Anthropic hat angekündigt, künftig eigene Programme zur Medikamentenentwicklung zu betreiben – gezielt für Krankheiten, die für die klassische Pharma- und Biotech-Branche wirtschaftlich unattraktiv sind. Die Ankündigung erfolgte am 30. Juni 2026 bei einer Veranstaltung in San Francisco, bei der das Unternehmen zugleich sein neues Werkzeug “Claude Science” vorstellte.
Claude Science: eine Arbeitsumgebung für Wissenschaftler
Laut der offiziellen Ankündigung von Anthropic ist Claude Science kein neues KI-Modell, sondern eine Anwendung, die gängige Forschungswerkzeuge und Datenbanken in einer einzigen Arbeitsumgebung bündelt. Ein koordinierender Agent hat Zugriff auf mehr als 60 vorkonfigurierte Werkzeuge und Datenbanken für Bereiche wie Genomik, Proteomik und Zellbiologie und kann bei Bedarf spezialisierte Unteragenten hinzuziehen. Ein separater Prüf-Agent kontrolliert Zitate und Berechnungen und markiert beziehungsweise korrigiert Fehler. Jedes Ergebnis wird laut Anthropic zusammen mit dem zugrunde liegenden Code und dem vollständigen Gesprächsverlauf gespeichert, damit sich Analysen auch Monate später nachvollziehen und reproduzieren lassen. Die Beta-Version steht Nutzern der bezahlten Claude-Pläne (Pro, Max, Team, Enterprise) auf macOS und Linux zur Verfügung.
Ein von Anthropic dokumentiertes Beispiel: Prasad Shirvalkar, außerordentlicher Professor für Neurochirurgie und Anästhesiologie an der UCSF, berichtet, Claude Science habe eine Laborvirus-Verunreinigung in RNA-Sequenzierungsdaten seines Teams sofort gefunden – ein Problem, mit dem sein Team zuvor fast ein Jahr lang gerungen hatte. Nach Angaben mehrerer Medien, darunter CNBC, präsentierte Anthropic bei der Veranstaltung zudem ein Beispiel, bei dem Claude in weniger als einer Stunde 100 seltene genetische Krankheiten analysierte und 32 Kandidaten für ein computergestütztes Screening identifizierte.
Eigene Wirkstoffforschung für vernachlässigte Krankheiten
Parallel zu Claude Science kündigte Anthropics Leiter für Life Sciences, Eric Kauderer-Abrams, laut CNBC an, dass das Unternehmen eigene, frühe vorklinische Programme zur Wirkstoffforschung starten werde. Im Fokus stehen Krankheiten, für die die klassische Pharma- und Biotech-Branche aus wirtschaftlichen Gründen kein Interesse zeigt, obwohl eine reale Krankheitslast besteht. Jonah Cool, Anthropics Leiter für Life-Sciences-Partnerschaften, ordnete das Vorhaben gegenüber CNBC als Ergänzung zum eigentlichen Geschäft mit Claude Science ein: Erst die eigene Erfahrung in der Wirkstoffforschung erlaube es, die richtigen Modelle und Werkzeuge für die gesamte Branche zu entwickeln.
Anthropic ist als Public Benefit Corporation organisiert, was dem Unternehmen laut eigener Darstellung mehr Spielraum gibt, Forschungsfelder ohne klare kommerzielle Rendite zu verfolgen. Welche konkreten Krankheiten oder Wirkstoffziele im Fokus stehen, welches Budget dafür vorgesehen ist und ob Anthropic Wirkstoffkandidaten selbst bis zur Marktreife bringen oder an Partner weitergeben will, hat das Unternehmen bislang nicht mitgeteilt.
Wie realistisch sind die Zahlen von Novartis?
Bei derselben Veranstaltung trat auch Vas Narasimhan auf, CEO von Novartis und Anthropic-Vorstandsmitglied. Laut Narasimhan dauert die Entwicklung eines Medikaments vom fertigen Wirkstoffkandidaten bis zur Zulassung derzeit rund zwölf Jahre. Er unterscheidet dabei drei Arten von Verzögerungen: Informationslatenz, operative Latenz und biologische Latenz – Letztere umfasst Tierversuche, Zellmodelle und klinische Studien am Menschen und lässt sich durch bessere Software kaum verkürzen. Die ersten beiden Kategorien machen laut Narasimhan zusammen etwa 40 Prozent der Gesamtzeit aus; hier sieht er das größte Potenzial für KI-Werkzeuge, was die Entwicklungszeit auf sieben bis acht Jahre senken könnte. Bei der Erfolgsquote rechnet er mit einer Verdopplung von 8 auf 16 Prozent, unter anderem durch bessere Sicherheitsvorhersagen.
Diese Prognosen stammen von einem Novartis-Manager, der selbst im Anthropic-Vorstand sitzt, und sind bislang keine unabhängig verifizierten Studienergebnisse, sondern seine persönliche fachliche Einschätzung. Zur Einordnung nannte Narasimhan zudem, dass große Pharmaunternehmen zusammen jährlich 150 bis 200 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung investieren und in 120 Jahren rund 800 bis 1.000 Medikamente zur Marktreife gebracht haben.
Ein umkämpftes Feld: DeepMind, OpenAI und Google ziehen mit
Anthropic ist nicht das einzige KI-Unternehmen, das in die Wirkstoffforschung investiert. Google-DeepMind-Chef Demis Hassabis gründete gemeinsam mit Alphabet das Unternehmen Isomorphic Labs, das KI gezielt zur Entwicklung neuer Wirkstoffe einsetzt; DeepMinds Protein-Vorhersagewerkzeug AlphaFold gilt seit Jahren als Vorzeigebeispiel für KI in der Biologie. Dessen Mitentwickler John Jumper wechselte im Juni 2026 zu Anthropic. OpenAI wiederum hat mit GPT-Rosalind ein eigenes Modell für die biomedizinische Forschung veröffentlicht und im Klinikbereich mit ChatGPT Health eine eigene Gesundheitsrubrik eingeführt.
Vorsicht bei der klinischen Anwendung
Unabhängig von den Fortschritten in der Wirkstoffforschung mahnen Fachleute weiterhin zur Vorsicht, wenn KI direkt in der Patientenversorgung eingesetzt wird – etwa bei Diagnosen oder Behandlungsentscheidungen. Zu zwei kürzlich vorgestellten KI-Diagnosesystemen, die in Simulationen ähnlich gut wie Ärzte abschnitten, äußerte sich Catherine Pope, Professorin für Medizinsoziologie an der University of Oxford, zurückhaltend: Reale Behandlungssituationen seien deutlich unübersichtlicher, als es kontrollierte Testszenarien abbilden könnten. Diese Einschätzung bezieht sich zwar nicht direkt auf Claude Science, verweist aber auf einen grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber KI-Systemen im unmittelbaren klinischen Einsatz – ein Bereich, den Anthropics neue Programme zur Wirkstoffforschung ohnehin nicht adressieren, da sie sich auf die frühe, vorklinische Phase beschränken.
Einordnung
Anthropics Vorstoß in die Wirkstoffforschung lässt sich auf zwei Ebenen lesen: als Beitrag zur gemeinnützigen Mission des Unternehmens, aber auch als strategischer Schritt, um mit praktischer Erfahrung in der Arzneimittelentwicklung Glaubwürdigkeit bei genau jenen Pharmaunternehmen aufzubauen, die Anthropic als Kunden für Claude Science gewinnen möchte. Ob aus den vorklinischen Programmen tatsächlich marktreife Wirkstoffe hervorgehen, ob Anthropic sie selbst weiterentwickelt oder an Partner überträgt, und ob sich Narasimhans Prognosen zu Entwicklungszeit und Erfolgsquote in der Praxis bestätigen, bleibt vorerst offen.


