Anthropic betreibt laut einer Recherche der Nachrichtenagentur Reuters ein eigenes Biologie-Labor in der San-Francisco-Bay-Area, in dem Forschende physische Experimente durchführen. Life-Sciences-Chef Eric Kauderer-Abrams bestätigte den Betrieb erstmals öffentlich, nachdem das Unternehmen die Anlage monatelang nicht kommuniziert hatte. Klinische Studien schließt Anthropic nach eigenen Angaben derzeit aus.
Coefficient-Bio-Kauf legt Grundstein für das Labor
Anthropic übernahm im April die bis dahin kaum bekannte Biotech-Firma Coefficient Bio für rund 400 Millionen Dollar in Aktien. Der Kauf legte den Grundstein für den eigenen Life-Sciences-Zweig des Unternehmens. Ende Juni folgte mit Claude Science eine Arbeitsumgebung, die Datenbanken und Werkzeuge für Genomik, Proteomik und Wirkstoffforschung bündelt.
Life-Sciences-Chef Kauderer-Abrams hatte zuvor die Diagnostikfirma Detect mitgegründet und brachte einen von der US-Arzneimittelbehörde zugelassenen Corona-Heimtest auf den Markt. Er begründet die physische Laborarbeit damit, dass sich biologische Hypothesen letztlich nur im echten Experiment bestätigen ließen. Ein rein digitales Modell reiche dafür nicht aus. Anthropic ordnet die Arbeit deshalb der biologischen Grundlagenforschung zu, nicht der eigenen Wirkstoffentwicklung.
Aus Wettbewerbsgründen habe sich das Unternehmen eine klare Grenze gesetzt: Es führe vorerst keine eigenen klinischen Studien durch, sondern konzentriere sich auf Fragestellungen, die die etablierte Pharmaindustrie bislang nicht bearbeite. Ergänzend hat Anthropic ein Verifizierungsprogramm gestartet, über das geprüfte externe Forschende Zugang zu den leistungsfähigsten eigenen Modellen erhalten. Details zu laufenden Projekten im Labor selbst wollte das Unternehmen gegenüber Reportern nicht nennen.
Pharmakonzerne testen Claude in eigenen Forschungsabläufen
Neben der eigenen Laborarbeit beliefert Anthropic mehrere Pharmaunternehmen mit KI-Werkzeugen. Genentech und Bristol Myers Squibb zählen bereits länger zu den Kunden. Seit dem 16. September kam mit Novo Nordisk ein weiterer großer Hersteller hinzu. Der dänische Konzern testet Claude Science in ausgewählten Forschungsabläufen und setzt Anthropics Modelle zusätzlich in der eigenen Softwareentwicklung ein.
Novo-Nordisk-Chef Mike Doustdar erhofft sich davon höhere Produktivität in Forschung und Entwicklung. Anthropic-Chef Dario Amodei sieht in solchen Partnerschaften eine Chance, Forschungszeiträume spürbar zu verkürzen. Auch Google DeepMind und OpenAI bauen parallel eigene Angebote für die Biomedizin auf. Die drei großen KI-Anbieter konkurrieren damit zunehmend um Pharmakunden als Wachstumsfeld jenseits von Chatbots und Coding-Werkzeugen.
Ein Teil von Anthropics Laborarbeit betrifft zudem die Automatisierung: Das Unternehmen testet, ob Claude robotische Systeme so anleiten kann, dass Experimente mit minimaler menschlicher Besetzung laufen. Eine Sprecherin betonte jedoch, menschliche Beteiligung bleibe aus Sicherheitsgründen weiterhin Pflicht. Die technische Grundlage dafür hatte Anthropic bereits im August mit einem offenen Standard für KI-gesteuerte Laborroboter gelegt, den unter anderen Genentech und das Quantencomputing-Unternehmen QuEra testen. Fest verankerte Geschwindigkeits- und Winkellimits sollen dabei verhindern, dass die Maschinen unkontrolliert agieren.
Offen bleibt, ob aus der bislang still betriebenen Anlage ein eigenständiges Pharma-Geschäft wird oder ob Anthropic bei der Rolle des Werkzeuglieferanten für Novo Nordisk, Genentech und Bristol Myers Squibb bleibt. Die Bestätigung fällt zudem in eine Phase, in der Sicherheitsforscher des Unternehmens öffentlich Bedenken zu Anthropics Kurs geäußert haben. Wie belastbar die zugesagte menschliche Aufsicht im Laboralltag tatsächlich ist, lässt sich von außen bislang nicht überprüfen.


