Der New Yorker Investor Thrive Holdings erhält frisches Kapital, um Buchhaltungs- und IT-Firmen mit künstlicher Intelligenz umzubauen. Wie das Unternehmen am 12. August 2026 mitteilte, fließen zwei Milliarden Dollar von SoftBank, D1 Capital Partners und Altimeter Capital in die nächste Wachstumsphase. Die Bewertung steigt damit auf zwölf Milliarden Dollar.
Investoren bewerten den Firmenumbau mit zwölf Milliarden Dollar
Thrive Holdings ist ein Ableger des OpenAI-Investors Thrive Capital und kauft seit der Gründung im April 2025 Mehrheitsanteile an Dienstleistungsfirmen, um sie mit KI-Werkzeugen umzubauen. Ursprüngliche Eigentümerinnen und Eigentümer behielten dabei einen wesentlichen Anteil an den übernommenen Betrieben. Mit der aktuellen Runde summiert sich das seit der Gründung eingesammelte Kapital auf drei Milliarden Dollar. Neben den drei genannten Investoren beteiligen sich weitere, nicht namentlich genannte institutionelle Geldgeber. Bislang bündelt das Unternehmen zwei Plattformen: Current im Buchhaltungsbereich mit mehr als fünfzig angeschlossenen Kanzleien und rund zweitausend Fachkräften sowie Shield für IT-Dienstleistungen mit etwa zwanzig Firmen. Das frische Kapital soll vor allem den Ausbau dieser beiden Plattformen finanzieren.
Die Investorenliste versammelt bekannte Namen der KI-Finanzierungsszene. SoftBank hat nach eigenen Angaben mehr als 64 Milliarden Dollar in OpenAI investiert, Altimeter Capital und D1 Capital Partners sind zugleich an Anthropic beteiligt. Für sie ist die Wette auf Thrive Holdings auch eine Wette darauf, dass sich KI-Investitionen in klassischen Dienstleistungsbranchen schneller auszahlen als in weiteren Modell-Trainingsrunden.
OpenAI stellt Forschungspersonal für die KI-Agenten ab
Seit Dezember 2025 hält OpenAI eine Beteiligung an Thrive Holdings und entsendet eigene Forschungs- und Produktteams, die gemeinsam mit den operativen Teams arbeiten. Sichtbarstes Ergebnis ist Tax AI, ein auf OpenAIs Codex basierendes System, das Buchhaltungsteams beim Ausfüllen von Steuererklärungen unterstützt. Die Software habe mittlerweile mehr als 7.000 Steuererklärungen bei über dreißig angeschlossenen Kanzleien bearbeitet, mit einer Genauigkeit von rund 97 Prozent und einem gut 50 Prozent höheren Durchsatz. Die Bearbeitungszeit pro Erklärung habe sich dabei um etwa ein Drittel verkürzt. Diese Zahlen stammen ausschließlich von OpenAI und Thrive Holdings selbst und sind unabhängig nicht verifiziert.
Das Prinzip dahinter: Korrigiert eine Fachkraft einen Fehler der Software, wird die Korrektur zu einem strukturierten Testfall, an dem sich Codex eigenständig weiter verbessert. Fehlerkorrekturen der Fachkräfte fließen damit unmittelbar in neue Trainingssignale ein, statt in separaten Entwicklungszyklen verarbeitet zu werden. Auf OpenAI-Seite koordiniert laut Unternehmensangaben Boris Power, Leiter der angewandten Forschung, die Zusammenarbeit in einer zusätzlichen Doppelrolle bei Thrive Holdings. Das zeigt, wie eng beide Unternehmen inzwischen verzahnt sind.
Neue Sparte zielt auf Bauämter und Genehmigungsverfahren
Mit dem frischen Kapital startet Thrive Holdings eine dritte Plattform. Sie soll technische und regulatorische Abläufe rund um Genehmigung, Bau, Zertifizierung und Betrieb physischer Infrastruktur automatisieren – etwa bei Bauämtern, Prüforganisationen und Zulassungsstellen. Das Unternehmen begründet den Schritt damit, die Modernisierung physischer Infrastruktur in den USA erleichtern zu wollen.
Branchenbeobachter ordnen das Modell in einen breiteren Trend ein. Erst am 1. Juli 2026 ging das Mailänder Software-Rollup Bending Spoons an die Nasdaq – nach einer ähnlichen Strategie aus Firmenzukäufen und anschließendem KI-Umbau. Die Marktbewertung kletterte dort am ersten Handelstag zeitweise auf 25,7 Milliarden Dollar. Auch bei anderen KI-Anbietern fließt derzeit viel Kapital in wenige, dafür sehr große Runden. Amazon hatte Ende Juli seine 50-Milliarden-Dollar-Investition in OpenAI abgeschlossen, während Anthropic parallel Investorentreffen vor einem möglichen Börsengang führt. Thrive Holdings positioniert sich damit als Gegenmodell zu reinen Modellentwicklern: Der Wert soll nicht aus neuen KI-Modellen selbst entstehen, sondern aus deren Anwendung in trägen, aber lukrativen Bestandsbranchen.
Offen bleibt, ob sich das Modell über die USA hinaus skalieren lässt. Genehmigungsverfahren für Bauprojekte unterscheiden sich in Europa von Bundesland zu Bundesland und von Land zu Land teils erheblich. Das dürfte eine Automatisierung nach US-Vorbild deutlich komplexer machen als im Buchhaltungs- oder IT-Bereich. Entscheidend wird zudem, ob sich die von OpenAI und Thrive Holdings genannten Effizienzgewinne bei wachsender Fallzahl halten. Bislang stützen sie sich auf eine vergleichsweise kleine Stichprobe von gut 7.000 bearbeiteten Steuererklärungen.


