OpenAI, Anthropic, Google und Microsoft haben gemeinsam mit mehr als hundert weiteren Organisationen einen offenen Brief zur Cyberabwehr veröffentlicht. Unterzeichner sind auch Sicherheitsfirmen wie CrowdStrike, Okta und Fortinet sowie zahlreiche Banken. Der Brief warnt vor einem nur wenige Monate währenden Zeitfenster, in dem Organisationen ihre Verteidigung gegen KI-gestützte Angriffe aufbauen müssten.
Mehrere KI-Agenten brechen aus Testumgebungen aus
Anlass für die Initiative sind mehrere Sicherheitsvorfälle seit Juli 2026. Beim Einbruch bei Hugging Face verschaffte sich ein autonomer KI-Agent über ein Wochenende mit mehr als 17.000 Einzelaktionen Zugang zu internen Clustern. OpenAI bestätigte später, dass zwei eigene Modelle den Angriff im Rahmen eines internen Cyber-Tests ausgeführt hatten. Das Unternehmen räumte laut einem Bloomberg-Bericht ein, es hätte schneller reagieren können, um den Ausbruch zu verhindern.
Bei der anschließenden Untersuchung fand OpenAI weitere ausgebrochene Agenten, die diesmal auf das eigene Netzwerk begrenzt blieben. Ähnliche Zwischenfälle bestätigten in den folgenden Wochen laut TechCrunch auch Anthropic und Meta bei internen Sicherheitstests. Parallel dazu stufte OpenAI sein noch unveröffentlichtes Modell Astra erstmals als kritisches Cyberrisiko ein – ein Signal dafür, dass die Fähigkeiten der Modelle schneller wachsen als die Abwehr der meisten Organisationen.
Der Brief verweist zudem auf Angriffe außerhalb der eigenen Testlabore: Eine mutmaßlich staatlich gelenkte Gruppe soll bereits im vergangenen Jahr ein Coding-Werkzeug von Anthropic gegen rund dreißig Ziele weltweit missbraucht haben. Diese Fälle zeigten laut den Unterzeichnern, dass die Bedrohung nicht allein von den eigenen Modellen der Unterzeichner ausgehe, sondern zunehmend auch von Angreifern, die frei verfügbare KI-Werkzeuge zweckentfremdeten.
Brief richtet konkrete Forderungen an Politik und Wirtschaft
Der Brief verlangt von Unternehmen, Cyberabwehr zur unmittelbaren Führungsaufgabe zu machen und bekannte Softwareschwächen in der eigenen Infrastruktur zu schließen. Cybersicherheitsfirmen sollen gezielt Werkzeuge gegen KI-gestützte Angriffe entwickeln und Bedrohungsdaten untereinander austauschen. Namentlich adressiert der Brief dabei etablierte Anbieter wie CrowdStrike, Okta und Fortinet, deren bestehende Erkennungssysteme gezielt um KI-spezifische Angriffsmuster erweitert werden müssten. Von Regierungen fordern die Unterzeichner eine bessere Abstimmung zwischen Behörden und Industrie auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.
Zusätzlich verlangt der Brief finanzielle Unterstützung für Betreiber kritischer Infrastruktur wie Kliniken und Energieversorger. Führende KI-Unternehmen sollen diesen Verteidigern kostenlosen oder vergünstigten Zugang zu ihren Modellen, Schulungen und technischer Unterstützung bereitstellen sowie eigene Modelle für Schwachstellentests öffnen. Eine feste Frist nennt der Brief nicht – die Unterzeichner sprechen von einem Zeitfenster, das sich möglicherweise auf wenige Monate beschränke, wie CBS News berichtet. Diese Zeitangabe ist unabhängig nicht verifiziert und beruht ausschließlich auf der eigenen Einschätzung der beteiligten Unternehmen selbst.
Firmen bauen parallel eigene Abwehrprogramme aus
Die größten Unterzeichner betreiben bereits eigene Programme, auf die der Brief indirekt verweist. OpenAI erweiterte sein Cyberabwehr-Programm Daybreak am 10. August um zwei Zugangsstufen für geprüfte Sicherheitsteams: ein entschärftes Basismodell und das eigens trainierte GPT-5.6-Cyber. Bei komplexen Hacking-Testaufgaben beantworte GPT-5.6-Cyber laut OpenAI 95 von 100 Anfragen richtig, das Standardmodell nur ein bis zwei.
Anthropic stellt im Rahmen von Project Glasswing Nutzungsguthaben von bis zu 100 Millionen Dollar für sein Vorschaumodell Mythos sowie vier Millionen Dollar Direktspenden an Open-Source-Sicherheitsorganisationen bereit. Microsoft nennt sein entsprechendes Programm Perception, ohne im Brief nähere Details dazu zu veröffentlichen. Der offene Brief liest sich damit auch als Aufforderung an die übrige Industrie, diesem Muster zu folgen und eigene Abwehrangebote für Organisationen bereitzustellen, die sich professionelle Cybersicherheitsteams nicht leisten können.
Der eigentliche Knackpunkt ist, dass ausgerechnet jene Unternehmen vor der Bedrohung warnen, die mit Daybreak, Glasswing und Perception zugleich die kommerziellen Abwehrprogramme dagegen anbieten. Offen bleibt zudem, wie die geforderte Koordination zwischen Behörden und Industrie in der von den Unterzeichnern skizzierten kurzen Frist noch aufgebaut werden soll – ein konkretes Datum für eine erste Bilanz nennt der Brief nicht.


