Die US-Regierung wirft dem chinesischen Unternehmen Moonshot AI vor, sein Modell Kimi K3 durch groß angelegte, verschleierte Distillation von Anthropics Fable entwickelt zu haben. Das erklärte Wissenschaftsberater Michael Kratsios am 22. Juli auf der Plattform X. Finanzminister Scott Bessent droht bei bestätigtem Diebstahl mit Sanktionen und Einträgen auf die Entity List.
Kratsios beschreibt Verschleierungsplattform mit mehreren Zugängen
Kratsios zufolge entwickelte Moonshot eine interne Software, die automatisiert zwischen mehreren Zugangswegen zu US-Modellen wechselte, um systematische Distillation zu verschleiern. Es ist das erste Mal, dass ein hochrangiger US-Regierungsvertreter ein bestimmtes chinesisches Unternehmen öffentlich namentlich der Modell-Distillation beschuldigt. Auch US-Vizeaußenminister Jacob Helberg äußerte sich in ähnlicher Schärfe zu dem Fall.
Kimi K3 sei so entstanden: ein offenes 2,8-Billionen-Parameter-Modell mit einer Million Token Kontext, das Moonshot am 15. Juli veröffentlichte – gut zwei Wochen, nachdem Anthropic sein Modell Fable am ersten Juli neu gestartet hatte, wie beckmann.ai beim Launch berichtete.
Zusätzlich soll Moonshot Server mit Nvidias GB300-Chips genutzt haben, die unter US-Exportkontrollen fallen und offiziell nicht nach China verkauft werden dürfen. Nach Angaben von Kratsios bezog das Unternehmen die Hardware über Thailand. Finanzminister Scott Bessent erklärte, das Vorgehen sei keine offene Einladung zum Diebstahl amerikanischen geistigen Eigentums. Bei industriellem, verdecktem Technologiediebstahl seien Sanktionen und Einträge auf die Entity List möglich. Ein Kongressausschuss untersucht mutmaßliche Distillation-Angriffe chinesischer Anbieter bereits seit April.
Moonshot bestreitet die Vorwürfe, Fachleute zweifeln am Zeitrahmen
Ein Moonshot-Mitarbeiter reagierte über die Plattform X auf die Vorwürfe: „Wir haben in nur fünfzehn Tagen ein komplett neues Frontier-Modell trainiert.“ Er verwies damit auf den zeitlichen Abstand zwischen Fables Neustart am ersten Juli und Kimi K3s Veröffentlichung am 15. Juli. Ein offizielles Moonshot-Statement blieb aus, mehrere Redaktionen erhielten keine Antwort auf Anfragen.
Der KI-Forscher Braden Hancock vom Laude Institute hält es laut TechCrunch für unwahrscheinlich, dass ein derart starkes Modell binnen zwei Wochen allein durch Distillation entstehen könne. Nathan Lambert vom Allen Institute for AI ergänzt, Distillation werde für chinesische Anbieter mit wachsendem technischem Abstand zur Spitze zunehmend wirkungsloser. Aufwendiges Reinforcement Learning über Millionen Agenten sei über bloße API-Anfragen kaum finanzierbar.
Anthropic hatte bereits im Februar erklärt, mehrere chinesische Anbieter – darunter Moonshot, DeepSeek und MiniMax – hätten über gefälschte Konten und Proxy-Dienste versucht, die Fähigkeiten von Claude-Modellen zu extrahieren. Moonshot habe demnach über hunderte Konten mehr als 3,4 Millionen Anfragen gestellt, mit Fokus auf agentisches Reasoning und Computer-Nutzung. Ob dieselbe Infrastruktur auch für Kimi K3 genutzt wurde, ließ Anthropic zum aktuellen Fall offen.
Entscheidend wird, ob die US-Regierung über die bisherigen Behauptungen hinaus technische Beweise vorlegt – ohne öffentliche Nachweise bleibt der Fall eine Aussage-gegen-Aussage-Situation zwischen Washington und Peking. Für Moonshot steht dabei mehr auf dem Spiel als das Ansehen: Das Unternehmen bereitet laut eigenen Angaben einen Börsengang in Hongkong mit einer angestrebten Bewertung von 30 Milliarden Dollar vor. Sanktionen oder ein Entity-List-Eintrag könnten diesen Plan erheblich erschweren, ebenso den Zugang zu weiterer, dringend benötigter Rechenleistung.


