Anthropic startet eine Testphase für den Model Hardware Standard (MHS), eine gemeinsame Schnittstelle, über die KI-Agenten wie Claude Laborgeräte und Fabrikmaschinen direkt steuern. Das Unternehmen verkürzt damit laut eigenen Angaben die Anbindung neuer Hardware von Wochen auf wenige Stunden. Zum Start sind unter anderem Genentech, QuEra und Doosan Robotics als Partner dabei.
Standard verbindet Software und Maschinen direkt
MHS reduziert die Anbindung von Geräten auf ein gemeinsames Treiberformat und wenige Grundbefehle, auf denen KI-Agenten dann aufsetzen. Bislang kommunizieren die meisten Laborgeräte und Maschinen nicht miteinander, sodass die Integration Wochen oder Monate dauert und Fachleute mit Spezialwissen braucht. Der Standard funktioniert mit jedem Gerät, das eine programmierbare Schnittstelle besitzt, und ist ausdrücklich modellunabhängig – Unternehmen sind also nicht an Claude gebunden. Entstanden ist MHS aus einer Zusammenarbeit von Alek Kemeny aus Anthropics Team für gesellschaftlich nützliche Einsätze mit Arco Bast, einem Postdoktoranden am Forschungscampus HHMI Janelia. Als Partner nennt Anthropic unter anderem den Cloud-Anbieter Amazon Web Services. Er will MHS über seine Robotik-Bibliothek Strands Robots unterstützen. Dazu kommen die Laborautomatisierer Automata, Danaher, Qiagen und Tecan. Auch die Roboterarm-Hersteller Doosan Robotics und Universal Robots sowie die Forschungseinrichtung Carnegie Mellon University zählen zu den Partnern der Testphase. Der Zugang läuft zunächst über eine Warteliste für ausgewählte Forschungslabore und Industriebetriebe. Wer teilnimmt, meldet dafür konkrete Geräte und Anwendungsfälle an, bevor Anthropic die Anbindung gemeinsam mit dem jeweiligen Team einrichtet.
Erste Praxistests zeigen große Sprünge
Das Biotech-Unternehmen Genentech setzte MHS bereits für ein Wirkstoff-Experiment mit automatischer Fehlerbehandlung in Echtzeit ein. Der Quantencomputer-Anbieter QuEra verbesserte mit dem Standard die Laserstabilisierung seiner Maschinen nach eigenen Angaben von 58 auf 99,3 Prozent. Diese Zahl ist unabhängig nicht verifiziert. Doosan Robotics und Universal Robots testen MHS an ihren Roboterarmen, etwa für automatisierte Qualitätskontrollen und die koordinierte Abstimmung mehrerer Arme untereinander in einer gemeinsamen Fertigungszelle. Auch andere Hersteller öffnen ihre Robotik derzeit stärker für externe KI-Systeme, etwa Xiaomi mit einem quelloffenen Robotik-Grundmodell. Bei Anthropic sieht man den eigenen Vorstoß als ersten Schritt in Richtung „physischer KI”. Gemeint sind Systeme, die nicht nur Text und Bilder verarbeiten, sondern reale Geräte bedienen. Ein Rollout-Termin für die breite Öffentlichkeit steht noch nicht fest, ebenso wenig eine Preisliste für den späteren Regelbetrieb außerhalb der Testphase. Bislang beschränkt sich der Zugang auf die genannten Partner aus Forschung, Biotechnologie und Robotik, weitere Interessenten müssen sich über die Warteliste bewerben.
Eingebaute Sicherheitsgrenzen sollen Unfälle verhindern
Fachmedien wie das britische Portal The Register weisen darauf hin, dass Sprachmodelle die physische Welt nur aus Text und Bildern kennen. Ihnen fehle praktisches Gespür für Maschinen. Anthropic könne zudem nicht zuverlässig vorhersagen, wie sich seine Modelle in neuen Situationen verhalten. Der Konzern begegnet dem, indem er Grenzwerte wie Geschwindigkeits- und Winkelbeschränkungen direkt in den Standard einbaut, sodass ein Agent ein Gerät nicht außerhalb sicherer Parameter anweisen kann. Zusätzlich arbeite Anthropic an einer Sicherheits-Roadmap für den physischen Einsatz und wolle die Testphase nutzen, um gemeinsam mit den Partnern weitere Sicherheitsbewertungen zu entwickeln. Kontext liefert auch die EU: Ab dem 20. Januar 2027 gilt die neue Maschinenverordnung 2023/1230, die erstmals ausdrücklich KI-gestützte Sicherheitsfunktionen und Maschinen mit sich weiterentwickelndem Verhalten erfasst. Ein Standard, der Sicherheitsgrenzen von vornherein technisch festschreibt, dürfte es Herstellern in Europa leichter machen, diese Vorgaben zu erfüllen.
Offen bleibt, ob die eingebauten Grenzwerte auch außerhalb der sorgfältig ausgewählten Pilotpartner zuverlässig greifen, sobald Anthropic den Standard wie angekündigt quelloffen veröffentlicht. Einen festen Termin dafür nennt das Unternehmen bislang nicht – er soll erst folgen, wenn die Sicherheitsbewertungen aus der Testphase abgeschlossen sind.


