Anthropic hat die geplante Übernahme des israelischen KI-Start-ups Decart abgebrochen, nachdem der Konzern monatelang verhandelt und eine Due-Diligence-Prüfung durchgeführt hatte. Das Geschäft hätte Decart mit 6 Milliarden Dollar bewertet – anderthalbmal so viel wie bei der letzten Finanzierungsrunde im Mai. Über die Gründe schweigen beide Unternehmen.
Monatelange Prüfung endet ohne Einigung
Erste Berichte über die Gespräche gab es bereits am 13. August 2026, unter anderem bei Fortune, damals schon mit der Zielmarke von 6 Milliarden Dollar. Bloomberg berichtete nun über das Ende der Gespräche. Ein solcher Deal wäre nach bisherigem Kenntnisstand Anthropics größte Übernahme gewesen. Nach Wochen der Prüfung entschied sich der Konzern jedoch dagegen, die Akquisition weiterzuverfolgen – eine finale Einigung habe es nie gegeben. Unklar bleibt, ob der Preis oder Erkenntnisse aus der Due Diligence den Ausschlag gaben. Beide Seiten lehnten eine Stellungnahme gegenüber Bloomberg ab. Offen ist auch, ob Anthropic und Decart stattdessen eine lockere kommerzielle Kooperation vereinbaren, wie eine mit der Sache vertraute Person Bloomberg zufolge andeutete. Vor den Anthropic-Gesprächen soll bereits Nvidia ein höheres Kaufangebot für Decart vorgelegt haben. Die Gründer Dean Leitersdorf und Moshe Shalev entschieden sich mit den übrigen Anteilseignern dennoch für Anthropics niedrigeres Angebot in Aktien – in der Hoffnung, von einem künftigen Anthropic-Börsengang zu profitieren.
Investoren suchen nun nach einem neuen Käufer
Nvidia zählt selbst mit rund 300 Millionen Dollar zu Decarts Geldgebern, neben Amazon, Sequoia, Benchmark, Radical Ventures und Einzelinvestoren wie OpenAI-Mitgründer Andrej Karpathy. Insgesamt sammelte Decart nach eigenen Angaben mehr als 450 Millionen Dollar ein. Bei der Finanzierungsrunde im Mai wurde das Unternehmen mit rund 4 Milliarden Dollar bewertet – deutlich unter der nun kolportierten Kaufsumme. Investoren und Gründer sollen inzwischen nach anderen Käufern für das Unternehmen suchen. Leitersdorf und Shalev, beide Veteranen der israelischen Militäreinheit 8200, gründeten Decart im September 2023. Das Unternehmen entwickelt eine Optimierungsschicht, die Chips beim Training und Betrieb von KI-Modellen effizienter auslasten soll, sowie sogenannte Weltmodelle, die aus Text und Videomaterial das Verhalten physischer Objekte lernen. Das hauseigene Modell Lucy generiert daraus in Echtzeit hochauflösende Videos, etwa für virtuelles Anprobieren im Online-Handel oder bei Livestreams. Gerade die Chip-Effizienz dürfte für Anthropic interessant gewesen sein: Der Konzern kauft parallel in großem Stil Rechenleistung für sein Sprachmodell Claude ein. Dafür baute er zuletzt mit der Verpflichtung des Monzo-Gründers Tom Blomfield ein eigenes Compute-Team auf.
Ein Kauf hätte Anthropic direkten Zugriff auf Technologie verschafft, die eigene Trainings- und Betriebskosten senken könnte – stattdessen bleibt vorerst offen, ob eine losere Kooperation folgt. Entscheidend wird, ob Decart einen neuen Käufer findet, bevor der Wettlauf um günstigere KI-Rechenleistung das Zeitfenster schließt.


