Die EU hat die Ausschreibung für bis zu sieben KI-Gigafabriken eröffnet. Bewerben können sich Konsortien und Zweckgesellschaften bis zum 12. November 2026, die Auswahl soll Anfang 2027 fallen. Erwartet werden Investitionen von mehr als 30 Milliarden Euro – der öffentliche Anteil steht jedoch nur zu einem kleinen Teil fest.
Zwei Lose regeln Größe und Fördersumme
Die Ausschreibung teilt sich in zwei Lose. Los eins umfasst bis zu vier Anlagen mit mindestens 75.000 KI-Beschleunigern, gerechnet in Einheiten der Nvidia-H100-Klasse, und sieht bis zu eine Milliarde Euro öffentliche Unterstützung je Vorhaben vor. Los zwei betrifft bis zu drei größere Anlagen mit mindestens 100.000 Beschleunigern und bis zu zwei Milliarden Euro je Vorhaben.
Die Anlagen sollen sich auf mindestens sieben Mitgliedstaaten verteilen. Nach der Vertragsunterzeichnung bleiben höchstens 18 Monate bis zum Betriebsbeginn. Die zentrale Infrastruktur muss unter europäischer Kontrolle stehen, sensible Betriebsdaten sollen vor dem Zugriff aus Drittstaaten geschützt sein, und die Systeme müssen europäischen Datenschutz- und Sicherheitsvorgaben genügen. Anders als bei klassischer Subvention tritt die öffentliche Hand dabei als Ankerkunde auf und kauft Rechenkapazität ein, statt Zuschüsse auszuzahlen. Diese Abnahmegarantie soll privaten Geldgebern die Finanzierung des Baus erleichtern. Angekündigt hatte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das Vorhaben im Februar 2025 auf dem KI-Gipfel in Paris.
Bewerben dürfen sich nur Konsortien und Zweckgesellschaften
Einzelne Unternehmen können sich nicht bewerben. Zugelassen sind ausschließlich Konsortien oder eigens gegründete Zweckgesellschaften, in denen Firmen, öffentliche Stellen, Investoren und weitere Partner zusammenwirken. Eine Mindest- oder Höchstzahl an Beteiligten schreibt die Ausschreibung nicht vor, ebenso wenig eine feste Rollenverteilung. Eingereicht wird über das EU-Vergabeportal, Stichtag ist der 12. November 2026.
Den Standort können Bewerber frei wählen, solange er auf EU-Gebiet liegt: ein einzelner Ort, mehrere Orte innerhalb eines Mitgliedstaats oder eine über Ländergrenzen hinweg verteilte Anlage. Finanziell müssen sie den weit überwiegenden Teil selbst stemmen – auf jeden Euro öffentlicher Mittel sollen rund zwei Euro privates Kapital kommen. Die Rechentechnik darf aus Europa oder aus verbündeten Staaten stammen. Vorrangigen Zugang zur späteren Rechenleistung sollen Start-ups, Scale-ups, mittelständische Unternehmen, Industrie, Hochschulen und Behörden erhalten – ein Kriterium, an dem sich die Angebote messen lassen müssen.
Telekom, Schwarz Digits und Ionos sondieren eine Bewerbung
In Deutschland formieren sich mehrere Bewerber. Nach Recherchen von Table.Media sind Konsortien um die Deutsche Telekom, Schwarz Digits und Ionos im Gespräch. In Bayern bewirbt sich das Konsortium Blue Swan mit dem Standort Schweinfurt, auch Sachsen-Anhalt hat Interesse angemeldet. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär nennt es erklärtes Ziel der Bundesregierung, dass Deutschland Standort einer KI-Gigafabrik werde; die Konsortien müssten sich jedoch im Wettbewerb durchsetzen. Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume wirbt für Schweinfurt mit einem Gesamtpaket aus Fläche, Netzanschluss und Forschungsumfeld.
Das Interesse war anfangs groß: Auf die vorgeschaltete Interessensbekundung gingen 76 Rückmeldungen für 60 Standorte in 16 Mitgliedstaaten ein. Bis zur eigentlichen Ausschreibung schrumpfte der Kreis der erwarteten Bieter nach Angaben des Portals Techtimes auf etwa zehn. Als Grund gelten die mehrfachen Verschiebungen: Ursprünglich sollte die Ausschreibung Ende 2025 starten, dann Anfang 2026, schließlich im Sommer. Die Deutsche Telekom kündigte an, die Unterlagen zunächst zu prüfen.
Finanzierung und Chip-Abhängigkeit bleiben ungeklärt
Die Finanzierung bleibt der wunde Punkt. Von den bis zu zehn Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln ist derzeit rund eine Milliarde aus laufenden Programmen gesichert; der Rest hängt am nächsten mehrjährigen EU-Finanzrahmen für 2028 bis 2035, über den noch verhandelt wird. Ein Kommissionsvertreter räumte ein, den Entscheidungen zum künftigen Haushalt nicht vorgreifen zu können. Hinzu kommt eine Obergrenze: Öffentliche Zuschüsse dürfen nur einen kleinen Teil der Projektkosten decken, verbindliche Zusagen privater Investoren liegen nicht vor.
Kritik entzündet sich auch an der Chip-Frage. Die EU-Kommission hat Absichtserklärungen mit Nvidia, AMD und Qualcomm geschlossen; 18 Abgeordnete des Europaparlaments fragten daraufhin, wie Gigafabriken strategische Abhängigkeiten verringern sollen, wenn die Rechenschicht vollständig aus den USA stammt. Auch die Energiefrage ist offen: Eine Anlage mit 100.000 Beschleunigern benötigt schätzungsweise 120 bis 150 Megawatt, während europäischer Industriestrom zwei- bis dreimal so teuer ist wie in den USA oder China. Dieselben Schwachstellen hatten sich bereits in der Kette deutscher KI-Fehlentscheidungen gezeigt.
Entscheidend wird, ob private Investoren den weit überwiegenden Teil der Summe tatsächlich aufbringen, solange der öffentliche Anteil vom Ausgang der Haushaltsverhandlungen abhängt. Bis zur Auswahl Anfang 2027 bleibt zudem offen, ob sich genug Konsortien für alle sieben Anlagen finden. Der eigentliche Prüfstein liegt danach: Binnen 18 Monaten müssten Standorte entstehen, für die Netzanschluss und Strompreis bislang nirgends geklärt sind.


