Anthropic beziffert seine Marktchance laut Wall Street Journal auf mehr als 30 Billionen Dollar – mehr als SpaceX vor dessen Börsengang im Juni nannte. Anthropic will beim geplanten Börsengang bis zu 100 Milliarden Dollar einsammeln, bei einer Bewertung von rund zwei Billionen Dollar. Der Börsenprospekt soll in Kürze folgen, ein Debüt ist frühestens im September möglich.
Umsatzrate springt von neun auf 65 Milliarden Dollar
Grundlage der Marktschätzung ist Anthropics rasantes Umsatzwachstum. Die annualisierte Umsatzrate stieg nach Berichten aus Investorenkreisen von rund neun Milliarden Dollar Ende 2025 auf 65 Milliarden Dollar bis Ende Juli 2026 – nahezu das Siebenfache binnen weniger Monate. Erst am Vortag hatten sechs Investoren für den Börsengang im Oktober eine Bewertung von mindestens zwei Billionen Dollar in Aussicht gestellt; die nun bekannt gewordene, unabhängig nicht verifizierte Marktschätzung von 30 Billionen Dollar liefert dafür die Begründung, mit der Anthropic bei Investoren wirbt. Für das zweite Quartal 2026 wies das Unternehmen einen Umsatz von 11,6 Milliarden Dollar aus, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahresquartal. Damit folgt Anthropic dem Muster früherer Börsengänge: Auch SpaceX hatte vor der eigenen Erstnotiz im Juni mit einer Marktchance von 28,5 Billionen Dollar geworben und dabei 86 Milliarden Dollar eingesammelt, bei einer Bewertung von 1,77 Billionen Dollar. Der Aktienkurs von SpaceX fiel im August allerdings vom Ausgabepreis von 135 Dollar auf unter 105 Dollar – ein Hinweis darauf, wie schwer sich hochtrabende Marktschätzungen langfristig halten.
Analysten halten die 30-Billionen-Schätzung für überzogen
Anthropic berechnet die 30 Billionen Dollar als sogenanntes Total Addressable Market, kurz TAM – die theoretisch maximale Marktgröße, wenn ein Unternehmen jede Aufgabe übernehmen könnte, die sich mit KI-Modellen erledigen ließe. NYU-Finanzprofessor Aswath Damodaran nannte eine vergleichbare TAM-Schätzung von SpaceX bereits „reaching the end of what’s plausible and pushing beyond” – an der Grenze des Plausiblen und darüber hinaus. Zum Vergleich: Die 191 Technologiekonzerne im Aktienindex S&P 1500 erwirtschafteten im vergangenen Jahr zusammen rund 2,4 Billionen Dollar Umsatz, weniger als ein Zehntel der Zahl, mit der Anthropic wirbt. Auch frühere Börsengänge nutzten die TAM-Rechnung, um lange Investitionshorizonte zu rechtfertigen: Uber bezifferte sein Marktpotenzial vor dem Börsengang 2019 auf sechs Billionen Dollar, der später gescheiterte Bürovermieter WeWork nannte drei Billionen Dollar für sein abgesagtes Angebot. Nicht alle Investmentbanker teilen die Skepsis: Jim Neesen von der Connor Group, die nach eigenen Angaben mehr als 275 Börsengänge im Volumen von über vier Billionen Dollar begleitet hat, hält die Kennzahl für nachvollziehbar, weil sie die tatsächliche Marktchance hinter dem Geschäft aufzeige.
IPO-Markt erlebt bestes Halbjahr seit Jahren
Anthropics Pläne fallen in ein außergewöhnlich aktives Börsenjahr. US-Börsengänge sammelten im ersten Halbjahr 2026 zusammen 114,2 Milliarden Dollar ein, verteilt auf 65 Notierungen, gegenüber 14,8 Milliarden Dollar bei 34 Börsengängen im ersten Halbjahr 2025. Allein im zweiten Quartal 2026 kamen 114,1 Milliarden Dollar zusammen. Auch OpenAI bereitet Berichten zufolge einen eigenen Börsengang vor, was den Wettbewerb um Investorenkapital in der Branche zusätzlich verschärft und den Zeitdruck auf Anthropic erhöht. Zugleich treibt der hohe Kapitalbedarf für Rechenzentren den Zeitplan: Erst im August verknüpfte Google Kredite über 200 Milliarden Dollar mit Chip-Lieferungen, die Anthropic least, um seine Rechenzentren zu füllen. Gelingt der Börsengang wie angepeilt, würde Anthropic mit einer Bewertung von zwei Billionen Dollar SpaceX’ bisherigen Rekordwert von 1,77 Billionen Dollar übertreffen und wäre der bislang größte Börsengang eines noch nicht durchgehend profitablen KI-Unternehmens. Damit würde Anthropic in die exklusive Gruppe der wertvollsten Unternehmen der Welt aufsteigen, die bislang von Techkonzernen wie Apple, Nvidia und Microsoft angeführt wird.
Entscheidend wird, ob Anthropic die Rechenkünste aus Investorengesprächen in geprüfte Zahlen für die reguläre SEC-Einreichung übersetzen kann, die für einen Börsengang im September oder Oktober nötig wäre. Bislang stammen sämtliche Angaben – von der Umsatzrate bis zur Marktschätzung – aus Kreisen, die selbst am Ausgang der Notierung verdienen; eine unabhängige Prüfung steht noch aus.


