Anthropic hat offiziell bestätigt, ein eigenes Team für den Entwurf kundenspezifischer KI-Chips aufzubauen. Die Inferenz-Kosten für das Sprachmodell Claude sollen dadurch nach Unternehmensangaben um bis zu 50 Prozent sinken. Technischer Kopf ist Clive Chan, der zuvor am Chip-Programm von OpenAI mitgearbeitet hat.
Chip und Modell entstehen aus einer Hand
Anthropic setzt auf sogenanntes Co-Design: Die Architektur des Chips und die Struktur des Claude-Modells sollen gemeinsam entwickelt werden, statt Software nachträglich an fertige Hardware anzupassen. Wie Data Center Dynamics berichtet, verfolgt Anthropic damit denselben Ansatz wie Apple bei seinen M-Chips oder Google bei den eigenen Tensor Processing Units. Das Verfahren gilt in der Branche als Weg zu spürbaren Effizienzgewinnen. Die Zielmarke von 50 Prozent geringeren Inferenz-Kosten ist eine von Anthropic genannte Ansage, unabhängig nicht verifiziert.
Geleitet wird das Programm von Clive Chan, der im Juni 2026 zu Anthropic wechselte. Chan war zuvor der zweite Hardware-Mitarbeiter im Chip-Team von OpenAI und arbeitete dort rund zweieinhalb Jahre am gemeinsam mit Broadcom entwickelten Inferenz-Chip „Jalapeño”. Davor sammelte er bei Tesla Erfahrung mit firmeneigenen KI-Beschleunigern für das Autopilot-Team.
Für den Teamaufbau sucht Anthropic gezielt Halbleiter-Ingenieure, mit Jahresgehältern von bis zu 485.000 Dollar – ein Hinweis auf den Umfang der geplanten Investition. Erste Gespräche über eine Fertigung mit dem südkoreanischen Konzern Samsung laufen laut Tom’s Hardware bereits seit Juli 2026, in einem 2-Nanometer-Verfahren. Zweck, Serverkonfiguration und Leistungsdaten des möglichen Chips stehen den Berichten zufolge noch nicht fest.
Nvidia, Amazon und Google bleiben im Boot
Ein Umstieg auf ausschließlich eigene Hardware ist nicht geplant. Ein Anthropic-Sprecher ordnete das neue Team als jüngsten Baustein der bestehenden Mehr-Chip-Strategie ein und betonte, die Mischung aus mehreren Zulieferern bleibe zentral. Anthropic trainiert und betreibt Claude bereits auf mehr als einer Million Trainium2-Chips von Amazon Web Services sowie auf Tensor Processing Units von Google.
Google und Broadcom haben zusätzlich mehrere Gigawatt an TPU-Kapazität der nächsten Generation zugesagt, die ab 2027 verfügbar sein soll. Im Juli 2026 kam eine strategische Partnerschaft mit AMD hinzu: bis zu zwei Gigawatt an Grafikchips der MI450-Serie, das erste Gigawatt soll ab der ersten Hälfte 2027 in Betrieb gehen.
Die Diversifizierung dient Anthropic als Verhandlungsmasse gegenüber einzelnen Zulieferern bei Lieferengpässen, Preisen und Entwicklungs-Roadmaps. Erst diese Woche sicherte sich das Unternehmen über das norwegische Start-up Volta zusätzliche Rechenleistung im Wert von 10 Milliarden Dollar. Ergänzend verknüpfte Google gemeinsam mit Partnern eine Kreditfinanzierung über rund 200 Milliarden Dollar für weitere Anthropic-Chip-Käufe.
Auch Konkurrenten entwickeln eigene KI-Chips
Anthropic ist nicht das einzige KI-Labor, das auf eigene Rechenchips setzt. Auch das chinesische Unternehmen DeepSeek entwickelt einen eigenen Inferenz-Chip, um die Abhängigkeit von Nvidia- und Huawei-Hardware zu verringern. Alibaba und Baidu verfolgen laut Branchenberichten ähnliche Strategien. Der Chip-Hersteller AMD wiederum kaufte erst am 6. August 2026 das Toronto-Start-up Taalas, das komplette KI-Modelle direkt in Silizium einbrennt und dadurch die Inferenz beschleunigt. Auch Meta hat bereits die Serienproduktion eigener KI-Chips gestartet, um seine weltweite Rechenkapazität zu verdoppeln.
Der Trend spiegelt einen branchenweiten Kostendruck: Je mehr Anfragen Chatbots wie Claude, ChatGPT oder Gemini täglich beantworten, desto stärker schlagen Stromkosten und die Abschreibung der Rechenzentren zu Buche. Spezialisierte, auf ein bestimmtes Modell zugeschnittene Chips versprechen dabei größere Effizienzgewinne als general-purpose-Grafikprozessoren von Nvidia. Nvidia kontrolliert weiterhin den Großteil des Marktes für KI-Beschleuniger, was den wirtschaftlichen Druck auf Kunden wie Anthropic erhöht, Alternativen zu entwickeln.
Offen bleibt, wann ein erster von Anthropic mitentworfener Chip tatsächlich in Serie geht. Das Unternehmen nennt bislang keinen Zeitplan, und die Gespräche mit Samsung befinden sich Berichten zufolge noch in einer frühen Phase. Für Kundinnen und Kunden von Claude dürfte ein Effekt ohnehin erst mit Verzögerung spürbar werden, sollte Anthropic die angestrebte Kostensenkung überhaupt erreichen. Zwischen einer bestätigten Teamgründung und einem ausgelieferten Server-Chip liegen in der Branche erfahrungsgemäß mehrere Jahre.


