KI-Wirtschaft

Anthropic beantragt 50,1 Prozent Stimmrecht für sieben Gründer

3 Min. Lesezeit

TL;DR Too Long; Didn’t read

Die sieben Mitgründer von Anthropic sollen laut einem Bericht künftig 50,1 Prozent aller Stimmrechte kontrollieren, obwohl ihr Kapitalanteil bei jeweils rund zwei Prozent liegt. Grundlage ist eine neue Sonderaktienklasse, die noch von den Aktionären gebilligt werden muss. Das Modell lehnt sich an Palantirs Founder-Voting-Trust an, verteilt die Kontrolle aber auf mehr als doppelt so viele Personen.

Das Anthropic-Logo klebt auf einer Stimmzettel-Urne, aus der ein überdimensionaler Stimmzettel mit der Zahl 50,1 Prozent ragt, umgeben von sieben winzigen Aktienscheinen. Generiertes Bild mit GPT Image 2

Das Wichtigste in Kürze

  • Anthropic will sieben Gründern per Sonderaktien 50,1 Prozent der Stimmrechte sichern – bei nur zwei Prozent Kapitalanteil je Person.
  • Die Struktur bleibt bestehen, solange mindestens drei der sieben Gründer ihre Mindestanteile halten.
  • Vorbild ist Palantirs Founder Voting Trust, der drei Gründern fast 50 Prozent der Stimmen sichert.
  • Über die Besetzung des siebenköpfigen Vorstands entscheidet die neue Aktienklasse ausdrücklich nicht.
  • Mitarbeitende erhalten eigene Sonderaktien, die bei Stimmengleichstand den Ausschlag geben sollen.
  • Die Aktionäre müssen der Struktur noch vor der für November erwarteten Notierung zustimmen.

Anthropic bittet seine Aktionäre um Zustimmung zu einer neuen Kapitalstruktur, die den sieben Firmengründern um CEO Dario Amodei dauerhaft die Stimmenmehrheit sichern soll. Trotz eines Kapitalanteils von jeweils nur rund zwei Prozent erhielten sie damit gebündelt 50,1 Prozent der Stimmrechte. Das Modell orientiert sich an der Sonderaktienklasse des Datenanalyse-Unternehmens Palantir.

Sonderaktien sichern Kontrolle unabhängig vom Kapitalanteil

Wie The Information berichtet, soll eine neue Aktienklasse den sieben Gründern – darunter CEO Dario Amodei und Präsidentin Daniela Amodei – kollektiv 50,1 Prozent aller Stimmrechte bei den meisten Unternehmensentscheidungen zuweisen. Die Regelung bleibt wirksam, solange mindestens drei der sieben Gründer eine festgelegte Mindestzahl an Anteilen halten. Von der neuen Stimmklasse ausdrücklich ausgenommen ist die Wahl des siebenköpfigen Vorstands, in dem aktuell ein Sitz unbesetzt ist. Zusätzlich soll Anthropic Mitarbeitenden eine eigene Aktiengattung geben, die bei Pattsituationen zwischen den Stimmblöcken den Ausschlag gibt. Die Sonderaktien selbst sind laut den Berichten nicht mit zusätzlichen wirtschaftlichen Rechten wie Dividenden verknüpft – sie regeln ausschließlich die Kontrolle, nicht die Gewinnbeteiligung. Mehrere Nachrichtenagenturen, darunter Reuters, griffen den Bericht von The Information auf, ohne eigene zusätzliche Angaben zu nennen.

Palantirs Founder-Modell dient als Vorlage – mit doppelt so vielen Köpfen

Das Prinzip variabler Stimmrechte übernimmt Anthropic von Palantir, wo die 2020 eingeführten Class-F-Aktien den drei Gründern Peter Thiel, Alex Karp und Stephen Cohen bis heute knapp 50 Prozent aller Stimmen sichern – unabhängig davon, wie viele Anteile sie im Lauf der Zeit verkaufen. Anthropic verteilt die Kontrolle nun auf mehr als doppelt so viele Personen, was unter großen Tech-Börsengängen der vergangenen Jahre eine seltene Konstruktion darstellt. Das Unternehmen ist zudem als Public Benefit Corporation organisiert, deren Long-Term Benefit Trust unabhängig von der neuen Aktienklasse das Recht behält, die Mehrheit des Vorstands zu bestellen; dem Gremium gehört unter anderem der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke an. Die sieben Gründer hatten sich zudem bereits öffentlich verpflichtet, perspektivisch 80 Prozent ihres persönlichen Vermögens zu spenden – ein Argument, das Anthropic dem Bericht zufolge auch zur Begründung der Stimmrechtsstruktur heranzieht: Sie solle die langfristige Sicherheitsausrichtung des Unternehmens vor kurzfristigem Renditedruck an der Börse schützen.

Börsengang rückt näher, Struktur betrifft künftige Investoren

Die Abstimmung über die neue Aktienklasse fällt in eine Phase, in der Anthropic den eigenen Börsengang vorbereitet: Der Prospekt sollte laut einem früheren Bericht Ende September erscheinen, die Notierung selbst rückte zuletzt wegen aktualisierter Umsatzzahlen auf November. Banken kalkulieren weiterhin mit einer Zielbewertung von rund zwei Billionen Dollar. Käuferinnen und Käufer regulärer Aktien hätten mit der neuen Struktur deutlich weniger Einfluss auf Unternehmensentscheidungen als Anteilseigner ohne Sonderstimmrechte. Marktbeobachter bezeichnen den Bewertungsabschlag, den Investoren für einen solchen Kontrollverlust in Kauf nehmen, häufig als Governance-Discount. Vergleichbare Konstruktionen nutzten in der Vergangenheit bereits Mark Zuckerberg bei Meta und Elon Musk bei SpaceX, um auch nach dem Börsengang die strategische Kontrolle über ihre Unternehmen zu behalten. Auch die Frage möglicher Aktienverkäufe von Alt-Investoren beim Börsengang steht damit in einem neuen Licht, da sie die wirtschaftliche, nicht aber die stimmrechtliche Kontrolle der Gründer berühren würde.

Offen bleibt, ob Investoren angesichts der noch jungen Börsenhistorie von KI-Unternehmen bereit sind, den Kontrollverlust zugunsten von sieben statt nur drei oder vier Gründern hinzunehmen – eine im Vergleich zu Palantir deutlich breitere Machtverteilung, die zugleich das Risiko einzelner Abgänge aus dem Führungskreis streut. Entscheidend dürfte auch sein, ob der für November erwartete Prospekt weitere Details zur Umsetzung liefert, bevor die Aktionäre formell abstimmen.

Häufige Fragen

Ist die neue Stimmrechtsstruktur bei Anthropic bereits beschlossen?

Nein, die Aktionäre müssen dem Vorschlag laut den vorliegenden Berichten erst noch zustimmen. Ein Termin für die Abstimmung wurde bislang nicht genannt, sie dürfte aber vor der für November angepeilten Börsennotierung liegen.

Warum wählt Anthropic ausgerechnet Palantir als Vorbild?

Palantirs Class-F-Aktien sichern den drei Firmengründern seit dem eigenen Börsengang 2020 dauerhaft knapp die Hälfte aller Stimmen, unabhängig von ihrem tatsächlichen Aktienbesitz. Anthropic übernimmt das Prinzip variabler Stimmrechte, verteilt die Kontrolle aber auf sieben statt drei Personen.

Welche Rolle spielt das Long-Term Benefit Trust von Anthropic dabei?

Das bereits bestehende Aufsichtsgremium, dem unter anderem Ex-Notenbankchef Ben Bernanke angehört, behält unabhängig von der neuen Aktienklasse das Recht, die Mehrheit des Vorstands zu bestellen. Die Sonderstimmrechte der Gründer betreffen vor allem operative und strategische Entscheidungen außerhalb der Vorstandswahl.

Was bedeutet die Struktur für künftige Anthropic-Aktionäre?

Käuferinnen und Käufer der regulären Aktien erhalten damit deutlich geringeren Einfluss auf Unternehmensentscheidungen als bei einer Ein-Aktie-eine-Stimme-Struktur. Analysten sprechen bei solchen Dual-Class-Modellen von einem möglichen Bewertungsabschlag, den Investoren für den Kontrollverlust verlangen.

Nutzen auch andere große Tech-Unternehmen solche Sonderstimmrechte?

Ja, Gründer wie Mark Zuckerberg bei Meta oder Elon Musk bei SpaceX sicherten sich bei ihren Börsengängen ähnliche Konstruktionen mit überproportionalem Stimmgewicht. Unter den großen US-Börsengängen der vergangenen Jahre ist eine derart breite Verteilung auf sieben Gründer aber ungewöhnlich.

Quellen (3)
  1. The Information: Anthropic Seeks Palantir-Style Voting Control for Seven Co-Founders Ahead of IPO
  2. Reuters via Investing.com: Anthropic seeks Palantir-style voting control for seven co-founders ahead of IPO
  3. TechCrunch: Palantir's unusual IPO filing reveals plan to give three founders permanent voting control

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