Anthropic hat in seinem neuen Biologie-Labor mit fast 1.000 Claude-Agenten ein bislang unbekanntes Enzymsystem in einem Bakterienvirus entdeckt. Die Struktur ähnelt in ihrem Aufbau den DNA-Wiederholungen von CRISPR, kombiniert diese aber mit einer sogenannten Reverse Transkriptase. Welche Funktion das als ART bezeichnete System im Erbgut erfüllt, ist bislang unklar.
Fast 1.000 Agenten sichten 200.000 Enzym-Kandidaten
Nach eigenen Angaben von Anthropic durchsuchten 949 Instanzen von Claude in einem rund 21-stündigen, weitgehend autonomen Lauf öffentliche Genom-Datenbanken nach ungewöhnlichen Enzym-Familien. Dabei verbrauchten die Agenten rund 215,6 Millionen Tokens und sammelten zunächst mehr als 200.000 sogenannte Reverse Transkriptasen – Enzyme, die RNA in DNA umschreiben und bei Bakterien häufig der Virenabwehr dienen. Aus dieser Masse filterten die Agenten 3.564 Kandidaten-Familien heraus und verdichteten sie am Ende auf 19 ausführliche Berichte für die menschlichen Forschenden. Eine einzelne Agenten-Instanz erkannte dabei das charakteristische Wiederholungsmuster, das die Struktur später zum eigentlichen Fund machte. Die Recherche fand im firmeneigenen Biologie-Labor in der Bay Area statt, dessen Existenz Anthropic erst wenige Tage zuvor öffentlich bestätigt hatte. Menschliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler führten alle folgenden Laborversuche selbst aus, während Claude ausschließlich bei Datenanalyse, Hypothesenbildung und Auswertung half.
Enzym kombiniert Reverse Transkriptase mit CRISPR-ähnlichem Muster
Das Team nennt das neue System „array-associated reverse transcriptase” (ART). Es besteht aus drei Teilen: der namensgebenden Reverse Transkriptase, einem benachbarten Partnergen mit bislang unbekannter Funktion und einer Reihe gleichmäßig verteilter DNA-Wiederholungen. Diese Anordnung erinnert an die Wiederholungs-Arrays von CRISPR-Systemen, in denen Bakterien verschiedene RNA-Leitsequenzen speichern – das zugrunde liegende Enzym ist bei ART aber eine Reverse Transkriptase und keine CRISPR-typische Nuklease. Gefunden wurde das System bislang ausschließlich in Bakteriophagen, also Viren, die selbst Bakterien infizieren. Erste Laborexperimente deuten laut Anthropic darauf hin, dass die Wiederholungs-Region eigenständige, kurze RNA-Stücke produziert. Welche Aufgabe diese im Zellgeschehen übernehmen, ist offen.
Der CRISPR-Mitentwickler Feng Zhang vom MIT und Broad Institute hat das noch unveröffentlichte Preprint gesichtet. Die RNA-Wiederholungs-Anordnungen seien bemerkenswert und verdienten weitere Untersuchung, so seine Einschätzung – eine unabhängige Bestätigung der eigentlichen Funktion steht noch aus.
Anthropic baut Biologie-Programm rund um Claude aus
Der Fund ist das erste veröffentlichte Ergebnis einer neuen Forschungsgruppe für Grundlagenbiologie, die Anthropic erst kürzlich aufgebaut hat. Das Unternehmen betreibt sein Labor in den Sicherheitsstufen BSL-1 und BSL-2 und arbeitet damit ausschließlich mit Erregern, die nicht auf Menschen übertragbar sind. Parallel dazu vertreibt Anthropic mit Claude Science eine kommerzielle Arbeitsumgebung für Pharmaunternehmen, zu deren Kunden laut früheren Berichten unter anderem Novo Nordisk, Genentech und Bristol Myers Squibb zählen. CEO Dario Amodei schrieb auf der Plattform X, das Unternehmen vermute in ART einen möglichen neuen Mechanismus für Gen-Editierung. Funktion, Nutzen und Bedeutung des Systems seien aber noch nicht geklärt. Ergänzend zum Blogeintrag hat Anthropic ein technisches Preprint veröffentlicht, das die Methodik und alle 19 geprüften Kandidatensysteme im Detail beschreibt. Eine unabhängige, von Fachleuten begutachtete Überprüfung steht noch aus.
Entscheidend wird, ob externe Laboratorien die Existenz und tatsächliche Funktion von ART unabhängig nachvollziehen können, denn das Preprint hat bislang kein Peer-Review durchlaufen. Bestätigt sich Amodeis Vermutung eines neuen Gen-Editierungs-Werkzeugs, würde Anthropics biomedizinisches Standbein neben Rechenzentren und Cloud-Verträgen zu einem zweiten, wissenschaftlich getriebenen Geschäftsfeld heranwachsen.


