Forschung

Anthropic entdeckt mit Claude neues Enzymsystem im Erbgut

3 Min. Lesezeit

TL;DR Too Long; Didn’t read

Anthropic hat in seinem neuen Biologie-Labor mit fast 1.000 Claude-Agenten ein bislang unbekanntes Enzymsystem in Bakterienviren entdeckt. Die als ART bezeichnete Struktur ähnelt den DNA-Wiederholungen von CRISPR, ihre Funktion ist aber noch unklar. CRISPR-Mitentwickler Feng Zhang halte den Fund für bemerkenswert und weiter untersuchenswert.

Kleine Lupen-Drohnen mit Anthropic-Logo durchsuchen einen überdimensionalen DNA-Strang und entdecken darin ein leuchtendes, schlüsselförmiges Enzym. Generiertes Bild mit GPT Image 2

Das Wichtigste in Kürze

  • Rund 950 autonome KI-Agenten durchsuchten in gut 21 Stunden mehr als 200.000 Enzym-Kandidaten aus Genom-Datenbanken.
  • Das neue System heißt ART und kombiniert eine Reverse Transkriptase mit einer Wiederholungs-Anordnung ähnlich CRISPR.
  • Der Fund stammt aus Bakteriophagen, den Viren, die Bakterien infizieren – seine biologische Aufgabe bleibt unbekannt.
  • Anthropic betreibt seit Kurzem ein eigenes Biologie-Labor in Kalifornien für genau solche Experimente.
  • CRISPR-Mitentwickler Feng Zhang bezeichnet die gefundenen RNA-Wiederholungen als bemerkenswert und prüfungswürdig.
  • Ein technisches Preprint zum Fund ist veröffentlicht, aber noch nicht von Fachleuten begutachtet.

Anthropic hat in seinem neuen Biologie-Labor mit fast 1.000 Claude-Agenten ein bislang unbekanntes Enzymsystem in einem Bakterienvirus entdeckt. Die Struktur ähnelt in ihrem Aufbau den DNA-Wiederholungen von CRISPR, kombiniert diese aber mit einer sogenannten Reverse Transkriptase. Welche Funktion das als ART bezeichnete System im Erbgut erfüllt, ist bislang unklar.

Fast 1.000 Agenten sichten 200.000 Enzym-Kandidaten

Nach eigenen Angaben von Anthropic durchsuchten 949 Instanzen von Claude in einem rund 21-stündigen, weitgehend autonomen Lauf öffentliche Genom-Datenbanken nach ungewöhnlichen Enzym-Familien. Dabei verbrauchten die Agenten rund 215,6 Millionen Tokens und sammelten zunächst mehr als 200.000 sogenannte Reverse Transkriptasen – Enzyme, die RNA in DNA umschreiben und bei Bakterien häufig der Virenabwehr dienen. Aus dieser Masse filterten die Agenten 3.564 Kandidaten-Familien heraus und verdichteten sie am Ende auf 19 ausführliche Berichte für die menschlichen Forschenden. Eine einzelne Agenten-Instanz erkannte dabei das charakteristische Wiederholungsmuster, das die Struktur später zum eigentlichen Fund machte. Die Recherche fand im firmeneigenen Biologie-Labor in der Bay Area statt, dessen Existenz Anthropic erst wenige Tage zuvor öffentlich bestätigt hatte. Menschliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler führten alle folgenden Laborversuche selbst aus, während Claude ausschließlich bei Datenanalyse, Hypothesenbildung und Auswertung half.

Enzym kombiniert Reverse Transkriptase mit CRISPR-ähnlichem Muster

Das Team nennt das neue System „array-associated reverse transcriptase” (ART). Es besteht aus drei Teilen: der namensgebenden Reverse Transkriptase, einem benachbarten Partnergen mit bislang unbekannter Funktion und einer Reihe gleichmäßig verteilter DNA-Wiederholungen. Diese Anordnung erinnert an die Wiederholungs-Arrays von CRISPR-Systemen, in denen Bakterien verschiedene RNA-Leitsequenzen speichern – das zugrunde liegende Enzym ist bei ART aber eine Reverse Transkriptase und keine CRISPR-typische Nuklease. Gefunden wurde das System bislang ausschließlich in Bakteriophagen, also Viren, die selbst Bakterien infizieren. Erste Laborexperimente deuten laut Anthropic darauf hin, dass die Wiederholungs-Region eigenständige, kurze RNA-Stücke produziert. Welche Aufgabe diese im Zellgeschehen übernehmen, ist offen.

Der CRISPR-Mitentwickler Feng Zhang vom MIT und Broad Institute hat das noch unveröffentlichte Preprint gesichtet. Die RNA-Wiederholungs-Anordnungen seien bemerkenswert und verdienten weitere Untersuchung, so seine Einschätzung – eine unabhängige Bestätigung der eigentlichen Funktion steht noch aus.

Anthropic baut Biologie-Programm rund um Claude aus

Der Fund ist das erste veröffentlichte Ergebnis einer neuen Forschungsgruppe für Grundlagenbiologie, die Anthropic erst kürzlich aufgebaut hat. Das Unternehmen betreibt sein Labor in den Sicherheitsstufen BSL-1 und BSL-2 und arbeitet damit ausschließlich mit Erregern, die nicht auf Menschen übertragbar sind. Parallel dazu vertreibt Anthropic mit Claude Science eine kommerzielle Arbeitsumgebung für Pharmaunternehmen, zu deren Kunden laut früheren Berichten unter anderem Novo Nordisk, Genentech und Bristol Myers Squibb zählen. CEO Dario Amodei schrieb auf der Plattform X, das Unternehmen vermute in ART einen möglichen neuen Mechanismus für Gen-Editierung. Funktion, Nutzen und Bedeutung des Systems seien aber noch nicht geklärt. Ergänzend zum Blogeintrag hat Anthropic ein technisches Preprint veröffentlicht, das die Methodik und alle 19 geprüften Kandidatensysteme im Detail beschreibt. Eine unabhängige, von Fachleuten begutachtete Überprüfung steht noch aus.

Entscheidend wird, ob externe Laboratorien die Existenz und tatsächliche Funktion von ART unabhängig nachvollziehen können, denn das Preprint hat bislang kein Peer-Review durchlaufen. Bestätigt sich Amodeis Vermutung eines neuen Gen-Editierungs-Werkzeugs, würde Anthropics biomedizinisches Standbein neben Rechenzentren und Cloud-Verträgen zu einem zweiten, wissenschaftlich getriebenen Geschäftsfeld heranwachsen.

Häufige Fragen

Ist der Fund von ART bereits wissenschaftlich bestätigt?

Nein, das Preprint hat noch kein Peer-Review durchlaufen. Feng Zhang bezeichnet die RNA-Wiederholungen zwar als bemerkenswert, bestätigt aber nicht die tatsächliche Funktion des Systems.

Wozu könnte das ART-System dienen?

Erste Experimente deuten auf kurze, eigenständige RNA-Stücke aus der Wiederholungs-Region hin. Amodei spekuliert über einen möglichen Gen-Editierungs-Mechanismus, Anthropic nennt die eigentliche Funktion aber weiterhin offen.

Wer nutzt Anthropics Claude Science und das Biologie-Labor?

Zu den bekannten Kunden von Claude Science zählen laut früheren Berichten Novo Nordisk, Genentech und Bristol Myers Squibb. Das physische Labor in Kalifornien führt dagegen Anthropics eigene Grundlagenforschung durch.

Ist ART mit CRISPR identisch?

Nein. Nur die Anordnung der DNA-Wiederholungen erinnert an CRISPR-Arrays, das zugrunde liegende Enzym ist aber eine Reverse Transkriptase und keine CRISPR-Nuklease.

Wo lassen sich die technischen Details nachlesen?

Anthropic hat neben dem Blogeintrag ein technisches Preprint veröffentlicht, das die Methodik und alle 19 geprüften Kandidatensysteme beschreibt.

Quellen (3)
  1. Claude discovers a novel enzyme system (Anthropic)
  2. Anthropic says Claude found a new enzyme system with CRISPR-like repeats (TheNextWeb)
  3. Anthropic's 950 AI Agents Uncover CRISPR-Like Enzyme System (Forkast News)

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