Google-Chefwissenschaftler Jeff Dean verlässt das Unternehmen nach 27 Jahren und gründet mit dem langjährigen Google-Fellow Sanjay Ghemawat ein eigenes KI-Forschungs-Start-up namens Discovery Loop. Das Unternehmen firmiert als Public-Benefit-Corporation und will wissenschaftliche Entdeckungen durch automatisierte, massenhaft parallele KI-Experimente beschleunigen. Gleichzeitig gibt Demis Hassabis die operative Führung von Google DeepMind ab, während die Alphabet-Aktie nach der Ankündigung zeitweise über vier Prozent verlor.
Discovery Loop automatisiert wissenschaftliche Experimente
Dean trat Google 1999 als dreißigster Mitarbeiter bei und prägte als Chefwissenschaftler zuletzt zentrale KI-Projekte des Konzerns. In einem Blogbeitrag bestätigte Google-Chef Sundar Pichai den Schritt: Dean befinde sich nach 27 „unglaublichen” Jahren an einem Punkt, an dem er etwas Neues ausprobieren wolle, man unterstütze ihn dabei. Dean selbst kündigte die Gründung zusätzlich auf X an.
Neben Ghemawat, der als Senior Fellow zu den dienstältesten Google-Ingenieuren zählt, wechseln laut TechCrunch auch der Google-Brain-Mitbegründer Quoc Le und der DeepMind-Forscher Oriol Vinyals zu Discovery Loop. Das neue Unternehmen soll Entdeckungen in maschinellem Lernen, Wissenschaft und Technik beschleunigen. Dafür sollen Algorithmen tausende Experimente gleichzeitig anstoßen und iterieren und so einen Teil der Forschungsarbeit automatisieren. Dean führte aus, es entstünden sowohl mehr als auch qualitativ bessere Experimente, was zu wissenschaftlichen Durchbrüchen führen solle.
Den Start finanziert eine Seed-Runde, die Radical Ventures und Khosla Ventures anführen. Auch Lightspeed, Kleiner Perkins und Doerr Capital beteiligen sich. Google selbst bleibt Gründungsinvestor und Cloud-Partner des jungen Unternehmens – eine Bewertung nannte keine der Parteien. Der Schritt reiht sich in eine Serie von Ausgründungen erfahrener KI-Forscher ein: Bereits im Juli hatte Reinforcement-Learning-Pionier Richard Sutton mit Oak Lab ein eigenes Labor für kontinuierlich lernende Agenten gegründet.
Hassabis übergibt die operative Führung von DeepMind
Demis Hassabis, der Google DeepMind seit der Fusion mit Google Brain leitet, gibt seine operative Rolle ab. Laut Pichais Blogbeitrag wird er Chairman von Google DeepMind sowie Chief Scientist von Alphabet und bleibt zugleich Chef von Isomorphic Labs, dem KI-Wirkstoffforschungs-Ableger des Konzerns. Künftig arbeite er aus den neuen Londoner Platform-37-Büros. Hassabis begründete den Wechsel damit, dass er nun Zeit und Raum brauche, um sich auf das „große Bild” zu konzentrieren, statt sich um das Tagesgeschäft zu kümmern.
Der DeepMind-Chef hatte sich im Juli mit einem Vorschlag für eine unabhängige KI-Aufsichtsbehörde öffentlich zu Wort gemeldet. In seiner neuen Rolle als Alphabet-Chefwissenschaftler dürfte er solche Grundsatzfragen künftig stärker mit Konzernchef Pichai abstimmen. Die operative Leitung von Google DeepMind übernimmt Koray Kavukcuoglu, bislang Technikchef der Einheit. Er berichtet künftig direkt an Pichai und verantwortet die Entwicklung der Gemini-Modelle, die Frontier-KI-Forschung sowie die Gemini-App und die Entwicklerteams.
Kavukcuoglu arbeitet nach Angaben Pichais bereits seit dreizehn Jahren für die Einheit, seit deren frühen Tagen. Mit ihm rückt erstmals ein reiner Technikmanager an die operative Spitze von Google DeepMind, während Hassabis sich auf strategische und wissenschaftliche Fragen konzentriert.
Wechsel folgt auf Rekordwerte bei Gemini und Gemma
Der Führungswechsel kommt, während Google seine KI-Reichweite ausbaut: Die Gemini-App zählt nach eigenen, unabhängig nicht verifizierten Angaben mittlerweile mehr als 950 Millionen monatliche Nutzer. Die offen verfügbaren Gemma-Modelle wurden Pichai zufolge über 900 Millionen Mal heruntergeladen. Google platziert diese Zahlen bewusst im selben Beitrag – ein Hinweis darauf, dass der Konzern den Umbau aus einer Position vermeintlicher Stärke heraus vollzieht.
An der Börse sorgte die Nachricht dennoch für Bewegung: Die Alphabet-Aktie verlor laut SiliconANGLE im Handelsverlauf zeitweise mehr als vier Prozent. Google hatte seine KI-Sparten 2023 unter der Marke Google DeepMind zusammengeführt, um im Wettbewerb mit OpenAI und Anthropic aufzuholen. Der aktuelle Umbau ist die bislang größte Personalveränderung an der Spitze dieser Einheit.
Entscheidend wird, ob Discovery Loop weitere erfahrene Google-Forscher anzieht und damit den Trend eigenständiger KI-Forschungslabore verstärkt, während der Konzern gleichzeitig seine eigene KI-Führung neu ordnet. Offen bleibt, wie schnell das neue Unternehmen erste konkrete Forschungsergebnisse vorlegt und ob sich die Investition für Google als Gründungsinvestor auszahlt.


