OpenAI hat ChatGPT Health am 1. September 2026 an das Patientenakten-System Epic angebunden, das in Kliniken und Praxen weltweit die Daten von mehr als 325 Millionen Menschen verwaltet. Ärztinnen und Ärzte können damit Befunde, Medikamentenlisten und Facharztberichte direkt in ChatGPT durchsuchen, ohne Unterlagen von Hand zusammenzutragen. Ein Rückschreiben in die Akte ist ausgeschlossen.
Zugriff bleibt lesend und an eine US-Datenschutzvereinbarung gebunden
Kliniken schließen für die Anbindung eine sogenannte Business Associate Agreement ab, den in den USA vorgeschriebenen Vertrag für den Umgang mit Gesundheitsdaten nach dem Gesetz HIPAA. Erst danach lässt sich das jeweilige Epic-System mit ChatGPT für das Gesundheitswesen koppeln, wie OpenAI in seiner Ankündigung erläutert. ChatGPT liest Arzttermine, Laborwerte, Medikationslisten und Facharztberichte aus einer freigegebenen Akte, beantwortet daraus Fragen und markiert, was sich seit dem letzten Besuch verändert hat. Pilotpartner ist die kalifornische Klinikgruppe UCSF Health. Ihr Chef Suresh Gunasekaran erhofft sich laut OpenAI vor allem, dass Behandlungsteams komplexe Akten schneller erfassen und dadurch mehr Zeit für Gespräche mit Patientinnen und Patienten gewinnen. In einer internen Auswertung stuften Ärztinnen und Ärzte 99,1 Prozent von 4.363 geprüften Antworten über 27 klinische Anwendungsfälle als sicher ein. Die Zahl stammt von OpenAI selbst und ist unabhängig nicht verifiziert. Für Deutschland oder die EU nennt der Konzern bislang keinen Termin: Die Anbindung gilt vorerst nur für US-Kliniken mit Epic-System.
Neues Plugin öffnet neun offizielle Gesundheitsdatenbanken
Parallel zur Epic-Anbindung startet ein Datenplugin, das ChatGPT mit neun öffentlichen Gesundheitsquellen verbindet, darunter die Studiendatenbank ClinicalTrials.gov, die US-Zulassungsdatenbank DailyMed, das Wirkstoffverzeichnis RxNorm sowie die Fachliteratur-Datenbank PubMed. Ein Arzt kann während der Sprechstunde etwa prüfen, ob ein Medikament zu einer laufenden klinischen Studie passt. Aktuelle Nebenwirkungsmeldungen lassen sich ebenso abrufen, ohne mehrere Fachportale einzeln zu durchsuchen. Kritischer Hintergrund: Gegen OpenAI laufen bereits mehrere Klagen. Angehörige werfen dem Chatbot riskante medizinische Ratschläge vor, darunter ein Pastor aus Florida wegen einer aus seiner Sicht „beinahe tödlichen Empfehlung”, wie TechCrunch berichtet. OpenAI betont deshalb ausdrücklich, dass ChatGPT weder für Diagnosen noch für Behandlungsentscheidungen gedacht sei, sondern vorhandene Informationen lediglich aufbereite. Die Verbraucherversion von ChatGPT nutzen in den USA bereits breite Teile der Bevölkerung für Gesundheitsfragen. Die Klinik-Variante mit Epic-Anbindung richtet sich dagegen ausschließlich an medizinisches Fachpersonal mit Zugriff auf echte Patientenakten und unterliegt den strengeren Vertrags- und Prüfpflichten des Gesundheitsrechts. Für breite Verbrauchergruppen in den USA lief die reguläre Gesundheits-Funktion von ChatGPT bereits seit Juli 2026, die Epic-Anbindung erweitert sie nun um die klinische Fachseite.
Epic betreibt längst eigene KI-Zusammenfassungen im großen Maßstab
ChatGPT trifft in den Kliniken nicht auf ein leeres Feld. Epic bietet mit dem hauseigenen Werkzeug Art bereits automatische Aktenzusammenfassungen an. Laut dem Fachdienst The State of AI erstellt Epic damit monatlich rund 16 Millionen Zusammenfassungen bei 42 Prozent der US-Akutkliniken. Hinzu kommen spezialisierte Anbieter für die automatische Gesprächsdokumentation wie Abridge, Ambience, Nabla und Suki. Laut dem Bericht flossen bis September 2025 zusammen rund 1,6 Milliarden Dollar Wagniskapital in solche Anbieter, deren Verträge mit Krankenhäusern oft siebenstellige Jahresbeträge erreichen. Auch jenseits der etablierten Anbieter sammeln Start-ups weiter Kapital für klinische KI ein: Erst im Sommer sicherte sich etwa Bunkerhill Health eine Finanzierungsrunde für seine Agentenplattform Carebricks. Für IT-Verantwortliche in Kliniken bedeutet die neue ChatGPT-Funktion damit vor allem eine weitere Wahl zwischen mehreren, sich teils überschneidenden KI-Werkzeugen auf derselben Patientenakte. Für Kliniken zählen dabei vor allem drei Kriterien: laufende Kosten, der Ort der Datenverarbeitung und der Aufwand für ein weiteres System.
Entscheidend wird, ob Kliniken den zusätzlichen Nutzen der ChatGPT-Anbindung gegenüber den bereits laufenden, teils siebenstellig teuren Verträgen mit Epic selbst und mit Diktier-Anbietern rechtfertigen können. Anders als die etablierten Werkzeuge verarbeitet ChatGPT für das Gesundheitswesen keine Sprachaufnahmen, sondern ausschließlich bereits dokumentierte Akteninhalte – ein schmalerer, aber auch risikoärmerer Ansatz als bei den Diktier-Tools. Offen bleibt, wie schnell OpenAI die Funktion über die USA hinaus anbietet und ob europäische Kliniken angesichts strengerer Datenschutzvorgaben überhaupt zur Zielgruppe des Angebots werden.


