Der Nasdaq Composite ist in der vergangenen Handelswoche um fast drei Prozent gefallen, der Philadelphia Semiconductor Index sogar um 8,5 Prozent. Anleger zweifeln zunehmend daran, ob die milliardenschweren Investitionen der großen Tech-Konzerne in KI-Infrastruktur die erhofften Erträge einbringen. Chip-Hersteller wie Micron und Kioxia verloren binnen weniger Wochen zwischen einem Viertel und der Hälfte ihres Börsenwerts.
Halbleiterwerte verlieren stärker als der breite Markt
Der Ausverkauf traf Chip- und Speicherhersteller besonders hart. Der Philadelphia Semiconductor Index liegt nach dem Wochenverlust von 8,5 Prozent rund 19 Prozent unter seinem Junihoch. Wie die Irish Times berichtet, ist das der stärkste Wochenrückgang seit dem zollbedingten Ausverkauf im April 2025. Der Speicherchip-Hersteller Micron verlor allein im Juli rund 25 Prozent seines Börsenwerts. Sandisk und Western Digital büßten im Monatsverlauf jeweils mehr als 30 Prozent ein. Die japanische Kioxia fiel binnen einer Woche um 16 Prozent und liegt seit ihrem Junihoch mehr als 50 Prozent im Minus. Auch die Auftragsfertiger TSMC und ASML gaben nach, um sieben beziehungsweise 4,6 Prozent. In Asien fiel der japanische Nikkei 225 um vier Prozent, der chinesische CSI 300 um 3,6 Prozent. Die chinesischen KI-Anbieter Z.ai und MiniMax verloren 28,5 beziehungsweise 15,6 Prozent an der Börse. Der Rückgang erfasste damit nicht nur US-Werte, sondern die gesamte globale Lieferkette rund um KI-Rechenzentren – von Speicherchips bis zu Auftragsfertigern.
Analysten warnen vor Schulden und ausbleibender Nachfrage
Hinter dem Kursrutsch steht eine grundsätzliche Frage: Rechnen sich die Milliardenausgaben der Hyperscaler für den Aufbau von KI-Rechenzentren schon heute? Zu den größten Investoren zählen Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle – ob sich die Ausgaben auszahlen, dürfte sich erst in einigen Jahren zeigen. Laut CBS News beobachtet die Ökonomin Kate Brennan vom AI Now Institute, dass sich die Konzerne zunehmend über Schuldenmärkte finanzieren, weil die erwarteten Erträge bislang ausblieben. Der Marktstratege Ed Yardeni von Yardeni Research bringt es auf den Punkt: Das KI-Ökosystem gerate ins Wanken, sollte die erhoffte Endkundennachfrage nicht materialisieren. Die Vanguard-Ökonomen Qian Wang und Kevin Khang vergleichen die aktuelle Lage mit der Dotcom-Blase der frühen 2000er-Jahre und rechnen mit einer holprigen Phase an den Märkten. Der Apollo-Analyst Torsten Sløk warnt, enttäuschende Umsätze der Hyperscaler im Cloud- und KI-Geschäft könnten den gesamten Aktienmarkt belasten. Sollten die Konzerne ihre Rechenzentrums-Investitionen daraufhin spürbar zurückfahren, drohe sogar ein Dämpfer für die gesamte US-Konjunktur.
Goldman Sachs beziffert die Investitionen auf 7,6 Billionen Dollar
Wie hoch der Einsatz tatsächlich ist, zeigt eine Analyse von Goldman Sachs vom Mai dieses Jahres. Die Investmentbank beziffert die weltweiten Ausgaben für Rechenleistung, Rechenzentren und Energieversorgung zwischen 2026 und 2031 auf kumuliert rund 7,6 Billionen Dollar. Die jährlichen Investitionen sollen demnach von etwa 765 Milliarden Dollar im laufenden Jahr auf 1,6 Billionen Dollar im Jahr 2031 steigen, ein mehr als verdoppeltes Ausgabenniveau binnen fünf Jahren. Die Goldman-Autoren George Lee und Lucas Greenbaum weisen zugleich auf die Unsicherheit der Prognose hin. Sie hänge stark von Annahmen zur Nutzungsdauer der Chips, zu den Baukosten von Rechenzentren je Megawatt und zum Tempo möglicher Lieferengpässe ab. Die Zahl sei damit deutlich unsicherer, als sie auf den ersten Blick wirkt, schreiben die Autoren selbst. Unabhängig überprüfen lässt sich die Prognose nicht, da sie auf internen Modellannahmen der Bank beruht. Für Anleger liefert die Studie dennoch einen Maßstab, an dem sich künftige Investitionsankündigungen der Hyperscaler messen lassen dürften.
Nicht alle Analysten sehen fundamentale Ursachen
Nicht jeder Marktbeobachter deutet den Ausverkauf als Vertrauensverlust in KI-Geschäftsmodelle. Der HSBC-Stratege Max Kettner führt einen Teil der Bewegung auf das abrupte Ende gehebelter Wetten auf fortgesetzte Kursgewinne zurück, ein nach seinen Worten “brutales Abwickeln” spekulativer Positionen. Der Fondsmanager Hao Hong von Lotus Asset Management spricht von einem technischen Ausverkauf durch quantitative Fonds und nicht von einer grundsätzlichen Neubewertung der Branche. Michael Zigmont von der Visdom Investment Group merkt an, manche Investoren suchten angesichts solider Quartalszahlen schlicht einen Anlass zum Verkaufen. Optimistischer bleibt die UBS Wealth Management. Deren Stratege Charlie Anderson erwartet, dass der S&P 500 bis zum Jahresende trotz der aktuellen Turbulenzen auf 7900 Punkte steigt.
Entscheidend wird, ob die Hyperscaler in ihren kommenden Quartalsberichten belastbare Umsatzzahlen aus ihren KI-Diensten vorlegen können. Bleiben konkrete Erlöse aus, dürfte die Debatte über eine mögliche Überinvestition in KI-Infrastruktur an Schärfe gewinnen – zumal ein wachsender Teil des Ausbaus über Fremdkapital finanziert wird.


