Der Softwarekonzern SAP hat die Übernahme des Freiburger KI-Start-ups Prior Labs abgeschlossen. Das Unternehmen investiert nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Euro über vier Jahre, um aus der 2024 gegründeten Firma ein eigenständiges europäisches KI-Forschungslabor aufzubauen. Prior Labs bleibt als eigenständige Tochtergesellschaft mit eigenem Namen bestehen.
Deal bringt Tabellendaten-Spezialisten zu SAP
SAP kündigte die Übernahme im Mai an und hat den Kauf mit einer aktuellen Mitteilung nun offiziell abgeschlossen. Der Kaufpreis bleibt unter Verschluss, SAP nennt lediglich das geplante Investitionsvolumen von über einer Milliarde Euro bis zum Jahr 2030. Prior Labs entstand 2024 in Freiburg als Ausgründung der KI-Forschung von Frank Hutter, Noah Hollmann und Sauraj Gambhir. In der Pre-Seed-Runde sammelte das Team laut TechFundingNews neun Millionen Euro ein, angeführt von Balderton Capital und XTX Ventures, mit Hugging-Face-Mitgründer Thomas Wolf und Black-Forest-Labs-Gründer Robin Rombach als Angel-Investoren. Achtzehn Monate nach der Gründung verkauft das Team nun an den Walldorfer Softwarekonzern. Prior Labs bleibt als eigenständige Marke und Tochtergesellschaft mit Sitz in Freiburg bestehen, ergänzt um Büros in Berlin und New York. SAP-Finanzvorstand für Technologie Philipp Herzig begründet den Kauf damit, dass die größte ungenutzte Chance in Unternehmens-KI nicht bei Sprachmodellen liege, sondern bei strukturierten Geschäftsdaten – einem Bereich, in dem SAP durch seine Business-Software Zugang zu großen Datenmengen hat.
Modell verarbeitet Tabellen statt Fließtext
Anders als große Sprachmodelle analysiert Prior Labs’ KI-Modell TabPFN Tabellen und Datenbanken, etwa Kundenlisten, Zahlungshistorien oder Sensormessreihen, und liefert direkt Vorhersagen dazu, ohne dass Fachleute vorab ein eigenes Modell trainieren müssen. Die aktuelle Version zählt nach Angaben von TechFundingNews mehr als vier Millionen Downloads über die Plattform Hugging Face, wo das Modell frei verfügbar ist – die Zahl ist unabhängig nicht verifiziert. Anwendungsfälle reichen von Zahlungsausfällen und Kundenabwanderung bis zu Nachfrageprognosen, externe Berichte nennen zudem Waldbrandvorhersagen und Zugausfallprognosen. Für SAP-Kundschaft könnte das im Alltag bedeuten: Tabellenkalkulationen und Unternehmensdatenbanken liefern künftig automatisch Prognosen, ohne dass dafür ein eigenes Machine-Learning-Projekt aufgesetzt werden muss. Prior-Labs-Gründer Frank Hutter erklärt zur Übernahme, vor achtzehn Monaten sei sein Unternehmen noch ein Forschungsprojekt gewesen, nun beginne das nächste Kapitel als KI-Labor mit deutlich mehr Ressourcen. Konkurrenz für spezialisierte Tabellen-KI kommt bislang vor allem aus der Forschung und von kleineren Anbietern, während Google, Microsoft und Amazon ihre Cloud-Datenbanken bisher eher mit generischen Sprachmodell-Funktionen verknüpfen.
Offen bleibt, wie tief SAP die Tabellen-KI in bestehende Produkte wie die Business-Suite S/4HANA einbaut und ob Prior Labs als eigenständige Marke für externe Kundschaft sichtbar bleibt. Entscheidend wird, ob das Freiburger Team sein Forschungstempo auch als Teil eines globalen Softwarekonzerns halten kann.


