Der KI-fokussierte Hedgefonds Situational Awareness von Investor Leopold Aschenbrenner ist binnen weniger Tage von 45 auf rund 10 Milliarden Dollar geschrumpft. Kursverluste bei Halbleiter- und KI-Infrastrukturwerten lösten Nachschussforderungen der finanzierenden Banken aus, weshalb der Fonds fast sein gesamtes öffentliches Aktienportfolio mit Abschlag an den Rivalen Citadel verkaufen musste.
Vierfache Hebelwirkung verstärkt die Verluste
Aschenbrenner, ein früherer Mitarbeiter des inzwischen aufgelösten Superalignment-Teams von OpenAI, veröffentlichte nach seinem Weggang 2024 den vielbeachteten Essay „Situational Awareness” und gründete im selben Jahr den gleichnamigen Fonds mit rund 225 Millionen Dollar Startkapital von Investoren wie den Stripe-Gründern, Nat Friedman, Daniel Gross und Jane Street. Ohne vorherige Handelserfahrung wettete Aschenbrenner mit bis zu vierfachem Hebel auf den Boom der KI-Infrastruktur und hielt große Positionen bei Halbleiter- und Cloud-Werten wie SK Hynix, CoreWeave, Nebius und Sandisk; parallel ging der Fonds eine Short-Wette auf die Softwarefirma Adobe ein, die sich als Fehleinschätzung erwies. Laut Techtimes erzielte der Fonds im ersten Halbjahr 2026 eine – unabhängig nicht verifizierte – Nettorendite von 439 Prozent und wuchs bis Anfang Juli auf ein Rekordvolumen von 45 Milliarden Dollar an, nachdem eine Pflichtmeldung für das erste Quartal noch ein Volumen von 13,7 Milliarden Dollar auswies. Ende Juli kehrte sich der Trend um: Nebius verlor rund 48 Prozent gegenüber seinem Höchststand, Sandisk brach innerhalb eines Monats um 56 Prozent ein, weitere Kernpositionen gaben zwischen 35 und 47 Prozent nach.
Brief an Anleger geht dem Margin Call voraus
Am 24. Juli schrieb Aschenbrenner seinen Investoren nach Angaben von TheNextWeb, der Ausverkauf biete eines der besten Kaufzeitfenster seit Anfang 2025, und bat sie, bis zum 1. August frisches Kapital nachzuschießen. Das Geld blieb aus. Am Morgen des 30. Juli stellten die Primebroker Bank of America, Goldman Sachs und JPMorgan Chase angesichts des rund vierfach gehebelten Portfolios Nachschussforderungen, wie CNBC berichtete – im Fachjargon Margin Calls genannt: Fällt der Wert hinterlegter Wertpapiere unter eine vertraglich festgelegte Schwelle, verlangen die kreditgebenden Banken zusätzliches Bargeld oder Sicherheiten, sonst verwerten sie die Position selbst. Der kleine Fonds beschäftigte nach eigenen Angaben nur acht Mitarbeitende, darunter vier Investmentprofis, um das milliardenschwere gehebelte Portfolio zu verwalten. Innerhalb von Marktkreisen habe die Schieflage nur wenige überrascht, berichten mehrere der genannten Quellen übereinstimmend – die Kombination aus vierfachem Hebel und konzentrierten Wetten auf wenige Halbleiterwerte habe die Verwundbarkeit bereits Monate zuvor absehbar gemacht. Der Fonds reiht sich damit in einen branchenweiten Ausverkauf bei KI-Infrastrukturwerten ein, der bereits Mitte Juli Halbleiterwerte belastet hatte.
Citadel übernimmt Portfolio, Anthropic-Anteil bleibt privat
Yahoo Finance zufolge setzte sich Ken Griffins Citadel in einem Bieterverfahren gegen den Rivalen Millennium durch und übernahm den Großteil der öffentlichen Aktienpositionen mit Abschlag. Seine nicht-börsennotierten Beteiligungen behielt der Fonds dagegen, darunter einen rund 5 Milliarden Dollar schweren Anteil an Anthropic, das derzeit selbst Investorengespräche vor einem möglichen Börsengang führt. Dieses Privatmarkt-Buch hatte laut den Berichten schon vor dem Ausverkauf rund ein Drittel des Fondsvermögens ausgemacht und blieb von den Nachschussforderungen unberührt, weil es nicht als Sicherheit bei den Primebrokern hinterlegt war. Situational Awareness will nach eigenen Angaben als reine Privatmarkt-Investmentfirma weiterbestehen und künftig auf gehebelte, börsennotierte Wetten verzichten. Für Anlegerinnen und Anleger, die im Rekordjahr frisches Kapital eingebracht hatten, bedeutet der Deal einen Verkauf mit Verlust zu einem Zeitpunkt, den sich Aschenbrenner erklärtermaßen nicht ausgesucht hätte; wie die verbleibenden Fondsanteile künftig bewertet werden, ist bislang nicht öffentlich bekannt. Der schnelle Vollzug binnen weniger Handelstage unterstreicht zudem, wie liquide selbst Milliardenpositionen bei etablierten Marktteilnehmern wie Citadel abgewickelt werden können, sobald ein Verkäufer unter Zeitdruck steht.
Der Fall zeigt, wie stark gehebelt Wetten auf den KI-Infrastruktur-Boom inzwischen sind und wie schnell Kursschwankungen bei einzelnen Halbleiterwerten zu Notverkäufen führen können. Offen bleibt, ob Aschenbrenner nach dem Rückzug ins Privatmarktgeschäft je wieder öffentlich gehandelte Wetten in diesem Umfang eingeht – oder ob der Kollaps anderen hoch gehebelten KI-Fonds als Warnsignal dient.


