Amazon öffnet sein Verkäufer-Werkzeug Seller Assistant für externe KI-Systeme. Auf der Hausmesse Accelerate in Seattle kündigte das Unternehmen am 23. September 2026 ein neues Plugin an, das Verkaufsdaten direkt in Anthropics Claude und den hauseigenen Assistenten Amazon Quick einspeist. Verkäufer sollen Lagerbestand, Preise und Anzeigen künftig steuern, ohne sich bei Seller Central anzumelden.
Plugin verbindet Verkäuferkonto in 60 Sekunden mit Claude
Das sogenannte Selling-Partner-Plugin zieht laut Amazons offizieller Ankündigung Listings, Lagerbestände, Verkaufsanalysen und Kontokennzahlen aus Seller Central in den gewählten KI-Assistenten. Die Einrichtung dauere nach Unternehmensangaben rund 60 Sekunden und verlange keine Programmierkenntnisse. Zum Start funktioniert die Anbindung mit dem hauseigenen Assistenten Amazon Quick sowie, vorerst in einer Beta-Phase, mit Anthropics Claude – dessen Modelle bereits den bisherigen Seller Assistant antreiben.
Verkäufer legen selbst fest, welche Datenarten das Plugin an den externen Assistenten weitergibt, jede automatisierte Aktion braucht vorab eine Freigabe. Eric Burns, Field CTO bei Anthropic, erklärt, das Plugin bringe datenzentrierte Einblicke direkt in das Claude-Konto der Verkäufer. Amazon betont, sämtliche Aktionen blieben über Protokolle nachvollziehbar, und die Geschäftsdaten verließen die eigene Infrastruktur nicht in Richtung Dritter.
Jigar Thakkar, bei Amazon zuständig für das Feld Agentic AI for Business, beschreibt den hauseigenen Assistenten Quick als leistungsstarkes, kontextbezogenes Werkzeug für die Verkäufer-Verwaltung. Bislang mussten Verkäufer für solche Auswertungen zwischen mehreren Amazon-Oberflächen wechseln; das Plugin bündelt die Informationen stattdessen an einer Stelle im jeweils bevorzugten Chat-Werkzeug.
Automatisierte Workflows überwachen Bestand und Preise eigenständig
Seller Assistant speichert nach Unternehmensangaben Preismuster, Lagerzyklen und Wachstumsziele jedes Verkäufers dauerhaft – das Gedächtnis bleibe über Seller Central, Quick und Claude hinweg erhalten, statt bei jeder Sitzung neu zu starten. Darauf aufbauend sollen künftig durchgehende Workflows laufen, etwa eine Warnung, wenn eines der zehn meistverkauften Produkte unter vier Sterne fällt, oder eine fortlaufende Beobachtung der wichtigsten Warenkategorie auf neue Konkurrenzangebote.
Ein Verkäufer aus Amazons eigenem Beispielmaterial, James Oliver vom Anbieter Atlas Bar, beschreibt den Effekt so: „Was früher einen Nachmittag dauerte, geschieht jetzt sofort.” Ergänzend kündigte Amazon eine neue Funktion namens Sellers Canvas an: einen visuellen Arbeitsbereich, der Live-Daten zum Geschäft darstellt und sich bei Rückfragen automatisch aktualisiert, statt jedes Mal neue Tabellen zu erzeugen. Solche Funktionen zielen besonders auf saisonale Verkäufer, deren Lager- und Preisplanung sich Jahr für Jahr wiederholt.
Der Ansatz ähnelt dem Plugin, mit dem Salesforce und Anthropic seit Ende August Vertriebsdaten in Claude einbinden: Auch dort ruft ein KI-Assistent Unternehmensdaten direkt ab, statt dass Beschäftigte zwischen Anwendungen wechseln müssen.
Amazon verschenkt ein Jahr Quick Plus bis Jahresende
Wer sich anmeldet, erhält ein kostenloses Zwölf-Monats-Abonnement des Tarifs Quick Plus, gültig bis zum 31. Dezember 2026; primäre Kontoinhaberinnen und -inhaber können den Gratiszugang zusätzlich an zwei Teammitglieder weitergeben. Was danach kostet, lässt Amazon offen. Das Plugin selbst startet zunächst nur für Verkaufskonten in den US-Stores, eine internationale Ausweitung sei geplant, ein Termin für Deutschland oder die EU steht noch nicht fest.
Unabhängige Verkäufer erwirtschaften laut Amazon mehr als 60 Prozent aller auf der Plattform verkauften Einheiten – ein Geschäft, das dem Konzern im zweiten Quartal nach eigenen Angaben rund 46,8 Milliarden Dollar an Gebühren einbrachte, mehr als das Cloud-Geschäft AWS (unabhängig nicht verifiziert). Die Öffnung gegenüber Claude steht im Kontrast zu Amazons Umgang mit fremden Assistenten im eigenen Kaufhaus: Erst wenige Tage zuvor hatte der Konzern Metas Einkaufsagenten Muse aus dem eigenen Shop ausgesperrt und verlangt seither, dass sich externe Agenten dort ausweisen und Plattformregeln befolgen.
Entscheidend wird, ob Amazon die kostenlose Testphase über den Jahreswechsel hinaus verlängert oder Verkäufer danach für den KI-Zugang zur Kasse bittet. Offen bleibt zudem, wie schnell die für die USA angekündigte Beta auf weitere Länder ausgeweitet wird, wo viele Amazon-Händler bislang auf eigene Automatisierungstools angewiesen sind.


