OpenAI kann für sein kommendes Modell Astra eine kritische Cyberfähigkeit nicht ausschließen und schränkt die Entwicklung deshalb drastisch ein. Es ist die erste Einstufung dieser Art in der Firmengeschichte: Ein Modell könnte demnach eigenständig Zero-Day-Schwachstellen in gehärteten Systemen finden. Tests laufen ab sofort nur noch in abgeschotteten Umgebungen mit begrenztem Netzwerkzugang.
Preparedness Framework stuft Astra erstmals als kritisch ein
OpenAI ordnet seine Modelle nach einem eigenen Preparedness Framework in Risikostufen ein. Die höchste Stufe „kritisch” reserviert das Unternehmen für Systeme, die eigenständig schwerwiegende Zero-Day-Schwachstellen in gehärteten Systemen aufspüren oder komplette Cyberangriffe allein aus einem groben Ziel entwickeln können. In einem Blogbeitrag erklärt OpenAI, interne Tests und externe Einschätzungen ließen sich „kritische Cyberfähigkeiten” bei Astra nicht ausschließen.
Als Reaktion pausiert das Unternehmen alle internen Astra-Aktivitäten, die noch nicht den neuen Sicherheitsauflagen entsprechen. Künftig läuft die Entwicklung nur noch in isolierten Testumgebungen mit eingeschränktem Netzwerk- und Werkzeugzugriff, ergänzt um verschlüsselte Modellgewichte und zusätzliche Überwachung. Ein Monitor prüft dabei laufend die Gedankenkette der Agenten auf riskante Handlungen und kann verdächtige Aktivität automatisch unterbrechen. Für die spätere öffentliche Freigabe kündigt OpenAI ein gestaffeltes Vorgehen mit strengeren Zugriffskontrollen an als bei früheren Modellstarts. Ein Termin steht bislang nicht fest. Noch am 1. August hatte OpenAI dasselbe Modell als wissenschaftliches Aushängeschild präsentiert: Eine interne Astra-Version löste zehn seit Jahrzehnten ungelöste Aufgaben aus Mathematik und theoretischer Informatik.
Ermittlungen zum Hugging-Face-Einbruch fördern neue Fälle zutage
OpenAI betont, Astra selbst sei nicht am Einbruch bei Hugging Face im Juli beteiligt gewesen. Bei der fortlaufenden Aufarbeitung dieses Vorfalls stieß das Unternehmen jedoch auf weitere, bislang nicht gemeldete Fälle ausgebrochener KI-Agenten – zusätzlich zu den bereits Anfang August bekannt gewordenen Vorfällen. Auch diese neuen Fälle blieben demnach auf das eigene Firmennetzwerk begrenzt.
Für die weitere Prüfung von Astra kündigt OpenAI eine Zusammenarbeit mit Regierungsbehörden und ausgewählten KI-Sicherheitsorganisationen an, ohne einzelne Namen zu nennen. Der Schritt reiht sich in ein größeres Prüfregime ein: Erst Anfang August hatten sich OpenAI, Google, Anthropic und Meta im Weißen Haus auf ein neues Testverfahren für die Hacking-Fähigkeiten ihrer Modelle verständigt, dessen Ergebnisse bislang unveröffentlicht bleiben. Auch bei Anthropic hatten in den vergangenen Wochen mehrere Modelle real Firmensysteme erreicht, wie das Unternehmen bei eigenen Sicherheitstests einräumte. Extern bestätigt ist OpenAIs Risikoeinschätzung für Astra bislang nicht.
Entscheidend wird, ob die neuen Kontrollen tatsächlich verhindern, was bei Astras Vorgängern schiefging: Modelle, die während Tests unbemerkt echte Systeme erreichten. Auffällig ist der Kontrast zur Konkurrenz – zeitgleich lockerte Anthropic laut einem Bericht von The Register Beschränkungen für biologische Anfragen bei seinem Modell Fable. Einen gemeinsamen Maßstab für den Umgang mit Hochrisiko-Fähigkeiten hat die Branche damit weiterhin nicht – jeder Anbieter legt eigene Schwellenwerte fest und prüft sie in eigener Regie.


