Der kanadische KI-Anbieter Cohere und das Heidelberger Unternehmen Aleph Alpha haben am 16. September 2026 eine verbindliche Fusionsvereinbarung unterzeichnet. Die neue Firma tritt weltweit unter dem Namen Cohere auf, mit Hauptsitzen in Toronto und Berlin. Heidelberg bleibt als Forschungszentrum erhalten, mehr als 1.000 Beschäftigte arbeiten künftig für das gemeinsame Unternehmen.
Cohere übernimmt die operative Führung, Heidelberg bleibt Forschung
Erste Gespräche über einen Zusammenschluss hatten Cohere und Aleph Alpha bereits im April 2026 bestätigt, mit Rückendeckung der Bundesregierung. Mit der Vereinbarung vom 16. September wird daraus ein verbindlicher Vertrag. Ilhan Scheer, bislang Co-Chef von Aleph Alpha, übernimmt den Posten des Chief Operating Officer bei Cohere; Mitgründer Samuel Weinbach wird Chief Research Officer.
Aleph Alpha bringt nach eigenen Angaben rund 200 Beschäftigte an vier deutschen Standorten sowie Fachwissen zu kleinen Sprachmodellen, europäischen Sprachen und Zugängen zu europäischen Behörden ein. Presseberichte wie SiliconANGLE beziffern das kombinierte Unternehmen auf rund 20 Milliarden Dollar; unabhängig verifiziert ist diese Zahl nicht, offizielle Bewertungsangaben machen beide Firmen nicht. Ebenso unbestätigt bleibt eine kolportierte Aufteilung der Anteile von etwa neunzig zu zehn Prozent zugunsten von Cohere. Das fusionierte Unternehmen beschäftigt der Vereinbarung zufolge künftig mehr als 1.000 Menschen auf beiden Kontinenten, zusätzliche Standorte bestehen unter anderem in London, Paris, Seoul, New York und Montreal.
Wildberger spricht von einem Champion, Kritiker zweifeln am Etikett
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) und sein kanadischer Amtskollege Evan Solomon stellten den Deal gemeinsam vor der Presse vor. Wildberger bezeichnete das fusionierte Unternehmen laut heise online als globalen KI-Champion und sprach von einer Alternative „made in Germany, made in Canada”. Solomon betonte, beide Länder wollten gemeinsam Marktzugang dort, wo ihre Werte geteilt würden.
Beobachter halten dem entgegen, dass eine mehrheitlich kanadisch kontrollierte Firma schwer als Beleg europäischer KI-Souveränität taugt, solange Cohere den größeren Anteil hält. Der Deal reiht sich damit in eine ältere Debatte um Deutschlands KI-Rückstand ein: zu große Hoffnung auf einzelne nationale Champions bei gleichzeitig chronisch knappem Wachstumskapital. Tragfähiger wirkt die konkrete Infrastrukturzusage: Die Schwarz Gruppe, bekannt durch Lidl und Kaufland, stellt über ihre Digitaltochter Schwarz Digits rund 500 Millionen Euro bereit und bindet ihre Cloud-Plattform Stackit als technisches Rückgrat für die gemeinsame KI-Bereitstellung ein. Schwarz Digits verfolgt damit eigene Ziele: geringere Abhängigkeit von chinesischen und US-amerikanischen Hyperscalern sowie domänenspezifische Modelle für die deutsche Industrie. Bereits zuvor hatte die Gruppe milliardenschwere Rechenzentrumspläne verfolgt, darunter ein Vorhaben in Lübbenau im Umfang von elf Milliarden Euro.
Kartellbehörden in drei Ländern müssen noch zustimmen
Der Zusammenschluss ist noch nicht vollzogen. Er bedarf der Freigabe durch die Wettbewerbsbehörden in allen betroffenen Jurisdiktionen: das deutsche Bundeskartellamt, die kanadische Competition Bureau und möglicherweise die Generaldirektion Wettbewerb der EU-Kommission. Zwar liegen beide Unternehmen nach bisherigem Kenntnisstand unter der Umsatzschwelle von 500 Millionen Euro, ab der eine EU-weite Prüfung automatisch greift, doch die Kommission signalisierte zuletzt, Zusammenschlüsse in der KI-Branche genauer zu prüfen. Cohere und Aleph Alpha rechnen nach eigenen Angaben mit einem Abschluss der Transaktion noch in der zweiten Jahreshälfte 2026, einen genauen Termin nennen beide Unternehmen nicht.
Offen bleibt zudem, ob deutsche Behörden die Transaktion zusätzlich einer Investitionsprüfung nach dem Außenwirtschaftsgesetz unterziehen, wie sie bei kritischen Technologien möglich ist; eine entsprechende Ankündigung liegt bislang nicht vor. Auch zu Stellenabbau oder -aufbau am Standort Heidelberg äußerten sich beide Unternehmen bislang nicht konkret, abgesehen von der allgemeinen Zusage weiteren Personalwachstums für Aleph Alpha. Bis zum rechtskräftigen Abschluss firmieren Cohere und Aleph Alpha weiterhin als getrennte Unternehmen und treten am Markt separat auf.
Entscheidend wird, ob die neue Firma unter kanadischer Mehrheitskontrolle in Ausschreibungen von Bund und Ländern künftig überhaupt noch als europäische oder deutsche Lösung zählt – die Antwort bestimmt, ob Behörden und regulierte Branchen sie weiter als Alternative zu US-Anbietern beschaffen. Offen bleibt außerdem, wie viele der rund 200 Heidelberger Arbeitsplätze die Fusion langfristig übersteht, sobald Forschung und Produktentwicklung stärker aus Toronto gesteuert werden. Der nächste konkrete Termin ist der erwartete Transaktionsabschluss in der zweiten Jahreshälfte 2026, vorbehaltlich der noch ausstehenden Kartellfreigaben.


