Anthropic hat im zweiten Quartal 2026 mit 1,97 Millionen Dollar erstmals mehr für Lobbyarbeit in Washington ausgegeben als der Chiphersteller Nvidia mit 1,25 Millionen Dollar. OpenAI kam im selben Zeitraum auf 1,2 Millionen Dollar. Zusammen wendeten die beiden KI-Labore rund 3,17 Millionen Dollar auf – knapp doppelt so viel wie im Vergleichsquartal des Vorjahres.
Ausgaben wachsen deutlich schneller als im Rest der Branche
Aus den vierteljährlichen Offenlegungen beim US-Kongress geht hervor, dass Anthropics Lobbyausgaben gegenüber dem ersten Quartal um 26 Prozent zulegten, die von OpenAI um 18 Prozent. Im ersten Quartal hatte Anthropic demnach rund 1,56 Millionen Dollar aufgewendet, OpenAI etwa 1,02 Millionen Dollar. Wie Axios berichtet, entspricht die addierte Summe beider Unternehmen im zweiten Quartal etwa dem Doppelten des Vorjahresquartals.
Anthropics Halbjahressumme liegt bereits bei über 3,5 Millionen Dollar und übertrifft damit die gesamten Ausgaben des Jahres 2025 von 3,1 Millionen Dollar. Damit nähert sich das Unternehmen der Marke von Softwarekonzern Oracle, der im selben Quartal rund zwei Millionen Dollar aufwendete.
Zum Vergleich: Meta gab im zweiten Quartal 5,99 Millionen Dollar aus, Amazon 4,36 Millionen Dollar – beide Summen blieben laut CNBC nahezu unverändert gegenüber dem Vorquartal. Die branchenweiten Ausgaben der großen Tech-Konzerne summierten sich auf rund 21,25 Millionen Dollar. Die öffentlich einsehbaren Rohdaten der Offenlegungen listet die unabhängige Datenbank OpenSecrets für Anthropic im Detail auf.
Pentagon-Streit treibt Anthropics Lobbying-Kurs
Ein wesentlicher Treiber hinter Anthropics Anstieg ist der seit Januar 2026 andauernde Konflikt mit dem US-Verteidigungsministerium um die Nutzung von Claude für militärische Zwecke. Verteidigungsminister Pete Hegseth kritisierte das Unternehmen öffentlich, das Ministerium kündigte einen Vertrag im Umfang von rund 200 Millionen Dollar auf und stufte Anthropic offiziell als Lieferkettenrisiko ein. Grund war die Weigerung des Unternehmens, den Einsatz seiner Modelle für tödliche autonome Waffen und Massenüberwachung uneingeschränkt freizugeben.
Im Kern des Streits steht laut Gerichtsunterlagen, dass das Pentagon uneingeschränkte Kontrolle über die Modelle für „alle rechtmäßigen Zwecke“ beansprucht, während Anthropic auf ausdrücklichen vertraglichen Beschränkungen für Waffen- und Überwachungseinsätze besteht. Ein Bundesgericht blockierte die meisten der verhängten Sanktionen zwar als verfassungswidrig, das zuständige Berufungsgericht ließ die Risikoeinstufung selbst jedoch bestehen. Wie Bloomberg Government berichtet, engagierte Anthropic parallel dazu die Kanzlei Ballard Partners, die enge Verbindungen zur Trump-Regierung unterhält. Auch OpenAI sucht die Nähe zur Regierung auf anderem Weg und hatte ihr zuletzt einen Firmenanteil angeboten.
Politikfelder reichen von Exportkontrollen bis Gesundheitsdaten
Die Offenlegungen beider Unternehmen nennen ein breites Themenspektrum: Exportkontrollen, Cybersicherheit, KI-Sicherheitsstandards, Urheberrecht, Cloud-Beschaffung und Verteidigungsaufträge. Anthropic gibt zusätzlich an, zu Fördermitteln für die Energieministerium-Initiative Genesis Mission sowie zu KI-Anwendungen im Gesundheitswesen Gespräche geführt zu haben – ein Hinweis darauf, dass der Konzern auch um staatlich geförderte Rechenkapazität und Energieinfrastruktur konkurriert. Lobbyisten beider Firmen trafen im Berichtszeitraum Abgeordnete beider Kongresskammern sowie Beamte im Weißen Haus, im Handelsministerium und im Finanzministerium – ein Zeichen für die Breite der politischen Kontaktpflege abseits einzelner Gesetzesvorhaben.
Der demokratische Abgeordnete Don Beyer kritisierte den Umgang der Regierung mit den KI-Konzernen öffentlich als Beleg für ein regulatorisches Klima ohne klare Leitplanken und warf ihr vor, Aufsicht zugunsten schnellen Wachstums zu vernachlässigen. Die Investitionen in politische Einflussnahme fallen zudem in eine Phase, in der Anthropic parallel Gespräche mit Investoren vor einem möglichen Börsengang aufgenommen hat – ein Umfeld, in dem regulatorische Berechenbarkeit für das Unternehmen zusätzlich an Gewicht gewinnt.
Entscheidend wird, ob sich die gestiegenen Ausgaben in den kommenden Monaten in konkreten Gesetzestexten niederschlagen – etwa bei den Exportregeln für KI-Chips oder bei einer möglichen neuen Bundesaufsicht für KI-Modelle, an der die Regierung derzeit arbeitet. Bislang sind die Zahlen vor allem ein Indikator dafür, wie stark sich das politische Gewicht der Branche von den etablierten Tech-Konzernen zu den KI-Laboren selbst verschiebt.


