OpenAI hat laut einem Bericht des Wall Street Journal das Kamera-Start-up Glass Imaging für mehr als 300 Millionen Dollar übernommen, wie unter anderem TechCrunch bestätigt. Die neuronale Bildsoftware des Unternehmens verbessert Fotos direkt beim Fotografieren statt in der Nachbearbeitung – zum Zehnfachen der bisherigen Finanzierung von rund 30 Millionen Dollar.
Gründer bauten bei Apple gemeinsam den Porträtmodus
Ziv Attar und Tom Bishop gründeten Glass Imaging 2019 in Los Altos, nachdem beide zuvor bei Apple an der Kamera-Software des iPhones gearbeitet hatten. Attar war 2015 zu Apple gekommen, als der Konzern sein israelisches Start-up LinX Imaging für rund 20 Millionen Dollar übernahm; gemeinsam mit Bishop entwickelte er anschließend über mehrere iPhone-Generationen hinweg den Porträtmodus, der Hintergründe unscharf zeichnet. Mit Glass Imaging bauten die beiden Ingenieure ein eigenes Verfahren namens GlassAI auf, das laut SiliconANGLE die Rohdaten des Kamerasensors in einem einzigen neuronalen Rechenschritt verarbeitet. Entrauschung, Farbrekonstruktion, Schärfung und die Zusammenführung mehrerer Belichtungen laufen dabei gleichzeitig statt wie bei anderen Systemen getrennt nacheinander. Für jede Kombination aus Objektiv und Sensor trainiert das Unternehmen ein eigenes neuronales Netz. Bis zur Übernahme hatte Glass Imaging nach verfügbaren Angaben rund 30 Millionen Dollar eingesammelt, darunter eine von Insight Venture Management angeführte Finanzierungsrunde über 20 Millionen Dollar im Mai 2025, an der sich auch bereits bestehende Geldgeber erneut beteiligten.
OpenAI baut inmitten des Apple-Rechtsstreits an eigener Hardware
Die Übernahme reiht sich in OpenAIs wachsende Hardware-Sparte ein. Das Unternehmen hatte bereits im Mai 2025 das Studio des früheren Apple-Chefdesigners Jony Ive für 6,5 Milliarden Dollar in Aktien gekauft und mit Codex Micro im Juli ein erstes physisches Zubehörprodukt für Entwickler auf den Markt gebracht. Als nächstes größeres Gerät arbeitet OpenAI Berichten zufolge an einem donutförmigen Lautsprecher mit eingebauter Kamera, der 2027 starten und mehr als 300 Dollar kosten soll. Für ein Gerät mit Kamera dürfte die Bildtechnologie von Glass Imaging unmittelbar nutzbar sein, auch wenn OpenAI eigene Pläne für die Technik bislang nicht offengelegt hat. Der Zukauf fällt zugleich mitten in einen Rechtsstreit mit Apple: Der iPhone-Hersteller wirft OpenAI in einer im Juli eingereichten Klage vor, über ehemalige Apple-Beschäftigte systematisch Hardware-Geheimnisse entwendet zu haben. Mit Attar und Bishop kommen nun zwei weitere frühere Apple-Kamera-Ingenieure zu einem Unternehmen, dessen Personalpraxis bereits Gegenstand des Verfahrens ist – ohne dass die Klage den neuen Deal namentlich erwähnt.
Offen bleibt, ob OpenAI die GlassAI-Technik zuerst im geplanten Lautsprecher oder in einem noch unangekündigten Gerät einsetzt – zu konkreten Produktplänen äußerte sich das Unternehmen bislang nicht. Eine offizielle Bestätigung des Kaufpreises fehlt von beiden Seiten, die Zahl ist damit unabhängig nicht verifiziert. Der nächste feste Termin im Hintergrund des Deals ist der 1. Oktober, wenn ein Bundesrichter in Nordkalifornien über Apples Klage gegen OpenAIs Hardware-Geschäft verhandelt – ein Verfahren, das über Tempo und Spielraum der gesamten Gerätesparte mitentscheiden dürfte.


