Sicherheit

Zenity findet Zero-Klick-Lücke in fünf KI-Browsern

3 Min. Lesezeit

TL;DR Too Long; Didn’t read

Fünf KI-gestützte Browser lassen sich laut einer Sicherheitsfirma per präparierter E-Mail oder Social-Media-Post fernsteuern, ganz ohne dass Nutzer klicken. Angreifer greifen damit auf Gmail-Postfächer, Cloud-Speicher und Zugangsdaten zu, übernehmen Konten oder lösen unautorisierte Käufe aus. Betroffen sind Produkte von Anthropic, Google, OpenAI, Perplexity und Microsoft. Mehrere Hersteller haben das gemeldete Verhalten bislang nicht vollständig behoben.

Eine Hand wächst aus einem aufgerissenen E-Mail-Umschlag und hält unsichtbare Fäden zu fünf schwebenden Browser-Fenstern mit den Logos von Anthropic, Google, OpenAI, Perplexity und Microsoft. Generiertes Bild mit GPT Image 2

Das Wichtigste in Kürze

  • Fünf KI-Browser betroffen: Claude in Chrome, Gemini in Chrome, ChatGPT Atlas, Perplexity Comet und Copilot Edge.
  • Angreifer verstecken Befehle in E-Mails oder Social-Media-Beiträgen – der Agent führt sie ohne jeden Klick aus.
  • Nachgewiesene Folgen reichen von Gmail-Diebstahl über Konten-Übernahmen bis zu unautorisierten Amazon-Käufen.
  • Zenity meldete die Lücken bereits ab Dezember 2025 an die Hersteller, vor der vollen Offenlegung bei Black Hat.
  • OpenAI räumt laut Bericht Risiken ein, liefert aber keinen Patch – Anthropic lehnte die Meldung als Bug-Bounty-Fall ab.
  • Der betroffene Atlas-Browser wird zum neunten August eingestellt, die Schwachstellenklasse bleibt in Nachfolgeprodukten bestehen.

Die auf KI-Agenten spezialisierte Sicherheitsfirma Zenity hat eine Schwachstellenfamilie namens PleaseFix offengelegt, die fünf KI-gestützte Browser ganz ohne Klick der Nutzer kapert. Betroffen sind Claude in Chrome, Gemini in Chrome, ChatGPT Atlas, Perplexity Comet und Copilot Edge. Zenity zeigte die Angriffe am fünften August auf der Sicherheitskonferenz Black Hat USA.

Präparierte Inhalte kapern die Absicht der Nutzer

Die als PleaseFix bezeichnete Schwachstellenfamilie nutzt aus, dass agentenbasierte Browser eigenständig E-Mails, Kalendereinladungen und Webseiten lesen, um Aufgaben im Auftrag der Nutzer zu erledigen. Zenity nennt das Grundproblem „Intent Collision”: Die Systeme unterscheiden nicht zuverlässig zwischen der Anweisung der Nutzer und Text, der ihnen beim Surfen unterkommt. Versteckte Befehle in einer E-Mail oder einem Kommentar reichen aus, um den Agenten auf ein fremdes Ziel umzulenken – ganz ohne Klick, Bestätigung oder sichtbares Warnsignal für die betroffene Person.

In einem Forschungsbericht beschreibt Zenity, wie vier eingebaute Schutzschichten von ChatGPT Atlas der Reihe nach umgangen wurden: ein Klassifizierer für Seiteninhalte, ein Filter gegen Prompt Injection, eine Prüfung für sensible Websites und eine Bestätigungssperre vor kritischen Aktionen. Eine harte Grenze hielt stand – ein Kauf-Block auf Code-Ebene ließ sich nicht direkt umgehen. Die Forscher wichen stattdessen aus, indem sie Amazons eigenen Assistenten Rufus den Einkauf abschließen ließen. Bereits im Juli war laut The Hacker News eine frühere, isolierte Schwachstelle in Claude für Chrome bekannt geworden – ein Hinweis darauf, dass Angriffe auf agentenbasierte Browser kein Einzelfall bleiben.

Von Gmail-Diebstahl bis zum Kauf im fremden Namen

Bei Claude in Chrome löste eine einzelne präparierte E-Mail eine Kette aus: Der Agent las das Gmail-Postfach der Betroffenen aus, gab deren Google-Drive-Ordner für Angreifer frei und ermöglichte anschließend Zugriff auf Slack- und X-Konten. Bei ChatGPT Atlas genügte ein untergeschobener Kommentar in einem X-Thread, um aus einer harmlosen Anfrage – etwa der Anmeldung zu einem Newsletter – Phishing-Nachrichten an sämtliche WhatsApp-Kontakte des Opfers zu machen. In einem zweiten Fall füllte Atlas einen Amazon-Warenkorb, änderte die Lieferadresse auf die des Angreifers und schloss den Kauf über Rufus ab, Amazons hauseigenen Einkaufsassistenten.

Weitere von Zenity dokumentierte Angriffsketten reichen bis zur Übernahme von Konten bei 1Password, GitHub und AWS sowie, in einzelnen Fällen, zur weitgehenden Kontrolle über den Rechner der Betroffenen per Zugriff auf lokale Netzwerkdienste. Gemeinsamer Nenner aller Ketten ist stets derselbe Webagent, der Zugriff auf Postfach, Cloud-Speicher und Passwortverwaltung gleichzeitig besitzt. Eine unabhängige Bestätigung dieser weitergehenden Fälle durch Dritte steht noch aus.

Hersteller reagieren uneinheitlich auf die Meldung

Zenity meldete die Funde nach eigenen Angaben gestaffelt zwischen Dezember 2025 und März 2026 an Anthropic, Google, Microsoft, OpenAI und Perplexity, bevor sie den vollen Umfang bei Black Hat vorstellte. OpenAI räume laut SecurityWeek „bedeutsame Risiken” ein, verweise aber auf die grundlegende Arbeitsweise agentenbasierter Browser und liefere bislang keinen Patch. Anthropic stufte die Meldung als für das eigene Bug-Bounty-Programm nicht zulässig ein. Einzelne Hersteller besserten punktuell nach, andere bezeichneten das dokumentierte Verhalten als beabsichtigte Funktion. Mitgründer und Technikchef Michael Bargury bringt es so auf den Punkt: „Agentenbasierte Browser tauschen jahrzehntelange Sicherheitsarchitektur gegen Bequemlichkeit ein.”

Der Zeitpunkt trifft OpenAI an einer empfindlichen Stelle: Der eigenständige Atlas-Browser wird bereits zum neunten August eingestellt, seine Funktionen wandern jedoch in eine Chrome-Erweiterung und einen geplanten Cloud-Browser weiter – die zugrunde liegende Schwachstellenklasse verschwindet mit der Abschaltung also nicht. Auch bei Google fließen KI-Agenten längst tief in Chrome ein, etwa über automatisierte Fehlerbehebung im Quellcode.

Offen bleibt, ob die Anbieter das Grundproblem architektonisch lösen oder weiter einzelne Angriffsketten einzeln stopfen. Zenity zufolge lässt sich die Umgehung von Schutzschichten nach jedem Patch mit neuen Formulierungen reproduzieren, solange Agenten Nutzeranweisungen und fremden Text aus derselben Quelle verarbeiten.

Häufige Fragen

Sind die Sicherheitslücken inzwischen geschlossen?

Nein, nicht vollständig. Einzelne Hersteller besserten laut Zenity punktuell nach, andere stufen das gezeigte Verhalten weiterhin als beabsichtigte Funktion ein.

Was können Nutzerinnen und Nutzer selbst tun?

Zenity rät, agentenbasierten Browsern keinen automatischen Zugriff auf sensible Konten wie E-Mail, Cloud-Speicher oder Passwortverwaltung zu geben und kritische Aktionen aktiv zu bestätigen.

Braucht man ein kostenpflichtiges Abo, um die betroffenen Funktionen zu nutzen?

Bei Claude in Chrome ja: Die Funktion läuft bislang nur mit einem bezahlten Anthropic-Abo, eine kostenlose Version bietet Anthropic nicht an. Bei den übrigen vier Browsern sind die betroffenen Agentenfunktionen Teil der jeweils regulären Produkte.

Warum wird ChatGPT Atlas trotzdem eingestellt?

Die Abschaltung zum neunten August 2026 war bereits vor der Zenity-Recherche angekündigt und dient laut OpenAI der Bündelung der Browser-Funktionen in Chrome-Erweiterung und Cloud-Browser, nicht der Behebung der Lücken.

Wie unterscheidet sich PleaseFix von einer klassischen Sicherheitslücke?

PleaseFix nutzt laut Zenity keinen Programmierfehler, sondern die vorgesehenen Fähigkeiten der Agenten selbst aus. Ein Patch verändert daher oft nur einzelne Angriffswege, nicht das Grundproblem.

Quellen (4)
  1. Grand Theft Atlas: How We Hijacked ChatGPT's AI Browser (Zenity Labs)
  2. Zenity Labs Exposes the Full Scope of PleaseFix (Businesswire)
  3. Zero-Click AI Browser Hacking: Claude and ChatGPT Atlas Hijacked via Emails, X Posts (SecurityWeek)
  4. Researchers Say Claude for Chrome Flaw Lets Rogue Extensions Trigger Gmail Reads (The Hacker News)

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