Salesforce verhandelt über die Übernahme des KI-Start-ups Listen Labs für etwa 2 Milliarden Dollar, wie Business Insider und mehrere Wirtschaftsmedien berichten. Das entspricht dem Vierfachen der Bewertung, die Investoren dem Unternehmen erst im Januar 2026 zugestanden hatten. Für die Gespräche sagte Listen Labs eine bereits unterschriebene Finanzierungsrunde über 125 Millionen Dollar ab.
Bewertung vervierfacht sich binnen acht Monaten
Noch im Januar 2026 bewerteten Investoren Listen Labs in einer Series-B-Runde mit 500 Millionen Dollar. Für die aktuellen Gespräche mit Salesforce soll der Preis nun bei rund 2 Milliarden Dollar liegen. Ungewöhnlich dabei: Listen Labs zog laut TechCrunch ein bereits unterschriebenes Termsheet über 125 Millionen Dollar von Menlo Ventures zurück, das eine Bewertung von 1,5 Milliarden Dollar vorsah. Eine unterschriebene Finanzierungsrunde für Übernahmegespräche zu verwerfen, gilt in der Investorenszene als seltener Schritt und deutet auf hohen Druck beider Seiten hin, schnell zu einem Abschluss zu kommen. Bestätigt ist der Deal trotzdem nicht: Die Gespräche könnten laut den Berichten weiterhin scheitern. Salesforce, Listen Labs und Menlo Ventures reagierten auf Anfragen der Medien bislang nicht.
Sprach-KI ersetzt klassische Kundenbefragungen
Florian Jüngermann, früherer deutscher Meister im Wettbewerbsprogrammieren, und Alfred Wahlforss gründeten Listen Labs 2023, nachdem sie sich in Harvard kennengelernt hatten. Die Plattform führt automatisierte Sprach- und Video-Interviews mit Kundinnen und Kunden, formuliert die Fragen dafür selbst per KI und fasst die Antworten anschließend in Berichten und Präsentationen zusammen. Unternehmen ersetzen damit klassische Marktforschungsinterviews, die sonst externe Agenturen oder eigene Teams manuell führen müssten. Zu den Kunden zählen nach Unternehmensangaben unter anderem Microsoft, Canva, Anthropic und die Restaurantkette Sweetgreen. Der Jahresumsatz liegt laut TechCrunch bei etwa 30 Millionen Dollar – der Gesprächspreis von 2 Milliarden Dollar entspräche damit dem 67-Fachen. Ein mit früheren Salesforce-Übernahmen vertrauter Insider bezeichnete diesen Multiplikator gegenüber TechCrunch als zu hoch angesetzt.
Salesforce baut seit Monaten sein KI-Portfolio aus
Ein Kauf von Listen Labs wäre 2026 mindestens die vierte KI-Übernahme von Salesforce. Im Juni erwarb der Konzern bereits den Kundendienst-Agenten-Anbieter Fin, vormals Intercom, für rund 3,6 Milliarden Dollar; kleinere Deals wie m3ter und Contentful kamen im selben Zeitraum hinzu. Erst im August hatte Salesforce zudem mit Claudeforce eine Partnerschaft mit Anthropic gestartet, über die Vertriebsteams KI-Skills direkt im CRM-System nutzen. Der Umsatzmultiplikator bei Listen Labs erinnert an Stripes Übernahme von OpenRouter für das Fünffache von dessen letzter Bewertung – ein Zeichen, dass Käufer im KI-Markt derzeit auch für kleine, aber wachstumsstarke Anbieter hohe Aufschläge zahlen. An der Börse kam die Nachricht verhalten an: Die Salesforce-Aktie gab nach Bekanntwerden der Gespräche rund zwei Prozent nach.
Entscheidend wird, ob Salesforce den hohen Umsatzmultiplikator gegenüber Investoren rechtfertigen kann oder ob die Gespräche wie schon bei anderen Übernahmegerüchten ergebnislos enden. Bestätigen beide Seiten den Deal, dürfte das die Preise für spezialisierte KI-Start-ups mit kleinem Umsatz, aber prominenter Kundenliste weiter nach oben treiben.


