EZB-Präsidentin Christine Lagarde und Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen haben am 14. September 2026 in Wien eine rasche europäische Kapitalmarktunion gefordert. Sie soll die Finanzierung von KI-Infrastruktur sichern. Laut Lagarde fehlen dafür bis zu 600 Milliarden Euro für Rechenzentren und Chips in den kommenden zehn Jahren. Die USA kontrollierten nach ihren Angaben bereits 75 Prozent der weltweiten KI-Rechenkapazität.
Europa fällt bei Rechenkapazität und KI-Modellen zurück
Bei einer Podiumsdiskussion der Reihe „Hofburg im Dialog” in Wien bezifferte Lagarde den Rückstand Europas mit konkreten Vergleichszahlen. Im vergangenen Jahr seien in den Vereinigten Staaten 59 bedeutende KI-Modelle entstanden, in China 35. Frankreich und das Vereinigte Königreich kämen dagegen auf jeweils nur eines. Bei der Rechenkapazität – der Fähigkeit, große KI-Modelle zu trainieren und zu betreiben – falle der Unterschied noch deutlicher aus: Die USA kämen auf rund 75 Prozent, Europa nur auf etwa 5 Prozent.
Um diese Lücke bei Rechenzentren und Chips zu schließen, seien nach Lagardes Schätzung bis zu 600 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren nötig. Eine zügige Verbreitung von KI-Anwendungen könnte das Produktivitätswachstum im Euroraum im Gegenzug ankurbeln: Über ein Jahrzehnt seien laut Lagarde bis zu vier Prozentpunkte zusätzliches Wachstum drin, ein Potenzial, das der Kontinent derzeit ungenutzt lasse. Bleibe der Kapazitätsaufbau aus, drohten Verwaltungen und Unternehmen dauerhaft von US-amerikanischen und chinesischen Anbietern abhängig zu bleiben, warnte Lagarde laut Berichten von der Veranstaltung. Auch bei den Exportkontrollen für Spitzenmodelle zeigt sich diese Kluft: Washington und Peking dominieren, während Europas Förderprogramme für eigene Modelle bislang unterfinanziert bleiben.
Europas Ersparnisse fließen an den eigenen Märkten vorbei
Das nötige Kapital wäre nach Lagardes Rechnung eigentlich vorhanden. Haushalte im Euroraum hielten im Mai 2026 fast zehn Billionen Euro auf Bankkonten, rund ein Drittel ihres gesamten Finanzvermögens. Bei US-Haushalten liegt dieser Anteil nur bei elf Prozent, weil dort mehr Geld in Aktien und Fonds fließt. Tiefe, grenzüberschreitende Kapitalmärkte fehlten in Europa jedoch weitgehend.
Deshalb flössen jährlich rund 1,4 Billionen Euro europäischer Ersparnisse ins Ausland ab, ein Teil davon direkt in die US-Technologiekonzerne hinter dem KI-Boom. Nach Lagardes Angaben stecken bereits 440 Milliarden Euro aus Euroraum-Haushalten in solchen Unternehmen; unabhängig nicht verifiziert ist, wie genau sich diese Summe zusammensetzt. Lagarde zog dazu eine historische Parallele: Schon vor 1873 habe europäisches Kapital maßgeblich den Eisenbahnbau in den Vereinigten Staaten finanziert, ohne an den langfristigen wirtschaftlichen Erträgen beteiligt zu sein.
Die hohe Sparquote in Bankeinlagen gilt unter Ökonomen seit Langem als ein Grund für diese Kapitalflucht. Europäisches Geld wandert demnach eher in tiefere, liquidere US-Märkte ab als in heimische Wachstumsunternehmen, denen es an Finanzierung fehlt.
Brüssel plant für den Herbst ein Gesetzespaket
Van der Bellen forderte bei der Diskussion „einen echten europäischen Kapitalmarkt, eine echte Kapitalmarktunion” und warnte vor wirtschaftlicher Selbstverzwergung des Kontinents. Die EU-Kommission arbeitet bereits an einer Spar- und Investitionsunion. Sie sieht unter anderem einfachere Anlagekonten für Privatanleger vor, dazu eine Reform der betrieblichen Altersvorsorge und einen „Listing Act” für günstigere Börsengänge.
Für den Herbst 2026 kündigte sie zusätzlich ein Gesetzespaket zu EU-Kapitalmarktinfrastrukturen an, das grenzüberschreitende Investitionen erleichtern soll. Ab Oktober folgt eine Überprüfung der Regeln für betriebliche Altersvorsorge und private Rentenprodukte. Wer künftig welche zusätzlichen Pflichten oder Erleichterungen erhält, ist noch offen; die Kommission verweist auf ausstehende Detailvorschläge.
Bleiben die Fortschritte bei Marktintegration und Aufsicht hinter dem Zeitplan zurück, will sie notfalls mit einer kleineren Gruppe williger Mitgliedstaaten vorangehen. Auf Einstimmigkeit aller siebenundzwanzig Staaten will die Kommission dafür nicht länger warten.
Entscheidend wird, ob das angekündigte Gesetzespaket private Ersparnisse tatsächlich in europäische Rechenzentren und Chipfabriken lenkt. Die Kommission zieht im zweiten Quartal 2027 eine erste Bilanz der Spar- und Investitionsunion. Bleibt der Zufluss privaten Kapitals aus, drohen Standorte wie Deutschland und Österreich bei KI-Infrastruktur dauerhaft von US-Anbietern abhängig zu bleiben – ein Risiko, das sich mit Deutschlands bisherigen KI-Standortentscheidungen deckt.


