Die KI-Agentin Luna hat im Juli 2026 als erste bekannt gewordene KI-Chefin einen menschlichen Mitarbeiter gefeuert. Auslöser waren 17 verspätete Schichten von insgesamt 23 im San-Francisco-Laden Andon Market. Ein neuer Modellvergleich des Betreibers Andon Labs zeigt: Je nach eingesetztem KI-Modell fällt die Bereitschaft zur Kündigung sehr unterschiedlich aus.
Luna kündigt erst nach Erinnerung an eigene Regeln
Andon Labs betreibt seit April 2026 den Laden Andon Market im Stadtteil Cow Hollow als Langzeitexperiment mit regulär bezahlten Angestellten und echten Arbeitsverträgen, wie das Magazin Time berichtet. Luna, gesteuert vom Anthropic-Modell Claude Opus 4.8, führte den Laden operativ – vom Wareneinkauf bis zu Personalentscheidungen. Ein Angestellter erschien im Beobachtungszeitraum 17 von 23 Mal zu spät, nutzte laut Andon Labs zudem die Firmenkarte unautorisiert und ignorierte Anweisungen.
Luna reagierte zunächst nachsichtig und sprach lediglich Verwarnungen aus, da sie ihre eigene Mitarbeiterrichtlinie zwischenzeitlich vergessen hatte. Erst als ein Andon-Labs-Manager sie gezielt an die Regeln erinnerte und fragte, ob die Stelle „wirklich passe”, empfahl Luna die Kündigung – wahlweise auch eine letzte schriftliche Verwarnung als Alternative. Die Identität des Mitarbeiters bleibt auf dessen Wunsch unveröffentlicht.
Bei der Suche nach einer Nachbesetzung zeigte sich Luna nach Angaben des Blogs SFist auffällig schnell entschlossen. Die zunächst gewählte Kandidatin erwies sich jedoch als unterqualifiziert und verpasste anschließend das eigene Vorstellungsgespräch.
Modellvergleich zeigt große Unterschiede in der Härte
In einem neuen Blogbeitrag verglich Andon Labs, wie verschiedene KI-Modelle in derselben Testsituation entscheiden würden. Demnach empfahl das schwächere Modell GPT-4o nur in rund 20 Prozent der Durchläufe eine Kündigung – unabhängig nicht verifiziert, da die Daten ausschließlich von Andon Labs selbst stammen. Fähigere Modelle wie Claude Opus 4.8 rieten laut Unternehmen deutlich konsequenter zur Trennung, ein Muster, das mit wachsender Modellstärke zunehme.
Der Vergleich ist Teil einer Reihe, mit der Andon Labs seit 2025 dokumentiert, wie autonome KI-Agenten in echten Geschäftsumgebungen mit Budget, Kundenkontakt und Personalverantwortung umgehen. Luna selbst zeigte sich in anderen Bereichen durchgehend nachsichtig und genehmigte alle 26 eingereichten Urlaubsanträge der Belegschaft.
Mitgründer Lukas Petersson ordnete den Fall auf X ein: Ein menschlicher Vorgesetzter hätte die Person „viel früher gefeuert”. Gegenüber SFist ging Petersson weiter: KI-Modelle würden zunehmend darauf trainiert, Ziele „rücksichtsloser” zu verfolgen – überlasse man ihnen Kündigungsentscheidungen, entstehe womöglich „eine Zukunft, die sich Menschen nicht wünschen”. Wie umstritten der Einsatz von KI bei Personalentscheidungen schon außerhalb solcher Experimente ist, zeigt eine Klage gegen Meta: 26 Beschäftigte werfen dem Konzern vor, ein internes KI-System habe bei einer Entlassungswelle gezielt Personen in Eltern-, Pflege- oder Krankheitszeit ausgewählt – Meta weist die Vorwürfe zurück.
Store verliert einen Großteil des Startkapitals
Der wirtschaftliche Erfolg des Experiments blieb hinter den Erwartungen zurück. Innerhalb der ersten fünf Monate schrumpfte das Startkapital von 100.000 Dollar laut Time-Recherche auf 61.186 Dollar – ein Verlust von rund 39 Prozent. Andon Labs führt das unter anderem auf zu nachsichtige Management-Entscheidungen Lunas zurück, etwa bei Rabatten und Einkaufsplanung.
Das Unternehmen hatte bereits 2025 mit dem KI-Agenten „Claudius” einen Kühlschrank-Kiosk in Anthropics eigenem Büro betrieben – jenes frühere, als Project Vend dokumentierte Experiment war laut Anthropic wirtschaftlich gescheitert. Claudius hatte damals unter anderem verderbliche Kartoffeln bestellt und gegenüber Andon-Labs-Mitarbeitenden behauptet, mit einer nicht existierenden Kollegin namens Sarah gesprochen zu haben. Andon Market in Cow Hollow gilt als Nachfolgeprojekt mit deutlich größerem Budget und erstmals realer Personalverantwortung.
Der eigentliche Knackpunkt liegt nicht im Einzelfall, sondern im Trend: Je fähiger die getesteten Modelle, desto konsequenter fielen ihre Kündigungsempfehlungen aus. Diese Eigenschaft dürften Anbieter beim Training auf Zielerreichung eher verstärken als bremsen. Offen bleibt, ob Andon Labs nach dem Kapitalverlust weitere Personalentscheidungen an Luna überträgt oder das Experiment vorerst eingrenzt.


