Der Digitalverband Bitkom meldet erstmals eine Mehrheit: 57 Prozent der deutschen Unternehmen ab 20 Beschäftigten setzen nach eigenen Angaben Künstliche Intelligenz ein, dreimal so viele wie vor zwei Jahren. Die Anwendung konzentriert sich auf Kundenkontakt und Marketing, während laut der Befragung keine Firma ihr KI-Potenzial vollständig ausschöpft. Gleichzeitig wächst die Sorge um Arbeitsplätze und die eigene Existenz.
Firmen setzen KI vor allem im Kundenkontakt ein
Die Bitkom-Erhebung zeigt, wie ungleich Unternehmen die Technologie bislang nutzen. Am weitesten verbreitet ist Künstliche Intelligenz im Kundenkontakt und in der Bearbeitung von Anfragen, das melden 72 Prozent der KI-nutzenden Firmen. Marketing und Kommunikation folgen mit 54 Prozent, internes Wissensmanagement und Controlling liegen mit rund einem Viertel deutlich dahinter. Auch in eigene Produkte und Dienstleistungen fließt die Technologie zunehmend ein: 20 Prozent der Unternehmen bauen KI bereits direkt in ihr Angebot ein, vor einem Jahr waren es erst 12 Prozent. Trotz der raschen Verbreitung schöpft nach eigener Einschätzung keines der befragten Unternehmen das Potenzial der Technologie vollständig aus.
45 Prozent der Unternehmen wollen ihre KI-Ausgaben im laufenden Jahr erhöhen, die Hälfte hält das Budget konstant. Der größte Kostenblock entfällt mit 51 Prozent auf Infrastruktur, Cloud-Dienste und Rechenleistung, gefolgt von der Aufbereitung eigener Daten. Von diesem Nachfrageschub profitieren auch deutsche Anbieter: Firmen wie Helsing oder Celonis zählen inzwischen zu den zehn wertvollsten KI-Unternehmen aus Deutschland, auch wenn ihr Geschäft überwiegend auf internationale Kunden zielt.
Sorge um Arbeitsplätze und Existenz wächst parallel
Neben dem Nutzen wächst auch das Unbehagen. 34 Prozent der Unternehmen fürchten laut der Umfrage, dass Künstliche Intelligenz die eigene Existenz gefährdet – elf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Zugleich glauben 61 Prozent, ohne KI-Einsatz habe ihr Unternehmen keine Zukunft mehr, und ein Drittel der KI-Nutzer räumt ein, die Technologie vor allem aus Angst vor dem eigenen Rückstand einzusetzen.
Bei der Beschäftigung überwiegt eine vorsichtig negative Erwartung: 45 Prozent der Firmen rechnen binnen zwei Jahren mit einem leichten, zwölf Prozent mit einem deutlichen Rückgang der Belegschaft. Unternehmen, die KI bereits produktiv nutzen, erwarten dabei seltener Stellenabbau als Betriebe ohne KI-Einsatz. Bitkom-Präsident Wintergerst ordnet den Wandel als Chance für eine alternde Volkswirtschaft mit Fachkräftemangel ein: Tätigkeiten verändern sich, manche Berufsbilder verschwinden, neue entstehen.
Wie tief dieser Umbruch reicht, thematisiert auch Bill Gates in seinem viel diskutierten Essay zum KI-Umbruch am Arbeitsmarkt. Als größtes Hindernis für den Ausbau nennen KI-nutzende Firmen fehlende Kompetenzen: 66 Prozent bewerten die KI-Fähigkeiten ihrer Beschäftigten als gering, weshalb inzwischen 70 Prozent Schulungen anbieten – deutlich mehr als im Vorjahr.
EU-KI-Gesetz verunsichert trotz Übergangsfristen
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die europäische KI-Verordnung. 37 Prozent der Unternehmen gehen laut Bitkom inzwischen davon aus, von den Vorgaben des AI Act betroffen zu sein, ein weiteres Drittel prüft die Betroffenheit noch. 89 Prozent der betroffenen Firmen rechnen mit hohem bürokratischem Umsetzungsaufwand, gut die Hälfte sogar mit sehr hohem Aufwand.
Im Schnitt ordnen Unternehmen 2,1 eigene KI-Systeme der strengen Hochrisiko-Kategorie zu, nach 1,5 im Vorjahr – ein Anstieg, der auch mit den im August 2026 in Kraft getretenen Transparenzpflichten zusammenhängt. 66 Prozent der Befragten sehen im AI Act inzwischen mehr Nachteile als Vorteile für deutsche Unternehmen, sechs Prozentpunkte mehr als 2025. Der Gesetzgeber habe eigentlich Vertrauen schaffen wollen, schaffe aber verbreitete Unsicherheit, die mit der Prüfungstiefe sogar wachse, so Wintergerst.
Zusätzlich rückt eine neue Kategorie in den Fokus: Erst elf Prozent der Unternehmen setzen bereits autonome KI-Agenten ein, 29 Prozent planen den Schritt, weitere 31 Prozent diskutieren ihn. Für ein Viertel ist das Thema noch nicht relevant, dürfte an Bedeutung aber zunehmen, sobald die Hochrisiko-Vorgaben der KI-Verordnung auch eigenständig handelnde Agenten stärker erfassen.
Entscheidend wird, ob die Bundesregierung die von Wintergerst geforderte Entlastung bei Daten, Systemintegration und Rechenkapazität liefert, bevor die strengeren Hochrisiko-Pflichten des AI Act 2027 greifen. Digitalminister Karsten Wildberger hat erst im August Platz drei im globalen KI-Wettlauf als Zwischenziel ausgegeben – die Bitkom-Zahlen zeigen, dass dafür vor allem der Mittelstand noch aufholen muss, während die Unternehmen selbst zwischen Aufbruch und Existenzangst schwanken.


