Der Projektmanagement-Anbieter Monday.com aus Tel Aviv baut sein Geschäft radikal um: Ein Fünftel der Belegschaft verliert im Zuge einer neuen KI-Strategie den Job. Das an der Nasdaq notierte Unternehmen bezifferte die Kosten des Umbaus in einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC auf 45 bis 55 Millionen Dollar.
Monday.com baut sein Produkt um KI-Agenten herum
Laut dem bei der SEC eingereichten Formular 6-K betrifft der Abbau rund 620 der weltweit etwa 3.000 Beschäftigten, davon etwa 350 am Hauptsitz in Tel Aviv. Die Restrukturierungskosten von 45 bis 55 Millionen Dollar entfallen laut Unternehmensangaben vor allem auf Abfindungen und aufgegebene Bürofläche und sollen größtenteils in der zweiten Jahreshälfte 2026 verbucht werden.
Im Zentrum des Umbaus steht eine neue KI-Arbeitsplattform: ein no-code App-Baukasten, anpassbare KI-Agenten, eine Automatisierung für Arbeitsabläufe sowie ein Chatbot, der eigenständig Berichte erstellt und Dashboards aktualisiert. Damit reagiert Monday.com auf den Trend zu agentenbasierter Software, bei der einzelne Werkzeuge zunehmend eigenständig Aufgaben erledigen statt nur Vorschläge zu liefern. Monday.com wurde 2012 gegründet und ging 2021 mit einer Bewertung von 6,8 Milliarden Dollar an die Börse; das Unternehmen zählt zu den bekanntesten israelischen Software-Exporten. Trotz der Kürzungen bestätigte Monday.com seine Umsatzprognose für 2026 von 19 bis 20 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr und kündigte an, in ausgewählten strategischen Bereichen weiter einzustellen.
Zinman weist Spar-Vorwürfe zurück
Firmenmitgründer Eran Zinman schrieb den Beschäftigten laut einem von der Times of Israel veröffentlichten Memo, das Unternehmen wechsle vom bloßen Verwalten von Arbeit hin zum tatsächlichen Erledigen von Arbeit gemeinsam mit KI-Systemen. Die Umstrukturierung sei “nicht dazu gedacht, Kosten zu senken oder Menschen durch KI zu ersetzen”, so Zinman. Den Großteil der eingesparten Mittel wolle Monday.com stattdessen in Personal, Produkt und KI reinvestieren. Das Unternehmen kündigte zugleich an, Führungsebenen abzubauen und den verbleibenden Teams mehr Eigenverantwortung zu übertragen, um schneller auf den Einsatz von KI-Agenten im Tagesgeschäft reagieren zu können.
An der Börse kommt diese Darstellung bislang nur bedingt an: Die Monday.com-Aktie ist seit Jahresbeginn 2026 um mehr als die Hälfte gefallen, der Marktwert liegt inzwischen bei rund 3,1 statt der 6,8 Milliarden Dollar beim Börsengang 2021. Ähnliche Umbauten hin zu flacheren Hierarchien beobachten Branchenexperten inzwischen bei mehreren Software-Anbietern, die ihre Organisation auf den Einsatz von KI-Agenten ausrichten. Ob Investorinnen und Investoren dem Umbau langfristig folgen, bleibt damit offen.
Zahlreiche Tech-Firmen begründen Kürzungen mit KI
Monday.com ist damit nicht allein: Eine Übersicht laufender Stellenstreichungen von TechCrunch zählte Ende Juli bereits 21 große Tech-Unternehmen, die 2026 Künstliche Intelligenz als Grund für Personalabbau anführten – darunter Amazon mit rund 16.000, Meta mit rund 8.000 und Microsoft mit etwa 4.800 Stellen. Auch bei anderen genannten Firmen wie Cisco, Oracle und PayPal reichen die betroffenen Anteile von fünf bis zu 20 Prozent der jeweiligen Belegschaft. Bei Meta sorgt der eigene KI-gestützte Auswahlprozess bei Entlassungen bereits für juristischen Streit: 26 Beschäftigte klagen deswegen vor einem Bundesgericht. Insgesamt fielen laut einer Analyse der Financial Times, die TechCrunch zitiert, seit Jahresbeginn 2026 in den USA fast 140.000 Tech-Arbeitsplätze weg.
Wie sehr KI tatsächlich Stellen ersetzt, bleibt umstritten: Eine Untersuchung des Indeed Hiring Lab findet für US-Softwarejobs seit Februar 2025 sogar ein Plus von rund 15 Prozent, während die Gesamtzahl der Stellenanzeigen im Land sank. Firmen mit KI-Begründung für Stellenabbau blieben binnen 30 Handelstagen nach ihrer Ankündigung im Schnitt fast 10 Prozentpunkte hinter dem Nasdaq zurück – ein Hinweis darauf, dass Anlegerinnen und Anleger der Erzählung skeptisch gegenüberstehen.
Offen bleibt, wie viele der in diesem Jahr genannten 21 Fälle tatsächlich auf produktivere KI-Werkzeuge zurückgehen – und wie viele Kürzungen vor allem rhetorisch als KI-Strategie verpackt werden, um Anlegerinnen und Anleger zu beruhigen. Entscheidend wird, ob Monday.com seine Wachstumsprognose trotz des Umbaus hält: Nur dann ließe sich die Erzählung vom produktiveren, KI-gestützten Unternehmen von einer bloßen Kostenkürzung mit neuem Etikett unterscheiden.


