Nvidia verhandelt einem Bericht des Fachdienstes The Information zufolge den Kauf der Open-Source-Plattform Hugging Face für 12,9 Milliarden Dollar. Der Preis liegt fast beim Dreifachen der letzten offiziellen Bewertung von 4,5 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2023. Eine unterzeichnete Vereinbarung gibt es nach übereinstimmenden Berichten noch nicht.
Bewertung springt auf fast das Dreifache
TechCrunch berichtet, die Gespräche zwischen beiden Unternehmen seien weit fortgeschritten, ein Abschluss aber noch nicht sicher. Hugging Face hatte bereits vor wenigen Tagen einen Verkauf zu einer Bewertung von mindestens 13 Milliarden Dollar geprüft und dafür eine Bank mit der Käufersuche beauftragt. Die 2016 von Clément Delangue, Julien Chaumond und Thomas Wolf gegründete Plattform gilt als zentraler Umschlagplatz für offene KI-Modelle, Datensätze und Werkzeuge – oft als „GitHub der KI” bezeichnet. Der Jahresumsatz liegt Berichten zufolge bei rund 150 Millionen Dollar, vor zwei Monaten waren es noch etwa 100 Millionen. Delangue habe dem Onlinemagazin TechCrunch kürzlich gesagt, das Wachstum bringe das Unternehmen „nah an die Profitabilität”. An der Finanzierungsrunde von 2023 waren neben Nvidia selbst auch Google, Amazon, Salesforce, IBM, Intel, AMD und Qualcomm beteiligt – Nvidia hält damit bereits heute einen kleinen Anteil an der Plattform, die es nun komplett übernehmen will.
Hugging Face lehnte frühere Nvidia-Offerte ab
Der aktuelle Vorstoß ist nicht der erste Annäherungsversuch: Bereits im Juli 2025 bot Nvidia rund 500 Millionen Dollar für eine Investitionsbeteiligung, bewertete Hugging Face damals mit sieben Milliarden Dollar. Delangue lehnte ab – aus Sorge, ein einzelner Investor könne zu viel Einfluss auf die Plattform gewinnen. Der heutige Kaufpreis liegt damit rund 26-mal so hoch wie das Angebot von vor gut einem Jahr. Delangue hatte zuletzt öffentlich für eine engere Zusammenarbeit von Chipherstellern und offenen Modellen geworben: Zusammen mit Nvidia-Chef Jensen Huang unterzeichnete er im Sommer einen offenen Brief, der die US-Regierung aufforderte, offene KI-Modelle zu fördern statt einzuschränken. Der Brief soll die Position offener KI-Modelle gegenüber schärferen Exportbeschränkungen stärken, wie mehrere Wirtschaftsmedien im Sommer berichteten. In einem CNBC-Interview warnte er zudem, China dominiere den Bereich offener Modelle „eindeutig” – ein Argument, das für eine engere Bindung an einen finanzstarken US-Partner sprechen könnte.
Übernahme wirft Fragen zur Plattform-Neutralität auf
Kritiker sehen in der möglichen Übernahme ein Risiko für die Unabhängigkeit von Hugging Face. Die Plattform hostet nicht nur Nvidia-nahe Projekte, sondern auch Modelle von Wettbewerbern wie Google, Amazon und Microsoft, die eigene KI-Chips entwickeln. Geriete Hugging Face vollständig unter die Kontrolle eines Chipherstellers, könnten konkurrierende Anbieter das Vertrauen in die neutrale Distribution verlieren. Weder Nvidia noch Hugging Face haben den Deal bislang offiziell bestätigt oder dementiert; beide Unternehmen reagierten laut den zitierten Berichten zunächst nicht auf Presseanfragen. Auch zu einer möglichen kartellrechtlichen Prüfung äußerte sich bislang keine der beteiligten Parteien. Analysten verweisen auf ähnliche Bedenken wie bei Microsofts Investment in OpenAI oder Amazons Beteiligung an Anthropic, wo Cloud-Anbieter Zugang zu Trainingsdaten und Infrastruktur ihrer Portfoliounternehmen erhielten. Bei Hugging Face käme hinzu, dass die Plattform selbst über keine eigene Recheninfrastruktur im großen Stil verfügt und für Training und Deployment der gehosteten Modelle auf Partner wie Nvidias eigene DGX-Cloud-Dienste verweisen könnte – ein Umstand, der nach einer Übernahme noch bedeutender würde.
Entscheidend wird, ob eine mögliche Vereinbarung vertragliche Zusagen zur Plattform-Neutralität enthält – oder ob Wettbewerber als Reaktion eigene Distributionswege für offene Modelle aufbauen. Ein Termin für einen möglichen Abschluss ist bislang nicht bekannt.


