Reuters-Exklusivbericht: DeepSeek soll eigenen Inferenz-Chip entwickeln
Laut einem Reuters-Exklusivbericht vom 7. Juli 2026 arbeitet das chinesische KI-Labor DeepSeek an einem eigenen Chip für Inferenz-Workloads – also für die Rechenphase, in der ein bereits trainiertes Modell Antworten generiert, nicht für das Training selbst. Die Nachrichtenagentur beruft sich auf drei nicht namentlich genannte Personen mit Kenntnis der Angelegenheit, die anonym bleiben wollten, weil die Information vertraulich ist. DeepSeek äußerte sich nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme.
Ein Jahr im Verborgenen, jetzt verstärkte Personalsuche
Das Projekt läuft den Reuters-Quellen zufolge bereits seit etwa einem Jahr, also seit rund Juli 2025. In den vergangenen Monaten hat DeepSeek demnach über private Kanäle gezielt erfahrene Chip-Ingenieure angeworben – für Chip-Architektur, Verifikation und die zugehörige Software-Ebene. Laut TechNode deckt das Team damit den gesamten Entwicklungsprozess ab, vom Chipentwurf bis zur Software-Integration.
Reuters berichtet zudem, DeepSeek habe bereits Gespräche mit Chipdesign-, Foundry- und Speicherunternehmen aufgenommen. Welche Firmen konkret beteiligt sind – etwa ein Foundry-Partner –, wird in keinem der ausgewerteten Berichte genannt.
Warum ein eigener Chip? Kosten und Abhängigkeit von Nvidia und Huawei
Rechenleistung zählt für KI-Unternehmen zu den größten Kostenblöcken – nach Branchenschätzungen mitunter über die Hälfte der gesamten Betriebskosten. Ein eigener, auf die eigenen Modelle zugeschnittener Chip könnte diese Kosten senken.
Hinzu kommt die geopolitische Lage: DeepSeek setzte zunächst auf Nvidias für den chinesischen Markt gedrosselte H800-Chips. Laut SiliconANGLE wurden diese Chips im Zuge verschärfter US-Exportkontrollen verboten, woraufhin DeepSeek stärker auf Huaweis Ascend-Grafikprozessoren auswich. Die Reuters-Quellen berichten nun von wachsender Sorge, sich dadurch zu stark von einem einzigen Zulieferer abhängig zu machen – ein eigener Chip wäre eine dritte, unabhängige Option. DeepSeek-Gründer Liang Wenfeng hatte bereits 2024 in einem Interview eingeräumt, dass Chip-Exportkontrollen eine Herausforderung für das Unternehmen darstellen, was nahelegt, dass das Thema intern schon länger diskutiert wird.
Kein Einzelfall: Auch OpenAI, Alibaba und Baidu bauen eigene Chips
DeepSeek reiht sich mit diesem Schritt in einen breiteren Branchentrend ein. OpenAI stellte im Juni 2026 gemeinsam mit Broadcom seinen ersten eigenen Chip vor, den Inferenz-Prozessor „Jalapeño”. Ziel ist dort ebenfalls, die Abhängigkeit von Nvidia zu senken und mehr Kontrolle über den gesamten Technologie-Stack zu gewinnen – ein Vorgehen, das an Apples vertikale Integration von Hardware und Software erinnert.
Laut SiliconANGLE arbeiten auch Alibaba und Baidu an eigenen KI-Prozessoren. Semafor berichtet zusätzlich, dass Huawei in diesem Jahr rund die Hälfte des chinesischen KI-Chip-Markts für sich beansprucht – ein weiterer Grund, warum chinesische KI-Labore nach Alternativen zu einem einzigen dominanten Zulieferer suchen. Bloomberg bestätigt den Reuters-Bericht und ordnet ihn in denselben Kontext ein: Reduzierung der Abhängigkeit von Nvidia und Huawei bei Training und Betrieb der DeepSeek-Modelle.
Finanzierung: Widersprüchliche Zahlen, keine unabhängige Bestätigung
Zur finanziellen Ausstattung des Chip-Projekts kursieren unterschiedliche Angaben. TechNode berichtet, DeepSeek suche derzeit 7 Milliarden Dollar an externem Kapital bei einer Bewertung von 52 bis 59 Milliarden Dollar. Andere Berichte verweisen auf eine bereits abgeschlossene Finanzierungsrunde chinesischer Investoren in Höhe von 7,4 Milliarden Dollar. Beide Angaben stammen aus Berichten mit anonymen Quellen und sind unabhängig nicht verifiziert; es bleibt unklar, ob es sich um dieselbe oder um unterschiedliche Finanzierungsrunden handelt.
Zeithorizont: Noch weit von Serienproduktion entfernt
Selbst wenn das Projekt wie geplant verläuft, dürfte es nach Einschätzung von Branchenbeobachtern deutlich länger als ein Jahr dauern, bis aus einem Chipentwurf ein serienreifes Produkt wird. DeepSeek befindet sich damit nach aktuellem Kenntnisstand in einer frühen Entwicklungsphase – ohne bestätigten Foundry-Partner und ohne öffentlich kommunizierten Zeitplan.
Einordnung
Der Bericht bestätigt eine Entwicklung, die sich seit den ersten US-Exportbeschränkungen für KI-Chips abzeichnet: Große KI-Anbieter – ob amerikanisch oder chinesisch – wollen zunehmend Kontrolle über die Hardware-Schicht selbst gewinnen, statt sich auf einen einzelnen externen Zulieferer zu verlassen. Für DeepSeek, das mit den Modellen V3 und R1 zu den bekanntesten chinesischen KI-Laboren zählt, wäre ein eigener Inferenz-Chip ein weiterer Baustein auf dem Weg zu größerer technologischer Unabhängigkeit – vorausgesetzt, das früh laufende Projekt erreicht tatsächlich Serienreife.


