Anthropic bittet seine Aktionäre um Zustimmung zu einer neuen Kapitalstruktur, die den sieben Firmengründern um CEO Dario Amodei dauerhaft die Stimmenmehrheit sichern soll. Trotz eines Kapitalanteils von jeweils nur rund zwei Prozent erhielten sie damit gebündelt 50,1 Prozent der Stimmrechte. Das Modell orientiert sich an der Sonderaktienklasse des Datenanalyse-Unternehmens Palantir.
Sonderaktien sichern Kontrolle unabhängig vom Kapitalanteil
Wie The Information berichtet, soll eine neue Aktienklasse den sieben Gründern – darunter CEO Dario Amodei und Präsidentin Daniela Amodei – kollektiv 50,1 Prozent aller Stimmrechte bei den meisten Unternehmensentscheidungen zuweisen. Die Regelung bleibt wirksam, solange mindestens drei der sieben Gründer eine festgelegte Mindestzahl an Anteilen halten. Von der neuen Stimmklasse ausdrücklich ausgenommen ist die Wahl des siebenköpfigen Vorstands, in dem aktuell ein Sitz unbesetzt ist. Zusätzlich soll Anthropic Mitarbeitenden eine eigene Aktiengattung geben, die bei Pattsituationen zwischen den Stimmblöcken den Ausschlag gibt. Die Sonderaktien selbst sind laut den Berichten nicht mit zusätzlichen wirtschaftlichen Rechten wie Dividenden verknüpft – sie regeln ausschließlich die Kontrolle, nicht die Gewinnbeteiligung. Mehrere Nachrichtenagenturen, darunter Reuters, griffen den Bericht von The Information auf, ohne eigene zusätzliche Angaben zu nennen.
Palantirs Founder-Modell dient als Vorlage – mit doppelt so vielen Köpfen
Das Prinzip variabler Stimmrechte übernimmt Anthropic von Palantir, wo die 2020 eingeführten Class-F-Aktien den drei Gründern Peter Thiel, Alex Karp und Stephen Cohen bis heute knapp 50 Prozent aller Stimmen sichern – unabhängig davon, wie viele Anteile sie im Lauf der Zeit verkaufen. Anthropic verteilt die Kontrolle nun auf mehr als doppelt so viele Personen, was unter großen Tech-Börsengängen der vergangenen Jahre eine seltene Konstruktion darstellt. Das Unternehmen ist zudem als Public Benefit Corporation organisiert, deren Long-Term Benefit Trust unabhängig von der neuen Aktienklasse das Recht behält, die Mehrheit des Vorstands zu bestellen; dem Gremium gehört unter anderem der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke an. Die sieben Gründer hatten sich zudem bereits öffentlich verpflichtet, perspektivisch 80 Prozent ihres persönlichen Vermögens zu spenden – ein Argument, das Anthropic dem Bericht zufolge auch zur Begründung der Stimmrechtsstruktur heranzieht: Sie solle die langfristige Sicherheitsausrichtung des Unternehmens vor kurzfristigem Renditedruck an der Börse schützen.
Börsengang rückt näher, Struktur betrifft künftige Investoren
Die Abstimmung über die neue Aktienklasse fällt in eine Phase, in der Anthropic den eigenen Börsengang vorbereitet: Der Prospekt sollte laut einem früheren Bericht Ende September erscheinen, die Notierung selbst rückte zuletzt wegen aktualisierter Umsatzzahlen auf November. Banken kalkulieren weiterhin mit einer Zielbewertung von rund zwei Billionen Dollar. Käuferinnen und Käufer regulärer Aktien hätten mit der neuen Struktur deutlich weniger Einfluss auf Unternehmensentscheidungen als Anteilseigner ohne Sonderstimmrechte. Marktbeobachter bezeichnen den Bewertungsabschlag, den Investoren für einen solchen Kontrollverlust in Kauf nehmen, häufig als Governance-Discount. Vergleichbare Konstruktionen nutzten in der Vergangenheit bereits Mark Zuckerberg bei Meta und Elon Musk bei SpaceX, um auch nach dem Börsengang die strategische Kontrolle über ihre Unternehmen zu behalten. Auch die Frage möglicher Aktienverkäufe von Alt-Investoren beim Börsengang steht damit in einem neuen Licht, da sie die wirtschaftliche, nicht aber die stimmrechtliche Kontrolle der Gründer berühren würde.
Offen bleibt, ob Investoren angesichts der noch jungen Börsenhistorie von KI-Unternehmen bereit sind, den Kontrollverlust zugunsten von sieben statt nur drei oder vier Gründern hinzunehmen – eine im Vergleich zu Palantir deutlich breitere Machtverteilung, die zugleich das Risiko einzelner Abgänge aus dem Führungskreis streut. Entscheidend dürfte auch sein, ob der für November erwartete Prospekt weitere Details zur Umsetzung liefert, bevor die Aktionäre formell abstimmen.


