OpenAI stuft sein noch unveröffentlichtes Modell Astra offiziell als erstes System mit einer kritischen Cyberfähigkeit ein – die höchste Stufe im hauseigenen Preparedness Framework. Im Testverfahren ExploitBench löst Astra sämtliche Aufgaben und nutzt eigenständig zwei zuvor unbekannte Software-Lücken aus. Fortgeschrittene Hacking-Funktionen erhalten vorerst nur geprüfte Partner im Sicherheitsprogramm Daybreak.
Astra baut im Test vollständige Angriffsketten
Für die aktuelle Einstufung stützt sich OpenAI erstmals auf konkrete technische Nachweise statt nur auf eine vorsichtige Risikoeinschätzung. Anfang August hatte das Unternehmen bei Astra eine mögliche kritische Cyberfähigkeit nicht ausschließen können und Teile der Entwicklung pausiert. Beim ExploitBench-Test, der die Fähigkeit zur Entwicklung von Software-Exploits misst, meistert Astra nach Angaben von OpenAI nun sämtliche Aufgaben. Gegen rund zwanzig gehärtete, hochriskante Schwachstellen setzt das Modell zusätzlich zwei zuvor unbekannte Zero-Day-Lücken eigenständig in eine funktionierende Angriffskette um (unabhängig nicht verifiziert). Die betroffenen Softwarehersteller habe OpenAI nach eigenen Angaben bereits informiert.
In weiteren Tests baute Astra eine vollständige Browser-Ausbruchskette: Öffnete ein präpariertes System eine HTML-Datei, verließ das Modell die Browser-Sandbox und führte Befehle auf dem Host-System aus. In einem gehärteten Betriebssystem verband Astra zudem mehrere kleinere Schwachstellen zu einer Rechteausweitung, die aus einem gewöhnlichen Nutzerkonto Root-Zugriff macht – beides ohne menschliche Anleitung bei den einzelnen Schritten. Für die Bewertung zog OpenAI nach eigenen Angaben externe Sicherheitsexpertinnen und -experten hinzu, die die Angriffsketten unter kontrollierten Bedingungen nachstellten.
Zugang zu den stärksten Funktionen bleibt beschränkt
Vor einer breiten Veröffentlichung setzt OpenAI auf ein gestuftes Vorgehen. Zunächst erhält eine kleine Gruppe ausgewählter Tester Zugang, danach folgt die Aufnahme in das bestehende Sicherheitsprogramm Daybreak, dessen Basisstufe Blue bislang externen Verteidigern Zugriff auf entschärfte Modelle gewährt. Die fortgeschrittenen Cyber-Fähigkeiten von Astra bleiben Security Boulevard zufolge ausschließlich geprüften Partnern dieser Koalition vorbehalten. Einen Termin für eine allgemein zugängliche Version nennt OpenAI bislang nicht, ebenso wenig Preise oder eine gesonderte Regelung für Deutschland und die EU. Die Freigabe solle nach eigenen Angaben in Kürze folgen.
Parallel verschärft das Unternehmen die technischen Schutzmaßnahmen. Ein Monitor verfolgt laufend die Gedankenkette des Modells und soll nicht autorisierte Aktionen automatisch erkennen und stoppen. Bei bösartigen Aufforderungen verweigere Astra in 91,5 Prozent der Fälle die Antwort, beim Vorgängermodell GPT-5.6 Sol liege die Quote bei 59 Prozent. Konten mit höherem Risikoprofil erhalten zusätzlich eingeschränkte Antworten, ergänzt um Tests gegen mögliche Ausbrüche während des eigenen Trainings.
Kritik an der Selbsteinschätzung wächst
Astra selbst sei nicht am Einbruch bei Hugging Face im Juli beteiligt gewesen, betont OpenAI – die dabei gewonnenen Erkenntnisse seien jedoch in die neuen Schutzmaßnahmen eingeflossen. Wie belastbar diese Vorkehrungen tatsächlich sind, bleibt umstritten. Yona Shavit, früher bei OpenAI und inzwischen bei der OpenAI Foundation, äußerte laut TechCrunch Zweifel an Astras Regelkonformität. Sie könnte echte Sicherheit widerspiegeln – oder nur die Erwartungen der Prüfenden. Eine externe Bestätigung der Einstufung steht weiterhin aus, wie schon im August beruht sie ausschließlich auf OpenAIs eigenen Bewertungen.
Die Einstufung fügt sich in eine Serie ähnlicher Warnungen. Erst Ende August warnten OpenAI, Anthropic und mehr als hundert weitere Unternehmen in einem offenen Brief vor einem nur noch wenige Monate währenden Zeitfenster für die Cyberabwehr. Der Brief forderte höhere Investitionen, geteilte Bedrohungsdaten und stärkere staatliche Unterstützung für Verteidiger kritischer Infrastruktur. Astra liefert nun das bislang konkreteste, öffentlich dokumentierte Beispiel für die dort beschriebene Fähigkeitsentwicklung bei Cyberangriffen.
Offen bleibt, ob der gestufte, auf Partnerorganisationen begrenzte Zugang tatsächlich verhindert, dass Zugangsdaten zu den mächtigsten Astra-Funktionen in falsche Hände geraten. Ein Modell, das Angriffsketten derart zuverlässig baut, wäre schließlich auch für Angreifer wertvoll. Unklar ist zudem, ob und wann Sicherheitsbehörden oder -firmen aus Deutschland und der EU in den Daybreak-Partnerkreis aufgenommen werden, den OpenAI bislang nicht vollständig öffentlich nennt.


