Die Sicherheitsfirma VulnCheck hat erstmals systematisch ausgewertet, wie oft mit KI-Unterstützung gefundene Sicherheitslücken tatsächlich für Angriffe genutzt werden. Von 1061 im ersten Halbjahr 2026 erfassten KI-Funden bestätigte die Firma nur bei 14 eine aktive Ausnutzung. Das entspricht einer Quote von 1,3 Prozent, kaum höher als beim gesamten Lückenbestand. Die vielbeschworene Beschleunigung der Angriffswelle durch KI bleibt damit bislang aus.
VulnCheck untersucht mehr als tausend KI-Funde
Für den Bericht State of Exploitation 1H-2026 sammelte Analyst Patrick Garrity Daten zu Sicherheitslücken aus dem ersten Halbjahr 2026. Ausgewertet wurden gezielt Funde, die mit Hilfe von KI-Werkzeugen entdeckt worden waren. 1061 solcher Funde erfüllten die Kriterien der Auswertung. Vier der 14 bestätigten Angriffe entdeckte VulnCheck über eigene Frühwarnsysteme namens Canaries. Die Quote von 1,3 Prozent liegt nahe am Durchschnittswert aller im gleichen Zeitraum erfassten Schwachstellen. Sie liegt sogar unter historischen Vergleichswerten früherer Jahre. Die zugrunde liegenden Zahlen stammen aus VulnChecks eigener Datenbank und sind unabhängig nicht verifiziert. Über die gesamte Branche hinweg schrumpfte zudem das Verhältnis zwischen aktiv ausgenutzten und insgesamt gemeldeten Lücken. Es fiel von 2,7 Prozent Ende 2023 auf inzwischen 1,4 Prozent. Grund dafür ist, dass die Zahl gemeldeter Schwachstellen schneller wächst als die Zahl echter Angriffe. Erste Hinweise auf aktive Ausnutzung liefern vor allem spezialisierte Dienste wie Patchstack, CrowdSec, ShadowServer und Wordfence. Ergänzt werden diese Meldungen um Daten der US-Behörde CISA. Öffentlich diskutierte Sorgen vor einer durch KI ausgelösten „Exploitation-Apokalypse” bestätigt der Bericht damit bislang nicht.
Project Glasswing liefert Masse, aber kaum Treffer
Besonders deutlich zeigt sich die Diskrepanz bei Anthropics automatisiertem Programm Project Glasswing. Es hatte im Juni 2026 bei rund 200 Partnerorganisationen für einen sprunghaften Anstieg gemeldeter CVEs gesorgt. Von mehr als 23.000 ursprünglichen Funden mündeten bislang nur 126 in veröffentlichte CVE-Einträge. Angegriffen wurde davon bislang eine einzige Lücke, mit der Kennung CVE-2026-26980, was die geringe Trefferquote noch einmal unterstreicht. Ein separater Disclosure-Ledger des Programms stockt zudem bei 1611 Einträgen. Mehr als 150 davon liegen bereits über der vereinbarten Offenlegungsfrist. Sicherheitsforscher hatten schon beim CVE-Anstieg im Frühsommer gewarnt: Nicht das Auffinden, sondern das Verifizieren und Patchen der Schwachstellen sei der eigentliche Engpass. Die neuen VulnCheck-Zahlen untermauern diese Einschätzung. Dass KI-gestützte Funde nicht automatisch gefährlicher sind, zeigte sich zuvor bereits am Beispiel von GPT-5.6 Sol Ultra. Das Modell fand für rund 25 Dollar eine kritische WordPress-Lücke. Dort begannen laut Sicherheitsfirma watchTowr allerdings tatsächlich rasch erste Angriffe – ein Beleg dafür, dass Einzelfälle je nach Zielsystem stark variieren.
Angriffe treffen häufig Content-Management-Systeme
Die Gesamtzahl gemeldeter Schwachstellen wuchs im ersten Halbjahr 2026 laut VulnCheck um 45 Prozent. Die Zahl tatsächlich aktiv ausgenutzter Lücken nahm dagegen nur um 10 Prozent zu. Content-Management-Systeme wie WordPress, Drupal, Ghost und Kentico Xperience stellten dabei rund ein Drittel aller neu als angegriffen bestätigten Schwachstellen. Ein Teil davon lief über eine groß angelegte Kampagne, welche auch die australische Cybersicherheitsbehörde ASD dokumentierte. Am schnellsten nach Bekanntwerden angegriffen wurden daneben Sicherheitswerkzeuge selbst, etwa von Splunk und Microsoft Defender. Auch Entwicklerwerkzeuge und Systeme zur Geräteverwaltung gehörten zu den bevorzugten Zielen. Gleichzeitig sank die mittlere Zeit zwischen einer CVE-Veröffentlichung und dem ersten bestätigten Angriff von 120 auf 80 Tage. Rund 200 Lücken wurden bereits innerhalb der ersten 31 Tage ausgenutzt. Neu in der Statistik tauchen zudem KI-eigene Werkzeuge als Ziel auf. Die Workflow-Plattform Langflow etwa, über die zuvor bereits ein Hacker mit DeepSeek-Unterstützung automatisierte Angriffe versuchte, wurde laut VulnCheck über zwei separate Lücken tatsächlich kompromittiert. Angreifer nutzten sie unter anderem zum Einschleusen von Kryptowährungs-Minern.
Entscheidend wird, ob Sicherheitsteams ihre Priorisierung anpassen. Der Befund spricht dafür, gemeldete Lücken weiterhin nach Zielsystem und Angriffsfläche zu bewerten. Ob eine KI oder ein Mensch die Lücke entdeckt hat, spielt dagegen offenbar kaum eine Rolle. Zugleich verschärft die von 120 auf 80 Tage geschrumpfte Reaktionszeit den Druck, Patches schneller einzuspielen. Ob sich die Schere zwischen KI-Fundmenge und tatsächlicher Ausnutzung im zweiten Halbjahr weiter öffnet, dürfte auch davon abhängen, wie viele der über 150 überfälligen Glasswing-Meldungen bis dahin offengelegt werden.


