Zhipu-Mitgründer Tang Jie kündigt in einem internen Schreiben an alle Beschäftigten den „Touch-High”-Plan an: Das chinesische KI-Unternehmen konzentriert sich zwei Jahre lang auf AGI-Forschung statt auf schnelle Kommerzialisierung. Die Ankündigung vom 11. Juli fällt in eine Woche, in der die an der Hongkonger Börse gehandelte Zhipu-Aktie nach einer ausgelaufenen Haltefrist an einem Handelstag rund 17 Prozent verlor.
Vier Forschungsfelder bündeln Milliardeninvestitionen
Der „Touch-High”-Plan (chinesisch 摸高, wörtlich „nach oben greifen”) nennt vier Schwerpunkte. Erstens sollen KI-Systeme von kurzen Antworten zu Aufgaben übergehen, die sich über Wochen oder Monate erstrecken, etwa vollständige technische Projekte. Zweitens investiert Zhipu in Netzwerke autonomer Agenten, die rund um die Uhr zusammenarbeiten und einzelne Arbeitsschritte eigenständig übernehmen sollen. Drittens setzt das Unternehmen auf vollständiges Selbsttraining: Modelle erzeugen eigene Trainingsdaten und verbessern sich über Self-Play-Mechanismen, ein Verfahren, bei dem Systeme gegen frühere eigene Versionen antreten. Viertens kündigt Tang Jie eine „Ressourceninvestition im Hundert-Milliarden-Bereich” für Sicherheitsforschung an, konkret für mechanistische Interpretierbarkeit – Methoden, mit denen sich nachvollziehen lässt, wie ein neuronales Netz zu einer Entscheidung kommt. Sein Flaggschiffmodell GLM-5.2 hat Zhipu bereits unter einer MIT-Lizenz veröffentlicht, die Herunterladen, Anpassung und kommerzielle Nutzung ohne Einschränkungen erlaubt und damit deutlich weniger Auflagen enthält als vergleichbare Lizenzen westlicher Anbieter. „Nicht den Gipfel zu erreichen, ist Scheitern”, schreibt Tang Jie in dem Brief, den mehrere chinesische Medien zitieren.
Kurssturz nach Aktiensperrfrist testet Anlegergeduld
Der Brief erscheint drei Tage, nachdem am achten Juli eine Haltefrist für Ankerinvestoren auslief: Rund 25,68 Millionen Aktien, etwa 5,76 Prozent des Kapitals, wurden erstmals handelbar. Die Zhipu-Aktie fiel laut Daten des Finanzportals BigGo binnen eines Handelstags um fast 17 Prozent auf 1.754 Hongkong-Dollar und riss die Marktkapitalisierung unter 800 Milliarden Hongkong-Dollar, umgerechnet rund 102 Milliarden US-Dollar. Vom bisherigen Rekordhoch bei knapp 2.980 Hongkong-Dollar bedeutet das einen Rückgang von mehr als 40 Prozent, obwohl der Kurs seit dem Börsengang im Januar 2026 zeitweise um mehr als 2.000 Prozent gestiegen war. Auch der Wettbewerber MiniMax, ebenfalls in Hongkong notiert, verlor nach einer eigenen Lockup-Freigabe zweistellig. Erst wenige Tage zuvor hatte Zhipu laut Bloomberg eine Kapitalerhöhung von rund vier Milliarden US-Dollar über eine Aktienplatzierung angekündigt und zusätzlich eine Notierung am Shanghaier STAR Market in Aussicht gestellt. Diese Angaben zur Kapitalerhöhung sind unabhängig nicht verifiziert.
Entscheidend wird, ob sich Tangs Wette auf Grundlagenforschung auszahlt, während Investoren nach dem Rekordanstieg der Aktie eher kurzfristige Erträge erwarten dürften. Mit der offenen MIT-Lizenz von GLM-5.2 positioniert sich Zhipu zudem als Gegenmodell zu den stärker abgeschotteten Zugängen von Anthropic und OpenAI. Ob der „Touch-High”-Plan Bestand hat, dürfte sich an der für 2027 erwarteten Bewertung im Rahmen der geplanten Shanghai-Notierung zeigen.


