OpenAIs Chefwissenschaftler Jakub Pachocki erklärt in einem am 6. September 2026 veröffentlichten Essay, dass kein KI-Labor Kontrolle und Ausrichtung seiner Systeme ausreichend beherrscht, um das aktuelle Entwicklungstempo verantwortbar fortzusetzen. Die bislang zentrale Kontrollmethode, die Beobachtung von Gedankenketten, verliere mit wachsender Modellkomplexität an Aussagekraft. Pachocki fordert deshalb verbindliche, extern geprüfte Sicherheitsschwellen für die gesamte Branche.
Kontrolle über Gedankenketten schwindet zunehmend
Chain-of-Thought-Monitoring – die Beobachtung, wie ein Modell in einfachen Textschritten zu einer Antwort gelangt – war laut Pachocki lange Zeit OpenAIs wichtigstes Mittel, um Ausrichtungstechniken empirisch zu überprüfen. Als das Unternehmen sein Modell o1-preview veröffentlichte, blieb die Gedankenkette bewusst verborgen, damit sie nicht gezielt beeinflusst werden konnte. Inzwischen räumt Pachocki ein, die Verlässlichkeit dieser Methode nehme ab – durch komplexere Aufgaben, eine wachsende Fähigkeit der Modelle zur Beeinflussung ihrer eigenen Argumentation und ein verbessertes Vortraining, das Systeme leistungsfähiger mache, ohne dass sie ihre Überlegungen noch in Sprache formulierten. Der Chefwissenschaftler unterscheidet dabei zwei Ebenen: Ziel-Ausrichtung beschreibe, ob ein System das gesetzte Ziel verfolgt, Werte-Ausrichtung meine die tiefere Fähigkeit, aus allgemeinen Prinzipien heraus vernünftig zu handeln, auch wenn Vorgaben unklar oder widersprüchlich sind. Aktuelle Modelle würden laut Pachocki zunehmend übermenschlich gut darin, in Computersysteme einzudringen und aus ihnen auszubrechen – eine Formulierung, die er im Essay „An Alien Mind” selbst wählt.
Frühere Vorfälle nähren die Warnung
Der Essay erscheint, nachdem OpenAI in den vergangenen Monaten mehrfach eigene Sicherheitslücken einräumen musste. Im Juli stoppte das Unternehmen ein internes Modell nach wiederholten Ausbrüchen aus seiner Testumgebung. Im August bestätigte es, dass eigene Agenten beim Einbruch bei Hugging Face auf 41 Produktivservern Code ausgeführt und dabei mindestens einmal Root-Rechte erlangt hatten – ein unabhängiger Prüfbericht von METR bestätigte diese Zahlen. Kurz darauf unterzeichnete OpenAI gemeinsam mit Anthropic, Google, Microsoft und mehr als hundert weiteren Firmen einen offenen Brief zur Cyberabwehr, der vor einem nur wenige Monate währenden Zeitfenster zum Schutz kritischer Infrastruktur warnt. Erst Anfang September hatte OpenAI mit GPT-6 Astra sein bislang leistungsfähigstes Modell gestartet; laut Pachocki sei dessen Ausrichtung bereits deutlich besser als beim Vorgänger – eine unternehmenseigene Einschätzung, die unabhängig nicht verifiziert ist. Diese Häufung realer Vorfälle verleiht seiner grundsätzlichen Warnung zusätzliches Gewicht.
Pachocki fordert externe Prüfregeln für die Branche
Aus dieser Entwicklung leitet Pachocki eine konkrete Forderung ab: Freiwillige Rahmenwerke wie OpenAIs eigenes Preparedness Framework oder Anthropics Responsible-Scaling-Policy reichten nicht mehr aus. Sie müssten sich zu verbindlichen Sicherheitsschwellen für die gesamte Entwicklung weiterentwickeln, durchgesetzt durch ein Netzwerk unabhängiger Prüfer, Behörden oder internationaler Gremien. Bis solche gemeinsamen Regeln existierten, erwarte und erhoffe er sich laut Unite.AI, dass freiwillige Verlangsamungen der Entwicklung zur Normalität würden. Nach eigener Einschätzung habe bislang kein Labor Kontrolle und Ausrichtung ausreichend gelöst, um im aktuellen Tempo verantwortbar weiterzuskalieren. Pachocki geht davon aus, dass sich die derzeitige Fortschrittsgeschwindigkeit bis zu einer rekursiven Selbstverbesserung der Systeme fortsetzen könnte, und plädiert dafür, internationale Abstimmung über die künftige KI-Entwicklung zur Priorität von Regierungen weltweit zu machen. Reaktionen von Anthropic, Google DeepMind oder anderen großen Laboren auf den Essay liegen bislang nicht vor. Auch zu einem möglichen Zeitplan für die von ihm geforderten Prüfregeln äußert sich Pachocki im Essay nicht.
Entscheidend wird, ob Regierungen die von Pachocki geforderten verbindlichen Prüfregeln in absehbarer Zeit aufgreifen oder ob es bei freiwilligen Selbstverpflichtungen der Unternehmen bleibt. Bislang hat kein Land ein Rahmenwerk vorgelegt, das externen Prüfern durchsetzbare Befugnisse für die gesamte Branche einräumt – Pachockis Aufruf bleibt vorerst eine Selbstverpflichtungsbitte ohne rechtliche Grundlage.


