Anthropic hat den früheren Chef der US-Notenbank Federal Reserve, Ben Bernanke, zum neuen Mitglied seines Long-Term Benefit Trust (LTBT) berufen. Das teilte das Unternehmen in einer Mitteilung vom 9. Juli 2026 mit. Bernanke, der die Fed von 2006 bis 2014 durch die Finanzkrise 2008 führte und 2022 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, soll das unabhängige Aufsichtsgremium um ökonomische Expertise erweitern.
Wer ist Ben Bernanke
Bernanke stand acht Jahre lang an der Spitze der Federal Reserve und musste in dieser Zeit eine der schwersten Finanzkrisen der jüngeren Geschichte managen. Zuvor und danach war er über zwei Jahrzehnte als akademischer Ökonom tätig, den Großteil davon in Princeton, wo er zur Großen Depression und zur Rolle von Banken in Finanzkrisen forschte. Für diese Arbeiten erhielt er 2022 den Wirtschaftsnobelpreis. Aktuell ist er Distinguished Fellow an der Brookings Institution in Washington.
Was der Long-Term Benefit Trust ist
Anthropic ist als Public Benefit Corporation organisiert – eine Unternehmensform, die neben dem Gewinnstreben ausdrücklich auch einem definierten Gesellschaftszweck verpflichtet ist. Der LTBT soll diese Verpflichtung institutionell absichern. Laut Anthropics eigener Struktur-Erläuterung hält der Trust eine Sonderaktiengattung (Class T), die ihm erlaubt, eine bestimmte Zahl von Board-Mitgliedern zu wählen und abzuberufen. Diese Zahl wächst gestaffelt nach Zeit- und Finanzierungsmeilensteinen; innerhalb von vier Jahren soll der Trust die Mehrheit der Board-Sitze kontrollieren. Zusätzlich sehen sogenannte Schutzklauseln vor, dass der Trust über bestimmte weitreichende Unternehmensentscheidungen informiert werden muss. Die Trustees selbst sind laut Unternehmen “financially disinterested” – sie halten keine Anteile, erhalten keine Gewinnbeteiligung und werden nur für ihre Tätigkeit vergütet. Bernanke tritt damit einem Gremium bei, dem bislang Neil Buddy Shah (Vorsitz), Richard Fontaine und Mariano-Florentino Cuéllar angehörten.
Ökonomische Expertise für eine wachsende KI-Industrie
Anthropic-Mitgründerin und -Präsidentin Daniela Amodei begründete die Berufung damit, dass KI möglicherweise die bedeutendsten wirtschaftlichen Effekte aller modernen Technologien habe und das Unternehmen sowohl diese Effekte verstehen als auch entsprechend handeln müsse. LTBT-Vorsitzender Neil Buddy Shah verwies auf Bernankes achtjährige Führung der Fed als genau den Erfahrungshintergrund, den der Trust bei seinen Mitgliedern suche. Bernanke selbst wird von Anthropic mit den Worten zitiert: „Das Potenzial künstlicher Intelligenz ist enorm – ebenso wie die Bandbreite möglicher Ergebnisse.” Er solle den Trust künftig dabei unterstützen, Risiken und gesellschaftliche Auswirkungen von KI-Entscheidungen einzuschätzen, insbesondere mit Blick auf Arbeitsmärkte und Wirtschaft.
Kritik an der Struktur
Der LTBT ist seit seiner Gründung 2023 nicht unumstritten. KI-Governance-Beobachter wie der Sicherheitsforscher Zach Stein-Perlman äußerten im Effective-Altruism-Forum frühzeitig Zweifel an der praktischen Durchsetzbarkeit der Trust-Befugnisse. Sein zentrales Argument: Aktionäre können die Trust-Struktur laut Anthropics eigenen Angaben per Supermehrheit ändern oder ganz aufheben – die konkreten Schwellenwerte dafür sind jedoch nicht öffentlich bekannt. Da Anthropic den vollständigen Trust-Vertrag bislang nicht veröffentlicht hat und auch nicht bestätigt, in welchem Umfang der Trust bereits Board-Mitglieder gewählt hat, lässt sich diese Kritik nicht abschließend verifizieren. Anthropic selbst bezeichnet den LTBT als “experimentell” und betont, dass das Gremium nicht in das operative Tagesgeschäft eingreifen solle, sondern sich auf langfristige und extreme Szenarien konzentriere.
Einordnung
Die Personalie fällt in eine Phase, in der Anthropic nach eigenen Angaben und Medienberichten kräftig wächst: Das Unternehmen hat kürzlich milliardenschwere Finanzierungsrunden abgeschlossen, und mehrere Wirtschaftsmedien spekulieren über einen möglichen Börsengang mit einer Bewertung von bis zu einer Billion Dollar – von Anthropic selbst nicht bestätigt. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Berufung Bernankes auch als Signal lesen: Ein Unternehmen, das zunehmend gesamtwirtschaftliche Fragen berührt – von Arbeitsplatzeffekten bis zu Kapitalmarkt-Erwartungen –, sucht sichtbar nach Legitimation durch etablierte ökonomische Autorität. Ob der LTBT dabei tatsächlich als wirksames Korrektiv fungiert oder vor allem als Vertrauenssignal nach außen dient, bleibt angesichts der begrenzten öffentlichen Einsicht in seine Funktionsweise eine offene Frage.


