Alibaba hat sein KI-Videomodell Wan3.0 am 24. August 2026 breiter zugänglich gemacht. Nutzer können damit erstmals Geschäftsunterlagen wie Berichte, Tabellen, Präsentationen oder Webseiten automatisch in bis zu 30 Sekunden lange Videos verwandeln. Der Konzern positioniert das Werkzeug damit ausdrücklich für Firmen, nicht nur für Kreativstudios.
Neun Dateiformate werden zu bewegten Bildern
Wan3.0 akzeptiert laut Alibabas eigener Produktdokumentation neun Dateiformate – darunter Word, Excel, PowerPoint, PDF, Text sowie die Apple-Formate Keynote, Pages und Numbers – plus einfache Webseiten-Adressen als Ausgangsmaterial. Aus einem Handbuch soll so ein Schulungsvideo werden, aus einer Foliensammlung eine Produktdemo, aus einem Quartalsbericht eine Videozusammenfassung, ohne dass eine Drehbuchautorin oder ein Schnittprogramm nötig wäre. Das System erzeugt die maximal 30 Sekunden langen Clips in einem Durchgang inklusive Ton und übertrifft damit den Vorgänger Wan2.7, der bei 15 Sekunden endete. Nutzer wählen zwischen drei Auflösungen: 480p, 720p und 1080p; eine 4K-Ausgabe bietet Alibaba nicht an. Über die Programmierschnittstelle berechnet der Konzern pro erzeugter Sekunde 0,3 Yuan für 480p, 0,6 Yuan für 720p und 1,2 Yuan für 1080p – ein 30 Sekunden langer Clip in höchster Auflösung kostet damit rund 36 Yuan, umgerechnet knapp sechs Dollar (unabhängig nicht verifiziert).
Veröffentlichung folgt auf milliardenschwere Kapitalerhöhung
Der Start fällt einen Tag, nachdem Alibaba 10,2 Milliarden Dollar über eine Aktienplatzierung in Hongkong eingesammelt hatte – nach Angaben des Konzerns die größte Kapitalerhöhung eines dort gelisteten Unternehmens. Wie Reuters berichtet, hatte Alibaba zuvor einen Gewinneinbruch von 75 Prozent im Quartalsvergleich gemeldet, den der Konzern auf steigende Investitionen in KI-Infrastruktur zurückführt. Wan3.0 tritt damit in eine Phase, in der Alibaba seine KI-Ausgaben zunehmend über frisches Kapital vom Markt statt aus dem eigenen Cashflow finanziert. Ebenso wie das Sprachmodell Qwen3.8-Max läuft Wan3.0 über die Cloud-Plattform Model Studio. Im Wettbewerbsfeld der KI-Videomodelle konkurriert Wan3.0 vor allem mit Bytedances Seedance 2.5, das bei reiner Bildqualität und komplexen Mehrfachszenen als stärker gilt, dafür aber rund viermal teurer abrechnet; Alibabas Vorteil liegt in der direkten Verarbeitung ganzer Dokumente und Webseiten als Rohmaterial. Seit dem Betastart am 6. August habe der Konzern das Modell bereits für Kurzserien, Werbung, Tourismusclips und Musikvideos eingesetzt.
Zugang bleibt vorerst an chinesische Konten gebunden
Für Firmen in Deutschland und der EU ist der Zugang bislang eingeschränkt. Die kostenlosen Verbraucher-Apps rund um Wan3.0, etwa die Plattformen Tongyi Wan und Qianwen Create, laufen ausschließlich über chinesische Konten und werden in Yuan abgerechnet. Über die internationale Version der Cloud-Plattform mit Rechenzentrum in Singapur können Unternehmen außerhalb Chinas grundsätzlich ein Konto eröffnen und Modelle per Programmierschnittstelle nutzen; ob Wan3.0 dort bereits vollständig freigeschaltet ist, ließ sich unabhängig nicht abschließend klären. Offene Gewichte zum Selbstbetrieb, wie Alibaba sie bei Qwen3.8-Max nachlieferte, hat der Konzern für Wan3.0 bislang nicht angekündigt. Ein konkretes Datum für ein eigenes Rechenzentrum in der EU nennt Alibaba nicht.
Entscheidend wird, ob Firmen aus dem Berichts- und Marketingalltag tatsächlich auf ein chinesisches Cloud-Konto samt Yuan-Abrechnung umsteigen, nur um Tabellen in Videos zu verwandeln, oder ob etablierte Anbieter mit eigenen Dokument-zu-Video-Funktionen nachziehen. Ein europäisches Rechenzentrum für Wan3.0 hat Alibaba bislang nicht in Aussicht gestellt.


