Die EU-Cybersicherheitsagentur Enisa testet seit dem 10. September 2026 Anthropics Modell Mythos 5 auf seine Fähigkeiten beim Aufspüren und Ausnutzen von Softwarelücken. Das bestätigte ein Sprecher der EU-Kommission. Parallel prüft die Behörde bereits OpenAIs GPT-6 Astra – ein Zugang, der binnen einer Woche nach dessen Start zustande kam, während Anthropic mehr als fünf Monate brauchte.
Anthropic öffnet den Zugang nach monatelangem Ringen
Anthropic hatte Mythos bereits im April 2026 vorgestellt und dabei erklärt, das Modell könne Menschen beim Aufspüren und Ausnutzen von Sicherheitslücken übertreffen. Zunächst blieb der Zugang auf rund fünfzig ausgewählte Organisationen im Programm „Project Glasswing” beschränkt, im Juni erweiterte Anthropic den Kreis auf etwa zweihundert Institutionen, darunter grundsätzlich auch die Nato. Enisa selbst wartete jedoch weiter: US-Exportkontrollen für besonders leistungsfähige KI-Modelle untersagten zwischenzeitlich weltweit jeden Zugriff durch nicht-amerikanische Organisationen – betroffen waren laut Berichten sogar Anthropics eigene Mitarbeitende außerhalb der USA. Nach der weltweiten Aufhebung dieser Beschränkungen am 30. Juni 2026 war Anthropics kleineres Modell Fable 5 zwar wieder frei zugänglich, Mythos 5 blieb jedoch weiterhin auf zugelassene US-Organisationen beschränkt. Erst nach „konstruktiver Zusammenarbeit” mit Anthropic habe die Kommission nun grünes Licht erhalten, erklärte Kommissionssprecher Thomas Regnier laut Euronews. Enisas Zugriff bleibt dabei ausdrücklich auf defensive Testzwecke begrenzt und reicht nicht bis zur aktuellsten Version Mythos 5.1 – auch das britische AI Security Institute bleibt von dieser neuesten Fassung ausgeschlossen.
Artikel 55 verschafft Regulierern erstmals eigenen Prüfzugriff
Rechtliche Grundlage ist Artikel 55 des EU-KI-Gesetzes, der für Modelle mit systemischem Risiko eigene Sicherheitsbewertungen der Behörden vorsieht, statt sich allein auf Angaben der Hersteller zu verlassen. Der Enisa-Zugang zu Mythos 5 und GPT-6 Astra gilt damit als einer der ersten konkreten Anwendungsfälle dieser Befugnis. Politischen Druck hatten zuvor dreißig Europaabgeordnete aus sechs Fraktionen aufgebaut: In einem Brief an Exekutiv-Vizepräsidentin Henna Virkkunen warnten sie laut TheNextWeb, die europäischen Cybersicherheitsregeln seien auf KI-gestützte Hacking-Werkzeuge nicht vorbereitet. Für den Aufbau einer dauerhaften Prüfinfrastruktur arbeitet die EU-Kommission zudem mit dem Joint Research Centre an einer eigenen, gesicherten Testumgebung, die bis Ende 2026 stehen soll.
Mythos gilt in der Branche als besonders leistungsfähig bei Angriffen auf IT-Systeme. Bereits im vorigen Monat hatte Anthropic nach einem Vorfall bei einem Sicherheitstest das Training mehrerer Modelle vorübergehend pausiert. Auch OpenAI stuft sein Konkurrenzmodell GPT-6 Astra offiziell in die höchste Risikostufe seines Preparedness Framework ein und beschränkt fortgeschrittene Hacking-Funktionen auf geprüfte Partner im Programm Daybreak. Beide Unternehmen begründen die engen Zugangsregeln damit, dass ein Werkzeug, das Sicherheitslücken zuverlässig findet, in falschen Händen ebenso gut Angreifern nutzen könnte.
Offen bleibt, ob Enisa ihre Testergebnisse veröffentlicht oder nur intern für die Aufsicht nutzt. Entscheidend wird zudem, ob die für Ende 2026 angekündigte Testplattform mit dem Joint Research Centre tatsächlich rechtzeitig steht und ob künftige Modellversionen wie Mythos 5.1 europäischen Prüfern dann automatisch offenstehen – oder erneut über Monate verhandelt werden müssen.


