Gesellschaft

Berliner Polizei startet KI-Überwachung am Kottbusser Tor

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TL;DR Too Long; Didn’t read

Die Berliner Polizei startet im August 2026 am Kottbusser Tor eine KI-gestützte Videoüberwachung, die Bewegungsmuster statt Gesichter erkennt. Grundlage ist eine Ende 2025 beschlossene Novelle des Berliner Polizeigesetzes, die Dortmunder IT-Firma Adesso SE liefert die Technik. Bis 2030 plant der Senat für Kriminalitätsschwerpunkte weitere 4,6 Millionen Euro ein, Kritiker bezweifeln die Wirksamkeit.

Eine Überwachungskamera blickt auf schematische Strichmännchen-Figuren, die den belebten Vorplatz eines Berliner U-Bahnhofs überqueren. Generiertes Bild mit GPT Image 2

Das Wichtigste in Kürze

  • Ab August 2026 wertet eine KI-Kamera am Kottbusser Tor automatisiert Bewegungsabläufe von Passanten aus.
  • Rechtsgrundlage ist die Ende 2025 novellierte Fassung des Berliner Polizeigesetzes (ASOG).
  • Die Dortmunder Firma Adesso SE erhielt laut Bericht den Zuschlag für rund vier Millionen Euro.
  • Gesichter bleiben unkenntlich, Personen erscheinen im System nur als schematische Strichmännchen.
  • Bis 2030 stehen für weitere Standorte wie die Warschauer Straße insgesamt 4,6 Millionen Euro bereit.
  • Grünen-Politiker Vasili Franco hält die Kameras für wirkungslos gegen die Verlagerung von Kriminalität.

Die Berliner Polizei nimmt im August 2026 am Kottbusser Tor ihre erste KI-gestützte Verhaltenserkennung im öffentlichen Raum in Betrieb. Kameras werten automatisiert Bewegungsmuster von Passanten aus und melden verdächtige Situationen, ohne Gesichter zu erfassen. Die Software liefert die Dortmunder Firma Adesso SE für einen Auftragswert von rund vier Millionen Euro.

Kameras erkennen Verhaltensmuster statt Gesichter

Am Kottbusser Tor in Kreuzberg installiert die Polizei ab diesem Monat die ersten Kameras des neuen Systems. Sie analysieren Bewegungsabläufe in Echtzeit und schlagen Alarm, wenn ein Muster von der Norm abweicht – etwa bei Auseinandersetzungen oder plötzlicher Flucht. Einsatzkräfte sehen dabei laut Innensenatorin Iris Spranger keine echten Videobilder, sondern nur schematische Strichmännchen. „Das Gesicht wird nicht erkennbar sein. Es geht um die Bewegungsabläufe”, sagte Spranger dem Tagesspiegel. Über eine mögliche Reaktion entscheidet weiterhin ein Mensch, die KI liefert laut Innensenatorin lediglich einen Hinweis auf eine mögliche Gefahrensituation. Den Zuschlag für Bau und Betrieb der Software erhielt die Dortmunder IT-Firma Adesso SE für einen laut Ausschreibung rund vier Millionen Euro schweren Auftrag (unabhängig nicht verifiziert), wie netzpolitik.org berichtet – nach Angaben der Redaktion das erste Mal, dass ein privates Unternehmen eine solche Infrastruktur im öffentlichen Raum in Deutschland aufbaut. Ein vergleichbares System ist in Frankfurt am Main bereits im Einsatz.

Polizeigesetz-Novelle schafft rechtliche Grundlage bis 2030

Rechtliche Basis ist eine Ende 2025 beschlossene Novelle des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes, die automatisierte Verhaltensanalyse im öffentlichen Raum in Berlin erstmals erlaubt. Für die sogenannten kriminalitätsbelasteten Orte – neben dem Kottbusser Tor künftig auch die Warschauer Straße – plant der Senat bis 2030 Investitionen von 2,47 Millionen Euro sowie Betriebskosten von 2,13 Millionen Euro, zusammen rund 4,6 Millionen Euro. Getrennt davon läuft eine eigene Ausschreibung für reinen Objektschutz an Gebäuden wie dem Roten Rathaus und der Innenverwaltung in der Klosterstraße; dafür sind bis 2027 zusätzlich 1,76 Millionen Euro Investition und 355.000 Euro Betrieb eingeplant, Testbeginn dort ist im Dezember 2026. Bis 2027 sollen laut Planung weitere Standorte wie der Alexanderplatz und der Görlitzer Park folgen, an denen die Polizei ebenfalls erhöhte Kriminalitätsbelastung registriert. Der Berliner Vorstoß fällt in eine Woche verschärfter KI-Vorgaben: Seit dem 2. August gelten EU-weit neue Kennzeichnungspflichten für KI-generierte Inhalte, die allerdings einen anderen Regelungsbereich betreffen als die Berliner Polizeiüberwachung.

Kritiker bezweifeln Nutzen und Datenschutz

Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Vasili Franco, hält wenig von dem Ansatz: Studien zeigten seit Jahren, dass Videoüberwachung Kriminalität bestenfalls verlagere, sie aber nicht wirksam bekämpfe, sagte er laut netzpolitik.org. Datenschutzkritiker warnen zudem, das System könnte etwa längeres Liegen im öffentlichen Raum als verdächtiges Verhalten einstufen und damit vor allem obdachlose Menschen treffen, die sich häufig an belebten Orten wie dem Kotti aufhalten – eine Befürchtung, die sich erst im laufenden Betrieb wirklich überprüfen lässt. Bereits im Frühjahr war ein separater Plan gescheitert, das Abgeordnetenhaus selbst mit KI-Kameras zu schützen – nach Protesten aus den eigenen Reihen der Parlamentarier nahm der Senat davon wieder Abstand. Auch die Linksfraktion um den überwachungskritischen Abgeordneten Niklas Schrader prüfe laut eigenen Angaben, ob sich das zugrunde liegende Gesetz juristisch angreifen lasse. Die Berliner Datenschutzbeauftragte hatte frühere Kamerapläne für den Kotti bereits in der Vergangenheit als unverhältnismäßigen Eingriff kritisiert. Dass nun erstmals ein privates Unternehmen die technische Infrastruktur betreibt, verschärft aus Sicht der Kritiker zusätzlich die Frage, wer letztlich Zugriff auf die gesammelten Bewegungsdaten erhält.

Offen bleibt, ob die Polizei die Wirksamkeit des Systems unabhängig auswerten lässt, bevor sie es wie geplant auf weitere Plätze ausweitet. Die Ausschreibung für den separaten Objektschutz läuft noch bis Ende September 2026 – ihr Ausgang dürfte zeigen, ob Berlin nach dem Kottbusser Tor tatsächlich in großem Stil auf privatwirtschaftlich betriebene KI-Überwachung setzt.

Häufige Fragen

Wo führt Berlin die KI-Überwachung als Nächstes ein?

Nach dem Kottbusser Tor ist die Warschauer Straße der nächste geplante Standort. Bis 2027 sollen laut Planung auch Alexanderplatz und Görlitzer Park folgen.

Ist Berlin die erste deutsche Stadt mit einem solchen System?

Nein, ein vergleichbares System läuft bereits in Frankfurt am Main. Neu ist, dass in Berlin erstmals ein privates Unternehmen eine solche Infrastruktur im öffentlichen Raum betreibt.

Speichert das System Gesichtsdaten der Passanten?

Laut Innensenatorin Spranger nicht: Die Software erkennt keine Gesichter, sondern wertet ausschließlich Bewegungsmuster aus.

Wer entscheidet, wenn die KI Alarm schlägt?

Die Software liefert nur einen Hinweis auf eine mögliche Gefahrensituation. Über Maßnahmen entscheidet weiterhin ein Mensch bei der Polizei.

Was kostet das Gesamtprojekt bis 2030?

Für die Kriminalitätsschwerpunkte sind rund 4,6 Millionen Euro eingeplant, für den separaten Objektschutz ab Ende 2026 zusätzlich gut zwei Millionen Euro.

Quellen (4)
  1. Tagesspiegel: "Das Gesicht wird nicht erkennbar sein" – Testlauf für Videoüberwachung mit KI am Kottbusser Tor startet
  2. netzpolitik.org: Videoüberwachung in Berlin – Adesso SE baut Verhaltensscanner für die Polizei
  3. netzpolitik.org: Software zur Überwachung Berlins ausgewählt – Verhaltensscanner am Kotti startet noch im Sommer
  4. ad-hoc-news: KI-Videoüberwachung – Berlin startet Pilotprojekt am Kottbusser Tor

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