Der Rechtsverlag C.H.Beck übernimmt für mehr als 100 Millionen Euro die Mehrheit am Berliner Legal-KI-Anbieter Noxtua. Bereits die Serie B hatte C.H.Beck 2025 mit 80,7 Millionen Euro angeführt – seinerzeit die größte Rechts-KI-Finanzierung Europas. Neu im Kreis der Investoren ist der österreichische Verlag Manz, während mehrere frühere Geldgeber aussteigen.
Verlag baut Anteil nach zweiter Finanzierungsrunde aus
C.H.Beck ist bei Noxtua kein neuer Investor. Der 1763 gegründete Münchner Verlag führte bereits die Serie-B-Runde im Frühjahr 2025 an und wird mit der aktuellen Serie C nach eigenen Angaben Mehrheitsgesellschafter. Eine genaue Beteiligungsquote hat das Unternehmen nicht veröffentlicht. Neben C.H.Beck investiert mit dem Verlag Manz aus Österreich erstmals ein zweiter Fachverlag.
Das frische Kapital soll vor allem in Produktentwicklung und die Expansion in weitere europäische Länder fließen, gestützt auf Kooperationen mit Fachverlagen in mehreren Staaten. Dem Tech-Branchendienst tech.eu zufolge steigen im Gegenzug die bisherigen Investoren Global Brain Corporation, KDDI Open Innovation Fund, CMS, Dentons und IOTA-Gründer Dominik Schiener aus. Zusätzlich soll die für Mitte Oktober erwartete Übernahme des französischen Verlags Lextenso Inhalte in die Noxtua-Entwicklung einbringen.
Die Software deckt den gesamten juristischen Schreibprozess ab – von Recherche über die Analyse komplexer Rechtsfragen bis zur Dokumenterstellung. Dafür verknüpft Noxtua eigene KI-Modelle mit kuratierten Rechtsdatenbanken der beteiligten Verlage. Hochwertige Daten in Verbindung mit fortschrittlicher KI-Technologie seien laut C.H.Beck-Vorstand Klaus Weber das Erfolgsrezept in einem sich schnell wandelnden Markt.
Noxtua wächst bei Nutzern, Team und Umsatz
Der 2017 aus Forschung der University of Oxford und des Imperial College London hervorgegangene Anbieter kam 2024 mit der ersten Produktversion auf den Markt. Heute zählt Noxtua nach eigenen Angaben mehr als 30.000 Nutzer, rund 100 Beschäftigte und sechs Standorte in Berlin, Paris, Stockholm, Zagreb, München und Freiburg.
Binnen zwölf Monaten habe sich das Team vervierfacht, binnen vier Monaten der Umsatz verfünffacht, erklärte Noxtua-Chef Leif-Nissen Lundbæk – Zahlen, die unabhängig nicht verifiziert sind. Als Wachstumstreiber nennt das Unternehmen die steigende Nachfrage von Kanzleien und Rechtsabteilungen nach KI-gestützter Recherche.
Zu den wertvollsten deutschen KI-Unternehmen zählt Noxtua bislang nicht, das Ranking führen Firmen wie Helsing und Celonis an. Der Rückzug der bisherigen Geldgeber und der Umstieg auf zwei Fachverlage als Ankerinvestoren markieren für das Start-up dennoch einen strategischen Kurswechsel hin zu einer engeren Bindung an die Rechtsbranche selbst. Ähnliche Konsolidierung zeigt sich international: Erst im September sammelte der US-Anbieter Harvey 550 Millionen Dollar für Rechts-KI ein.
Rechtsbranche testet KI-gestützte Recherche breiter
Das Fachmedium juve.de bezeichnet die Runde als Rekordinvestment und ordnet den Deal in einen zunehmend umkämpften Markt für Rechts-KI in Deutschland ein. Anders als bei rein finanziellen Investoren bindet sich Noxtua damit enger an etablierte Verlage, die über umfangreiche juristische Datenbestände verfügen.
C.H.Beck selbst verweist auf die größte juristische Datenbank im deutschsprachigen Raum mit mehr als 60 Millionen Dokumenten, die künftig noch enger mit der Noxtua-Plattform verzahnt werden soll. Für Kanzleien und Unternehmensjuristen bedeutet das potenziell mehr Kontext bei KI-gestützten Recherchen, aber auch eine stärkere Bindung an einen einzelnen Anbieter.
Für den juristischen Alltag heißt der Deal konkret: Wer Noxtua über eine Kanzlei oder Rechtsabteilung nutzt, bekommt mit der Zeit Zugriff auf umfangreichere Rechtsquellen aus mehreren europäischen Ländern. Die beteiligten Verlage speisen dafür schrittweise ihre Inhalte in die Plattform ein. Für Einzelanwender ändert sich der Zugang zunächst nicht: Noxtua bleibt ein kostenpflichtiges B2B-Produkt für Kanzleien, Unternehmen und Behörden, ein öffentlicher Privatkundentarif ist nicht bekannt.
Entscheidend wird, ob die engere Bindung an einzelne Verlage die inhaltliche Unabhängigkeit der Rechts-KI einschränkt oder ob konkurrierende Anbieter mit offeneren Datenquellen dagegenhalten. Die für Mitte Oktober erwartete Übernahme von Lextenso dürfte ein erster Test dafür sein, wie schnell sich der Verlagsverbund um Noxtua tatsächlich europaweit durchsetzen lässt.


