Die EU-Kommission stuft ChatGPT als erste KI-Anwendung unter die strengste Aufsichtskategorie des Digital Services Act ein, Reddit und Roblox erhalten denselben Status als besonders große Plattformen. Grundlage sind Nutzerzahlen von 159 Millionen für ChatGPT sowie 57,2 respektive 48 Millionen für Reddit und Roblox in der EU. Alle drei müssen binnen vier Monaten Risikoprüfungen und Audits vorlegen.
Kommission stützt Einstufung auf Nutzerzahlen
Die Europäische Kommission ordnet ChatGPT als „Very Large Online Search Engine” (VLOSE) ein, weil der Chatbot bei Anfragen im Web recherchiert und damit laut Kommission funktional einer Suchmaschine entspricht. Es ist die erste derartige Einstufung für einen KI-Chatbot. Reddit und Roblox erhalten den Status „Very Large Online Platform” (VLOP). Beide Kategorien stammen aus dem Digital Services Act, der europäischen Verordnung zur Regulierung von Online-Diensten. Sehr groß ist ein Dienst demnach ab 45 Millionen durchschnittlichen monatlichen Nutzerinnen und Nutzern in der EU. OpenAI habe für die ChatGPT-Suchfunktion rund 159 Millionen monatliche Nutzer im Zeitraum bis März 2026 gemeldet, Reddit 57,2 Millionen und Roblox knapp 48 Millionen. Zuständig für die Aufsicht über ChatGPT und Reddit ist die irische Medienregulierungsbehörde Coimisiún na Meán, für Roblox die niederländische Wettbewerbsbehörde ACM. Insgesamt tragen damit 28 Dienste den VLOP- oder VLOSE-Status, darunter bereits länger Google Search und Microsoft Bing als klassische Suchmaschinen. ChatGPT wächst in der EU seit Monaten rasant, seit August zeigt die App dort auch Werbung in den kostenlosen Tarifen – ein Hinweis auf die Reichweite, die zur Einstufung führte.
Unternehmen kündigen Anpassungen an
OpenAI, Reddit und Roblox haben vier Monate Zeit, um gegenüber der Kommission ausreichende Vorkehrungen gegen Risiken für Minderjährige, Wahlen und die öffentliche Sicherheit nachzuweisen. Dazu zählen jährliche systemische Risikobewertungen zu illegalen Inhalten, zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, zur psychischen und physischen Gesundheit der Nutzer, zu Grundrechten sowie zu Wahlprozessen. Die Unternehmen müssen zusätzlich unabhängige Audits zulassen und Daten mit Aufsichtsbehörden sowie geprüften Forschenden teilen, damit diese die Risikoberichte unabhängig nachvollziehen können. OpenAI erklärt, die Suchfunktion von ChatGPT arbeite bereits wie ein Suchdienst im Sinne des Gesetzes, man bereite sich auf die zusätzlichen Pflichten vor. Reddit kündigt an, sich seit Längerem auf die VLOP-Anforderungen vorzubereiten und mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Roblox betont, als erste Gaming-Plattform diesen Meilenstein zu erreichen, und verweist auf bestehende Schutzmaßnahmen für minderjährige Nutzer – ein Punkt, der angesichts laufender Debatten über Jugendschutzfunktionen von Chatbots an Gewicht gewinnt. Reicht ein Unternehmen bis zum Stichtag keine ausreichenden Nachweise ein, kann die Kommission ein förmliches Prüfverfahren eröffnen, das in Auflagen oder Bußgeldern münden kann.
Bußgeldrahmen orientiert sich an früheren DSA-Fällen
Verstöße gegen die Auflagen kann die Kommission mit Bußgeldern von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes ahnden. Einen Präzedenzfall gibt es bereits: Die Behörde verhängte im Mai 2026 ein Bußgeld von 200 Millionen Euro gegen Temu und im Juli 2026 eines von 550 Millionen Euro gegen AliExpress, jeweils wegen Verstößen gegen die DSA-Pflichten für sehr große Plattformen. Insgesamt hat die Kommission nach eigenen Angaben bislang rund 870 Millionen Euro an DSA-Bußgeldern verhängt. Die US-Regierung hat frühere EU-Digitalstrafen gegen amerikanische Technologiekonzerne wiederholt als wirtschaftliche Nötigung kritisiert und mit Gegenmaßnahmen gedroht – ein Konflikt, der auch bei der Durchsetzung der neuen Auflagen mitschwingt.
Entscheidend wird, ob die Kommission die Frist im kommenden Jahr tatsächlich mit eigenen Prüfungen unterlegt oder ob die Selbstauskünfte der Unternehmen weitgehend unwidersprochen bleiben. Für ChatGPT ist die Einstufung ein Testfall: Sie zeigt, dass Brüssel KI-Chatbots mit Websuche regulatorisch wie klassische Suchmaschinen behandelt – ein Muster, das weitere Anbieter mit ähnlichen Funktionen treffen dürfte.


