Die Berliner Polizei nimmt im August 2026 am Kottbusser Tor ihre erste KI-gestützte Verhaltenserkennung im öffentlichen Raum in Betrieb. Kameras werten automatisiert Bewegungsmuster von Passanten aus und melden verdächtige Situationen, ohne Gesichter zu erfassen. Die Software liefert die Dortmunder Firma Adesso SE für einen Auftragswert von rund vier Millionen Euro.
Kameras erkennen Verhaltensmuster statt Gesichter
Am Kottbusser Tor in Kreuzberg installiert die Polizei ab diesem Monat die ersten Kameras des neuen Systems. Sie analysieren Bewegungsabläufe in Echtzeit und schlagen Alarm, wenn ein Muster von der Norm abweicht – etwa bei Auseinandersetzungen oder plötzlicher Flucht. Einsatzkräfte sehen dabei laut Innensenatorin Iris Spranger keine echten Videobilder, sondern nur schematische Strichmännchen. „Das Gesicht wird nicht erkennbar sein. Es geht um die Bewegungsabläufe”, sagte Spranger dem Tagesspiegel. Über eine mögliche Reaktion entscheidet weiterhin ein Mensch, die KI liefert laut Innensenatorin lediglich einen Hinweis auf eine mögliche Gefahrensituation. Den Zuschlag für Bau und Betrieb der Software erhielt die Dortmunder IT-Firma Adesso SE für einen laut Ausschreibung rund vier Millionen Euro schweren Auftrag (unabhängig nicht verifiziert), wie netzpolitik.org berichtet – nach Angaben der Redaktion das erste Mal, dass ein privates Unternehmen eine solche Infrastruktur im öffentlichen Raum in Deutschland aufbaut. Ein vergleichbares System ist in Frankfurt am Main bereits im Einsatz.
Polizeigesetz-Novelle schafft rechtliche Grundlage bis 2030
Rechtliche Basis ist eine Ende 2025 beschlossene Novelle des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes, die automatisierte Verhaltensanalyse im öffentlichen Raum in Berlin erstmals erlaubt. Für die sogenannten kriminalitätsbelasteten Orte – neben dem Kottbusser Tor künftig auch die Warschauer Straße – plant der Senat bis 2030 Investitionen von 2,47 Millionen Euro sowie Betriebskosten von 2,13 Millionen Euro, zusammen rund 4,6 Millionen Euro. Getrennt davon läuft eine eigene Ausschreibung für reinen Objektschutz an Gebäuden wie dem Roten Rathaus und der Innenverwaltung in der Klosterstraße; dafür sind bis 2027 zusätzlich 1,76 Millionen Euro Investition und 355.000 Euro Betrieb eingeplant, Testbeginn dort ist im Dezember 2026. Bis 2027 sollen laut Planung weitere Standorte wie der Alexanderplatz und der Görlitzer Park folgen, an denen die Polizei ebenfalls erhöhte Kriminalitätsbelastung registriert. Der Berliner Vorstoß fällt in eine Woche verschärfter KI-Vorgaben: Seit dem 2. August gelten EU-weit neue Kennzeichnungspflichten für KI-generierte Inhalte, die allerdings einen anderen Regelungsbereich betreffen als die Berliner Polizeiüberwachung.
Kritiker bezweifeln Nutzen und Datenschutz
Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Vasili Franco, hält wenig von dem Ansatz: Studien zeigten seit Jahren, dass Videoüberwachung Kriminalität bestenfalls verlagere, sie aber nicht wirksam bekämpfe, sagte er laut netzpolitik.org. Datenschutzkritiker warnen zudem, das System könnte etwa längeres Liegen im öffentlichen Raum als verdächtiges Verhalten einstufen und damit vor allem obdachlose Menschen treffen, die sich häufig an belebten Orten wie dem Kotti aufhalten – eine Befürchtung, die sich erst im laufenden Betrieb wirklich überprüfen lässt. Bereits im Frühjahr war ein separater Plan gescheitert, das Abgeordnetenhaus selbst mit KI-Kameras zu schützen – nach Protesten aus den eigenen Reihen der Parlamentarier nahm der Senat davon wieder Abstand. Auch die Linksfraktion um den überwachungskritischen Abgeordneten Niklas Schrader prüfe laut eigenen Angaben, ob sich das zugrunde liegende Gesetz juristisch angreifen lasse. Die Berliner Datenschutzbeauftragte hatte frühere Kamerapläne für den Kotti bereits in der Vergangenheit als unverhältnismäßigen Eingriff kritisiert. Dass nun erstmals ein privates Unternehmen die technische Infrastruktur betreibt, verschärft aus Sicht der Kritiker zusätzlich die Frage, wer letztlich Zugriff auf die gesammelten Bewegungsdaten erhält.
Offen bleibt, ob die Polizei die Wirksamkeit des Systems unabhängig auswerten lässt, bevor sie es wie geplant auf weitere Plätze ausweitet. Die Ausschreibung für den separaten Objektschutz läuft noch bis Ende September 2026 – ihr Ausgang dürfte zeigen, ob Berlin nach dem Kottbusser Tor tatsächlich in großem Stil auf privatwirtschaftlich betriebene KI-Überwachung setzt.


