Amazon hat seine geplanten Investitionen in Rechenzentren und Künstliche Intelligenz für das laufende Jahr von 200 auf 220 Milliarden Dollar angehoben. Das gab der Konzern am Donnerstag bei der Vorlage der Quartalszahlen bekannt und verwies auf gestiegene Preise für Speicherchips. Gleichzeitig verdreifachte sich der Gewinn auf 62,6 Milliarden Dollar, vor allem dank Kursgewinnen aus der Beteiligung an Anthropic.
AWS wächst so schnell wie seit vier Jahren nicht mehr
Der Konzernumsatz stieg im zweiten Quartal um 20 Prozent auf 200,6 Milliarden Dollar, der operative Gewinn kletterte um 43 Prozent auf 27,5 Milliarden Dollar. Das nordamerikanische Geschäft wuchs um 16 Prozent, das internationale Geschäft um 15 Prozent. Haupttreiber war jedoch die Cloud-Sparte AWS: Sie legte laut den am Donnerstag veröffentlichten Quartalszahlen um 36,7 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar zu – das schnellste Wachstum seit 18 Quartalen, also seit mehr als vier Jahren. Der operative AWS-Gewinn stieg um 63 Prozent, die Marge erreichte 39 Prozent. Die KI- und Chip-Geschäfte von AWS erreichten laut Amazon jeweils eine Jahresrate von mehr als 25 Milliarden Dollar. Der Auftragsbestand der Sparte wuchs im dreistelligen Prozentbereich auf 496 Milliarden Dollar. Diese vertraglich gebundene künftige Nachfrage zeigt, wie stark Firmenkunden weiterhin auf Cloud- und KI-Kapazität von Amazon setzen, obwohl die Konkurrenz von Microsoft und Google um dieselben Kunden wirbt. Der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate rutschte dabei wegen der hohen Investitionen ins Minus.
Steigende Speicherchip-Preise treiben die Investitionsprognose
Die Anhebung der Kapitalausgaben um 20 Milliarden Dollar begründet Amazon laut einem Bericht von Fortune in erster Linie mit gestiegenen Preisen für Speicherchips. Der Effekt betrifft die gesamte Branche: Wie beckmann.ai bereits berichtete, hat auch Samsung seine Preise für KI-Speicherchips um bis zu 20 Prozent angehoben, weil Fertigungskapazitäten für HBM4-Bausteine knapp sind; Marktforscher rechnen bis 2027 sogar mit einer Verdopplung der Vertragspreise für solche Speicherchips. Diese Kosten schlagen unmittelbar auf den Bau neuer Rechenzentren durch, da moderne KI-Beschleuniger auf besonders große Mengen an Hochleistungsspeicher angewiesen sind. Selbst mit dem höheren Budget werde Amazon die Nachfrage nach Rechenkapazität in diesem Jahr nicht vollständig decken können, räumte Vorstandschef Andy Jassy laut CNBC ein. Dieselbe Kapazitätslücke bleibe seiner Einschätzung nach auch 2027 bestehen. Bereits für 2028 zeichne sich eine auffällig hohe Nachfrage ab, auch wenn Amazon dazu bislang keine Zahlen genannt hat. Für Firmenkunden bedeutet das absehbar längere Wartezeiten auf neue Cloud-Kapazität und möglicherweise höhere Preise für Rechenleistung, sollte sich der Engpass wie angekündigt bis mindestens 2027 fortsetzen.
Rekordgewinn wirft Fragen zur Bewertung auf
Der Nettogewinn stieg von 18,2 auf 62,6 Milliarden Dollar. Ein Großteil des Sprungs stammt jedoch nicht aus dem operativen Geschäft, sondern aus einem nicht-operativen Sondereffekt von 53,4 Milliarden Dollar, den Amazon vor allem auf Kursgewinne seiner Beteiligung an Anthropic zurückführt. Der Effekt fällt in eine Woche, in der Investoren die KI-Ausgaben der gesamten Branche kritischer hinterfragen: Nach vergleichbaren Quartalszahlen waren die Aktien von Meta und Alphabet zeitweise deutlich gefallen, weil Anlegerinnen und Anleger an der kurzfristigen Rendite der Investitionen zweifelten. Wie beckmann.ai bereits zu einem Kursrutsch am Nasdaq berichtete, ist diese Skepsis in den vergangenen Wochen gewachsen. Amazons operatives AWS-Wachstum dämpfte die Sorge zunächst, der überwiegend bilanzielle Gewinnsprung dürfte sich in dieser Form aber nicht wiederholen.
Entscheidend wird, ob sich die höheren Ausgaben in messbarem Umsatzwachstum niederschlagen, bevor Investoren ungeduldig werden. Amazon selbst hatte erst im Juli in einer internen Präsentation eingeräumt, dass einzelne KI-Projekte ihr Budget um bis zu 860 Prozent überschritten – ein Kontrast zur nun offensiv kommunizierten Wachstumsstrategie. Der nächste Prüfstein ist das dritte Quartal, für das Amazon einen Umsatz zwischen 197 und 202 Milliarden Dollar in Aussicht stellt.


