anthropic und potenziellen Investoren organisieren. Ein Unternehmenssprecher lehnte laut Bloomberg eine Stellungnahme dazu ab. Anthropic hatte bereits Anfang Juni vertraulich eine S-1-Erklärung bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Eine vertrauliche Einreichung ist ein üblicher erster Schritt vor einem öffentlichen Angebot, den auch andere große Techkonzerne vor ihrem Börsendebüt gewählt haben – sie erlaubt es, Finanzkennzahlen zunächst unter Verschluss zu halten und erst kurz vor der eigentlichen Roadshow offenzulegen. Der Antrag verpflichtet ein Unternehmen aber noch nicht auf einen konkreten Börsengangstermin. Der anvisierte Oktober-Termin gilt selbst für ein derart gut kapitalisiertes Unternehmen als ambitioniert. Zwischen ersten Investorentreffen und dem tatsächlichen Handelsstart liegen bei vergleichbaren Tech-Börsengängen meist mehrere Monate für Preisfindung, Roadshow und regulatorische Prüfung durch die SEC. Hält der Zeitplan, wäre es einer der größten Technologiebörsengänge der vergangenen Jahre und ein früher Test dafür, wie Anleger die hohen privaten KI-Bewertungen an öffentlichen Märkten einpreisen.
Serie-H-Runde hebt Bewertung über OpenAI-Niveau
Die Bewertung von 965 Milliarden Dollar geht auf Anthropics eigene Ankündigung der Serie-H-Finanzierungsrunde vom 28. Mai zurück. Das Unternehmen sammelte damals 65 Milliarden Dollar ein, angeführt von Altimeter Capital, Dragoneer, Greenoaks und Sequoia Capital. Als Co-Lead-Investoren stiegen unter anderem Capital Group, Coatue, GIC und Temasek ein, weitere Beteiligte waren Blackstone, Fidelity, General Catalyst und T. Rowe Price. Amazon steuerte laut Anthropic 5 Milliarden Dollar zu einem größeren Hyperscaler-Investment von insgesamt 15 Milliarden Dollar bei. Als strategische Infrastrukturpartner nennt Anthropic zudem die Speicherchip-Hersteller Micron, Samsung und SK hynix, die Kapazitäten für den künftigen Rechenbedarf reservieren sollen. CFO Krishna Rao erklärte, Claude sei „zunehmend unverzichtbar” für die wachsende Kundschaft des Unternehmens. Die Runde soll nach Unternehmensangaben Sicherheitsforschung, Rechenkapazität und die Skalierung der Produktpalette finanzieren. Mit der neuen Bewertung überholte Anthropic OpenAI erstmals in dieser Kennzahl – ein Wendepunkt im Wettlauf der beiden größten US-KI-Labore und ein Signal dafür, wie stark Investoren weiterhin auf das Wachstum von Claude setzen.
Anthropic will Rivalen OpenAI und DeepSeek zuvorkommen
OpenAI verschob sein eigenes Börsengangsziel Berichten zufolge auf 2027, während das chinesische Unternehmen DeepSeek noch in diesem Jahr eine Einreichung vorbereiten könnte. DeepSeek kommt nach Schätzungen von Marktbeobachtern derzeit auf einen annualisierten Umsatz von 400 bis 500 Millionen Dollar – eine unabhängig nicht verifizierte Zahl, aber ein Bruchteil dessen, was Anthropic mit Claude und den zugehörigen Programmierwerkzeugen erwirtschaftet. Ein früher Börsengang soll Anthropic zusätzliches Kapital für den hohen Rechenaufwand hinter aktuellen KI-Modellen sichern: Training und Betrieb großer Sprachmodelle verschlingen Milliardensummen für Chips, Rechenzentren und Energie, noch bevor damit Umsätze erzielt werden. Externe Finanzierung ist für Frontier-Labore inzwischen eine strukturelle Notwendigkeit, weil Trainings- und Inferenzkosten schneller wachsen als die Umsätze der Anbieter. Ein möglichst früher Börsengang verschafft Anthropic zudem einen Vorsprung beim Zugang zu öffentlichem Kapital und Anleihemärkten, während Wettbewerber noch auf ihre eigenen Prospekte warten. Analysten werten den Zeitpunkt auch als Signal an Kunden und Talente, dass Anthropic finanziell auf lange Sicht ausgestattet bleibt.
Entscheidend wird, ob Anthropic den Oktober-Termin tatsächlich hält oder der Prozess sich wie bei anderen KI-Börsengängen verzögert. Ein öffentlicher Handelsstart würde Anthropic erstmals einer breiten Offenlegungspflicht unterwerfen – einschließlich detaillierter Umsatz- und Verlustzahlen, die bislang nur Investoren vorlagen. Für den Rest der Branche wäre ein erfolgreicher Anthropic-Börsengang zugleich ein Testfall dafür, ob Anleger die aktuellen KI-Bewertungen jenseits privater Finanzierungsrunden mittragen.


