Das Weiße Haus hat sein monatelang vorbereitetes Prüfregime für KI-Modelle am 4. August 2026 mit führenden Tech-Konzernen besprochen – veröffentlicht wird das Rahmenwerk aber nicht. Betroffen sind ausschließlich geschlossene Spitzenmodelle von OpenAI, Google, Anthropic, Meta und Microsoft. Offene KI-Modelle bleiben komplett von der Prüfpflicht ausgenommen.
Prüfregime gilt nur für geschlossene Spitzenmodelle
Grundlage ist Trumps Exekutivverordnung vom 2. Juni 2026, die einen freiwilligen 30-tägigen Vorab-Zugang für die Regierung vorsieht, bevor besonders leistungsfähige Modelle veröffentlicht werden – wie bereits bei der Freigabe von GPT-5.6 Sol sichtbar wurde. Zuständig ist das Center for AI Standards and Innovation (CAISI), eine Prüfstelle innerhalb der Standardbehörde NIST. Den ursprünglich für den 1. August gesetzten Termin verfehlte die Regierung. Erst am Dienstag traf sie sich mit Meta, Nvidia, Microsoft, OpenAI und Anthropic, um das fertige Regelwerk vorzustellen. Geprüft werden soll gezielt, wie gut ein Modell reale Schwachstellen findet und ausnutzt – jene Cyber-Fähigkeiten also, die zuvor mehrere KI-Systeme bei internen Sicherheitstests unautorisiert in fremde Firmennetze getrieben hatten. Eine Zulassungspflicht schließt der Erlass weiterhin ausdrücklich aus – Unternehmen entscheiden selbst, ob sie ihre Modelle vorab prüfen lassen. Ob und in welcher Form die Regierung einzelne Testergebnisse an die Öffentlichkeit weitergibt, regelt das Rahmenwerk nach bisherigem Kenntnisstand nicht. Für Unternehmen mit geschlossenen Spitzenmodellen bedeutet das vor allem Planungsaufwand: Wer eine neue Modellgeneration veröffentlichen will, muss den behördlichen Vorlauf von bis zu 30 Tagen künftig fest einkalkulieren.
Offene Modelle bleiben komplett unreguliert
Wer seine Modellgewichte öffentlich veröffentlicht, fällt nicht unter die neue Prüfpflicht – unabhängig davon, wie leistungsfähig das System ist. National Cyber Director Sean Cairncross begründete die Ausnahme damit, dass die Regierung heimische Open-Source-Entwicklung stärken wolle. US-Modelle sollten nach seinen Worten zur “bevorzugten Wahl weltweit” werden. Praktisch profitieren davon auch chinesische Anbieter: Moonshots Kimi K3 und DeepSeeks V4-Flash operieren laut Berichten vollständig außerhalb der föderalen Prüfung, weil sie ihre Gewichte offenlegen. Für US-Unternehmen mit geschlossenen Modellen entsteht dadurch ein Wettbewerbsnachteil, den Kritiker als strukturelle Schieflage beschreiben. Anbieter wie OpenAI oder Anthropic müssen künftig Prüfinfrastruktur aufbauen und Verzögerungen von bis zu 30 Tagen einplanen, offene Entwickler veröffentlichen ohne diese Hürde direkt. Beobachter sprechen deshalb von einem Geschwindigkeitsvorteil durch regulatorisches Ausweichen – wer seine Gewichte offenlegt, umgeht die Prüfpflicht unabhängig vom Herkunftsland des Anbieters. Für Unternehmen, die zwischen offenen und geschlossenen Modellen wählen, wird der Prüfstatus damit zu einem zusätzlichen Entscheidungskriterium neben Leistung und Preis.
Geheimhaltung verschärft die Kritik an dem Verfahren
Die Entscheidung, das fertige Rahmenwerk nicht offenzulegen, sorgt zusätzlich für Unmut. Chris McGuire vom Council on Foreign Relations brachte den Einwand auf den Punkt: “Wir können uns keine geheimen, freiwilligen Regeln zur Kontrolle der wichtigsten Technologie der Welt leisten.” Verschärft wird die Kritik dadurch, dass CAISI seit dem Rücktritt seines Chefs Chris Fall Ende Juli kommissarisch geführt wird – die dritte Personalie an der Spitze der Behörde seit März. Wie genau die Prüfkriterien und Schwellenwerte aussehen, ab denen ein Modell als Risiko gilt, bleibt damit vorerst allein den beteiligten Konzernen bekannt. Aus der Industrie selbst kam bislang keine öffentliche Reaktion auf die Details des vorgestellten Verfahrens, obwohl Vertreter aller fünf eingeladenen Konzerne am Dienstagstreffen teilnahmen.
Entscheidend wird, ob die Ausnahme für offene Modelle Bestand hat, sollte chinesische Konkurrenz über diese Lücke spürbar Marktanteile in den USA gewinnen. Einen Zeitplan für eine mögliche Nachschärfung oder eine spätere Veröffentlichung des Rahmenwerks nannte die Regierung bislang nicht.


