KI

Anthropic: KI-Wirkstoffforschung für vernachlässigte Krankheiten

4 Min. Lesezeit
Fotorealistische Darstellung: Ein Forscherteam in einem hellen Labor betrachtet ein leuchtendes holografisches Molekülmodell; auf einem Bildschirm daneben das Claude-Logo, an der Wand ein Zettel mit der Aufschrift „Neglected diseases“. Generiertes Bild mit GPT Image 2
Fotorealistische Darstellung: Ein Forscherteam in einem hellen Labor betrachtet ein leuchtendes holografisches Molekülmodell; auf einem Bildschirm daneben das Claude-Logo, an der Wand ein Zettel mit der Aufschrift „Neglected diseases“.

TL;DR Too Long; Didn’t read

Anthropic hat am 30. Juni 2026 angekündigt, eigene frühe vorklinische Programme zur Wirkstoffforschung für 'vernachlässigte' Krankheiten zu starten, die für die klassische Pharmabranche wirtschaftlich unattraktiv sind. Gleichzeitig stellte das Unternehmen 'Claude Science' vor, eine KI-Arbeitsumgebung, die über 60 wissenschaftliche Datenbanken und Werkzeuge für Genomik, Proteomik und Wirkstoffforschung bündelt. Novartis-CEO und Anthropic-Vorstandsmitglied Vas Narasimhan schätzt, KI könnte Medikamenten-Entwicklungszeiten von zwölf auf sieben bis acht Jahre senken und Erfolgsquoten von 8 auf 16 Prozent verdoppeln – eine persönliche Einschätzung ohne unabhängige Verifikation. Auch Google DeepMind und OpenAI positionieren sich zunehmend im Bereich KI für Medizin, während unabhängige Fachleute vor verfrühtem Vertrauen in KI bei direkten klinischen Entscheidungen warnen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Anthropic startet eigene, frühe vorklinische Programme zur Wirkstoffforschung für Krankheiten, die für die klassische Pharmabranche wirtschaftlich unattraktiv sind.
  • Parallel dazu hat Anthropic 'Claude Science' vorgestellt, eine KI-Arbeitsumgebung, die über 60 wissenschaftliche Datenbanken und Werkzeuge in einer Anwendung bündelt.
  • Ein UCSF-Forscher berichtet laut Anthropic, Claude Science habe eine Laborverunreinigung gefunden, die sein Team zuvor fast ein Jahr lang übersehen hatte.
  • Novartis-CEO und Anthropic-Vorstandsmitglied Vas Narasimhan schätzt, KI könnte Entwicklungszeiten von zwölf auf sieben bis acht Jahre senken und Erfolgsquoten von 8 auf 16 Prozent verdoppeln – eine persönliche Einschätzung, keine unabhängig geprüfte Studie.
  • Auch Google DeepMind (Isomorphic Labs, AlphaFold) und OpenAI (GPT-Rosalind, ChatGPT Health) positionieren sich zunehmend im Bereich KI für Medizin und Wirkstoffforschung.
  • Unabhängige Fachleute warnen weiterhin vor verfrühtem Vertrauen in KI bei direkten klinischen Entscheidungen, was von Anthropics vorklinischen Programmen jedoch nicht berührt wird.

Anthropic hat angekündigt, künftig eigene Programme zur Medikamentenentwicklung zu betreiben – gezielt für Krankheiten, die für die klassische Pharma- und Biotech-Branche wirtschaftlich unattraktiv sind. Die Ankündigung erfolgte am 30. Juni 2026 bei einer Veranstaltung in San Francisco, bei der das Unternehmen zugleich sein neues Werkzeug “Claude Science” vorstellte.

Claude Science: eine Arbeitsumgebung für Wissenschaftler

Laut der offiziellen Ankündigung von Anthropic ist Claude Science kein neues KI-Modell, sondern eine Anwendung, die gängige Forschungswerkzeuge und Datenbanken in einer einzigen Arbeitsumgebung bündelt. Ein koordinierender Agent hat Zugriff auf mehr als 60 vorkonfigurierte Werkzeuge und Datenbanken für Bereiche wie Genomik, Proteomik und Zellbiologie und kann bei Bedarf spezialisierte Unteragenten hinzuziehen. Ein separater Prüf-Agent kontrolliert Zitate und Berechnungen und markiert beziehungsweise korrigiert Fehler. Jedes Ergebnis wird laut Anthropic zusammen mit dem zugrunde liegenden Code und dem vollständigen Gesprächsverlauf gespeichert, damit sich Analysen auch Monate später nachvollziehen und reproduzieren lassen. Die Beta-Version steht Nutzern der bezahlten Claude-Pläne (Pro, Max, Team, Enterprise) auf macOS und Linux zur Verfügung.

Ein von Anthropic dokumentiertes Beispiel: Prasad Shirvalkar, außerordentlicher Professor für Neurochirurgie und Anästhesiologie an der UCSF, berichtet, Claude Science habe eine Laborvirus-Verunreinigung in RNA-Sequenzierungsdaten seines Teams sofort gefunden – ein Problem, mit dem sein Team zuvor fast ein Jahr lang gerungen hatte. Nach Angaben mehrerer Medien, darunter CNBC, präsentierte Anthropic bei der Veranstaltung zudem ein Beispiel, bei dem Claude in weniger als einer Stunde 100 seltene genetische Krankheiten analysierte und 32 Kandidaten für ein computergestütztes Screening identifizierte.

Eigene Wirkstoffforschung für vernachlässigte Krankheiten

Parallel zu Claude Science kündigte Anthropics Leiter für Life Sciences, Eric Kauderer-Abrams, laut CNBC an, dass das Unternehmen eigene, frühe vorklinische Programme zur Wirkstoffforschung starten werde. Im Fokus stehen Krankheiten, für die die klassische Pharma- und Biotech-Branche aus wirtschaftlichen Gründen kein Interesse zeigt, obwohl eine reale Krankheitslast besteht. Jonah Cool, Anthropics Leiter für Life-Sciences-Partnerschaften, ordnete das Vorhaben gegenüber CNBC als Ergänzung zum eigentlichen Geschäft mit Claude Science ein: Erst die eigene Erfahrung in der Wirkstoffforschung erlaube es, die richtigen Modelle und Werkzeuge für die gesamte Branche zu entwickeln.

Anthropic ist als Public Benefit Corporation organisiert, was dem Unternehmen laut eigener Darstellung mehr Spielraum gibt, Forschungsfelder ohne klare kommerzielle Rendite zu verfolgen. Welche konkreten Krankheiten oder Wirkstoffziele im Fokus stehen, welches Budget dafür vorgesehen ist und ob Anthropic Wirkstoffkandidaten selbst bis zur Marktreife bringen oder an Partner weitergeben will, hat das Unternehmen bislang nicht mitgeteilt.

Wie realistisch sind die Zahlen von Novartis?

Bei derselben Veranstaltung trat auch Vas Narasimhan auf, CEO von Novartis und Anthropic-Vorstandsmitglied. Laut Narasimhan dauert die Entwicklung eines Medikaments vom fertigen Wirkstoffkandidaten bis zur Zulassung derzeit rund zwölf Jahre. Er unterscheidet dabei drei Arten von Verzögerungen: Informationslatenz, operative Latenz und biologische Latenz – Letztere umfasst Tierversuche, Zellmodelle und klinische Studien am Menschen und lässt sich durch bessere Software kaum verkürzen. Die ersten beiden Kategorien machen laut Narasimhan zusammen etwa 40 Prozent der Gesamtzeit aus; hier sieht er das größte Potenzial für KI-Werkzeuge, was die Entwicklungszeit auf sieben bis acht Jahre senken könnte. Bei der Erfolgsquote rechnet er mit einer Verdopplung von 8 auf 16 Prozent, unter anderem durch bessere Sicherheitsvorhersagen.

Diese Prognosen stammen von einem Novartis-Manager, der selbst im Anthropic-Vorstand sitzt, und sind bislang keine unabhängig verifizierten Studienergebnisse, sondern seine persönliche fachliche Einschätzung. Zur Einordnung nannte Narasimhan zudem, dass große Pharmaunternehmen zusammen jährlich 150 bis 200 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung investieren und in 120 Jahren rund 800 bis 1.000 Medikamente zur Marktreife gebracht haben.

Ein umkämpftes Feld: DeepMind, OpenAI und Google ziehen mit

Anthropic ist nicht das einzige KI-Unternehmen, das in die Wirkstoffforschung investiert. Google-DeepMind-Chef Demis Hassabis gründete gemeinsam mit Alphabet das Unternehmen Isomorphic Labs, das KI gezielt zur Entwicklung neuer Wirkstoffe einsetzt; DeepMinds Protein-Vorhersagewerkzeug AlphaFold gilt seit Jahren als Vorzeigebeispiel für KI in der Biologie. Dessen Mitentwickler John Jumper wechselte im Juni 2026 zu Anthropic. OpenAI wiederum hat mit GPT-Rosalind ein eigenes Modell für die biomedizinische Forschung veröffentlicht und im Klinikbereich mit ChatGPT Health eine eigene Gesundheitsrubrik eingeführt.

Vorsicht bei der klinischen Anwendung

Unabhängig von den Fortschritten in der Wirkstoffforschung mahnen Fachleute weiterhin zur Vorsicht, wenn KI direkt in der Patientenversorgung eingesetzt wird – etwa bei Diagnosen oder Behandlungsentscheidungen. Zu zwei kürzlich vorgestellten KI-Diagnosesystemen, die in Simulationen ähnlich gut wie Ärzte abschnitten, äußerte sich Catherine Pope, Professorin für Medizinsoziologie an der University of Oxford, zurückhaltend: Reale Behandlungssituationen seien deutlich unübersichtlicher, als es kontrollierte Testszenarien abbilden könnten. Diese Einschätzung bezieht sich zwar nicht direkt auf Claude Science, verweist aber auf einen grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber KI-Systemen im unmittelbaren klinischen Einsatz – ein Bereich, den Anthropics neue Programme zur Wirkstoffforschung ohnehin nicht adressieren, da sie sich auf die frühe, vorklinische Phase beschränken.

Einordnung

Anthropics Vorstoß in die Wirkstoffforschung lässt sich auf zwei Ebenen lesen: als Beitrag zur gemeinnützigen Mission des Unternehmens, aber auch als strategischer Schritt, um mit praktischer Erfahrung in der Arzneimittelentwicklung Glaubwürdigkeit bei genau jenen Pharmaunternehmen aufzubauen, die Anthropic als Kunden für Claude Science gewinnen möchte. Ob aus den vorklinischen Programmen tatsächlich marktreife Wirkstoffe hervorgehen, ob Anthropic sie selbst weiterentwickelt oder an Partner überträgt, und ob sich Narasimhans Prognosen zu Entwicklungszeit und Erfolgsquote in der Praxis bestätigen, bleibt vorerst offen.

Häufige Fragen

Was ist Claude Science?

Claude Science ist keine neue KI, sondern eine Anwendung, die gängige Forschungswerkzeuge und mehr als 60 wissenschaftliche Datenbanken in einer Arbeitsumgebung bündelt. Ein koordinierender Agent kann spezialisierte Unteragenten für Aufgaben wie Genomik oder Proteomik hinzuziehen, ein Prüf-Agent kontrolliert Zitate und Berechnungen.

Welche Krankheiten will Anthropic erforschen?

Anthropics Life-Sciences-Chef Eric Kauderer-Abrams kündigte an, dass das Unternehmen frühe, vorklinische Programme zur Wirkstoffforschung für Krankheiten startet, die für die klassische Pharmabranche wirtschaftlich unattraktiv sind, obwohl eine reale Krankheitslast besteht.

Wie stark könnte KI die Medikamentenentwicklung laut Novartis beschleunigen?

Laut Novartis-CEO und Anthropic-Vorstandsmitglied Vas Narasimhan könnten neue KI-Werkzeuge die Entwicklungszeit von zwölf auf sieben bis acht Jahre senken und die Erfolgsquote von 8 auf 16 Prozent verdoppeln. Das sind seine persönlichen Einschätzungen, keine unabhängig verifizierten Studienergebnisse.

Ist Anthropic das einzige KI-Unternehmen in der Wirkstoffforschung?

Nein. Auch Google DeepMind (mit Isomorphic Labs und AlphaFold), OpenAI (mit GPT-Rosalind und ChatGPT Health) sowie weitere Unternehmen investieren zunehmend in KI für Wirkstoffforschung und Gesundheitsversorgung.

Gibt es Kritik am Einsatz von KI in der Medizin?

Unabhängige Fachleute wie Catherine Pope von der University of Oxford mahnen zur Vorsicht beim direkten klinischen Einsatz von KI, etwa bei Diagnosen oder Behandlungsentscheidungen, da reale Behandlungssituationen deutlich komplexer seien als kontrollierte Tests. Anthropics neue Programme betreffen jedoch nur die frühe, vorklinische Forschungsphase.

#KI

← Zurück zum Blog