Der US-Robotikhersteller Agility Robotics hat am 15. September 2026 die fünfte Generation seines humanoiden Roboters Digit vorgestellt. Digit 5 arbeitet laut Unternehmen erstmals ohne physische Schutzzäune direkt neben Menschen. Kunden haben für das neue Modell bereits Mehrjahresaufträge von mehr als 300 Millionen Dollar zugesagt.
Sensorik ersetzt den Schutzzaun
Bisherige Digit-Generationen mussten laut offizieller Ankündigung von Agility Robotics innerhalb abgezäunter Bereiche arbeiten, wie es in der Industrierobotik seit Jahrzehnten üblich ist. Digit 5 erkennt Personen in der Umgebung über Kameras, Tiefensensoren und eine unabhängige Sicherheitssteuerung und bremst oder setzt sich hin, bevor es zur Kollision kommt. Das Unternehmen bezeichnet diese Eigenschaft als „kooperative Sicherheit” und sieht sie als Voraussetzung dafür, dass humanoide Roboter über einzelne Pilotprojekte hinaus in Fabriken und Lagern eingesetzt werden.
Die Sicherheitstechnik entstand in Zusammenarbeit mit Nvidia: Digit 5 nutzt den Industrie-Computer IGX Thor und die Software Halos Core, mit der Nvidia seit Juni 2026 einen kompletten Sicherheitsstack für Roboter anbietet. Agility ist der erste Partner, der Halos-Komponenten in ein eigenes Sicherheitssystem integriert, und lässt sein Modell zusätzlich im Halos-Testlabor von Nvidia nach den Industrienormen IEC 61508 und ISO 13849 prüfen. Gegenüber dem Vorgänger steigt die Traglast um 40 Prozent auf gut 22 Kilogramm, die Akkulaufzeit liegt bei 90 Minuten und lädt in neun Minuten wieder auf – ein Verhältnis von zehn zu eins statt zuvor zwei zu eins.
Mehrjahresaufträge über 300 Millionen Dollar
Digit ist bereits mit kumuliert mehr als 65.000 Betriebsstunden bei Kunden wie Schaeffler, GXO Logistics und Toyota Motor Manufacturing Canada im Einsatz, unter anderem beim Sortieren und Umladen von Paketen. Für die neue Generation lägen bereits Mehrjahresaufträge von über 300 Millionen Dollar vor, abhängig von vertraglich vereinbarten Meilensteinen. Erste Kunden sollen einzelne Digit-5-Einheiten noch dieses Jahr erhalten, der breitere Marktstart einschließlich Europa und Großbritannien ist für Anfang 2027 vorgesehen, die allgemeine Verfügbarkeit für Ende desselben Jahres. Einen Preis nennt Agility Robotics bislang nicht.
Anders als bei Digit 4, das nur in eingezäunten Bereichen arbeiten durfte, soll die neue Generation laut Firmenchefin Peggy Johnson eine zentrale Hürde für die Skalierung humanoider Roboter in der Industrie beseitigen. Zu den strategischen Investoren zählen neben Nvidia auch Amazon, SoftBank Vision Fund 2 und der Autozulieferer Schaeffler, der Digit zugleich selbst einsetzt.
Gebaut werden die Roboter im Werk RoboFab im US-Bundesstaat Oregon, das auf eine Jahreskapazität von 10.000 Einheiten und mehr als 500 Arbeitsplätze ausgelegt ist. Rund drei Viertel der Digit-Bauteile stammen den Angaben zufolge aus US-Fertigung. Bei einem Kunden aus der Logistikbranche erreicht Digit laut Agility eine Trefferquote von rund 98 Prozent bei Sortieraufgaben, die zuvor von Hand erledigt wurden.
Börsengang per SPAC-Fusion mit Bewertung von 2,5 Milliarden Dollar
Parallel zum Produktstart bereitet Agility Robotics den Börsengang vor: Im Juni 2026 kündigte das Unternehmen eine Fusion mit der Mantelgesellschaft Churchill Capital Corp XI an, die Agility mit 2,5 Milliarden Dollar bewertet und Bruttoerlöse von mehr als 620 Millionen Dollar einbringen soll. Der Zusammenschluss steht noch unter dem Vorbehalt der Aktionärszustimmung und regulatorischer Freigaben. Nach Abschluss soll die Aktie unter dem Kürzel AGLT notiert werden.
Mit dem Schritt wäre Agility das erste börsennotierte reine Humanoiden-Robotik-Unternehmen in den USA – während chinesische Anbieter wie Unitree bereits im August an der Börse in Shanghai debütiert waren und ihre Marktkapitalisierung dort binnen Stunden auf umgerechnet bis zu 66 Milliarden Dollar trieben. Auf der IFA in Berlin hatten chinesische Aussteller zuletzt mit rund 300 humanoiden Robotermodellen für Aufsehen gesorgt, während die USA vergleichbare Importe aus Sicherheitsgründen einschränken.
Entscheidend wird, ob Agility die zugesagten 300 Millionen Dollar an Aufträgen tatsächlich in ausgeliefertes Zahlungsvolumen umsetzt, bevor die Aktionäre über die SPAC-Fusion abstimmen. Die Kombination aus einem noch unbewiesenen Sicherheitsversprechen und einem bevorstehenden Börsengang macht Digit 5 zu einem Testfall dafür, ob sich humanoide Roboter ohne Schutzzaun tatsächlich im industriellen Alltag durchsetzen – oder ob die versprochene kooperative Sicherheit erst unter realen Fabrikbedingungen belegt werden muss.


