Meta schränkt laut internen Dokumenten die Nutzung von Anthropics Claude Code und OpenAIs Codex durch eigene Ingenieure ein. Grund ist die Sorge, dass Ausgaben dieser externen KI-Werkzeuge unbeabsichtigt in Metas eigene Trainingsdaten einfließen könnten – ein Vorgang, der in der Branche als Destillation bezeichnet wird.
Was Meta laut den Dokumenten einschränkt
Laut The Information, die interne Richtlinien einsehen konnte, betreffen die Beschränkungen vor allem Ingenieure in Metas “Applied AI”-Abteilung, die für den Aufbau von Metas eigenem Coding-Assistenten MetaCode zuständig ist. Ein internes Memo wies demnach einzelne Teams sogar an, bestimmte Aufgaben mit Claude Code und Codex vorübergehend auszusetzen. Wie unter anderem TheNextWeb berichtet, warnte das Memo, dass Ausgaben der Konkurrenzmodelle in Metas Trainingsdaten “einsickern” und dadurch “ernsthafte Eskalationen mit Partnerunternehmen” auslösen könnten. Konkret dürfen KI-Ausgaben laut den Richtlinien nicht zur Erstellung von Testaufgaben oder zur Code-Analyse verwendet werden; eine menschliche Prüfung bleibt in jedem Fall verpflichtend.
Warum Destillation für Meta zum Problem wird
Destillation bezeichnet ein Trainingsverfahren, bei dem ein kleineres oder günstigeres Modell aus den Ausgaben eines stärkeren, meist fremden Modells lernt – ohne dass dabei Quellcode, Gewichte oder Trainingsdaten des Originalmodells direkt kopiert werden. Für ein Unternehmen, das gleichzeitig eigene Modelle entwickelt und die Werkzeuge der Konkurrenz im Arbeitsalltag nutzt, entsteht dabei ein strukturelles Risiko: Wenn Code-Vorschläge, Architekturentscheidungen oder Debugging-Logik von Claude Code oder Codex unbemerkt in interne Trainingspipelines, Dokumentationen oder synthetische Trainingsdaten einfließen, könnten Fähigkeiten der Konkurrenzmodelle indirekt in Metas eigene Llama-Modellfamilie übergehen. Die Nutzungsbedingungen von OpenAI, Anthropic und Google verbieten es ausdrücklich, Modell-Ausgaben zum Training konkurrierender Systeme zu verwenden.
Kostendruck als zweiter Treiber
Neben der Destillationssorge spielt laut den Berichten auch der Kostenfaktor eine Rolle: Meta will die Abhängigkeit von den vergleichsweise teuren externen Tools verringern und ist einem internen Memo zufolge auf dem Weg, allein in diesem Jahr Milliarden von US-Dollar für interne KI-Nutzung auszugeben. Meta ist damit nicht allein – auch andere große Tech-Unternehmen prüfen angesichts steigender Preise für KI-Coding-Werkzeuge güngstigere Alternativen. Meta erklärte gegenüber The Information, man habe klare Regeln für den verantwortungsvollen Einsatz von KI-Tools etabliert.
Destillation als branchenweites Streitthema
Das Thema Destillation sorgt derzeit über den Einzelfall Meta hinaus für erhebliche Spannungen in der Branche. Anthropic beschuldigte laut einem von CNBC eingesehenen Brief an den US-Senat den chinesischen Technologiekonzern Alibaba, zwischen dem 22. April und dem 5. Juni 2026 über rund 25.000 betrügerisch angelegte Konten mehr als 28,8 Millionen Interaktionen mit Claude durchgeführt zu haben, um gezielt dessen fortgeschrittene Fähigkeiten in Softwareentwicklung und agentischem Denken zu extrahieren. Anthropic bezeichnete dies als den bislang größten bekannten Destillationsangriff auf das eigene Unternehmen. Alibaba äußerte sich nach Angaben von CNBC nicht im Detail zu den Vorwürfen.
Auch bei einem US-Konkurrenten sorgte das Thema zuletzt für Aufsehen: Im Rechtsstreit zwischen Elon Musk und OpenAI räumte Musk laut Forbes bei seiner Zeugenaussage im April 2026 unter Eid ein, dass sein Unternehmen xAI OpenAIs Modelle “teilweise” für das Training eigener Systeme destilliert habe. Auf die direkte Frage eines OpenAI-Anwalts antwortete Musk zunächst ausweichend, KI-Unternehmen destillierten generell gegenseitig ihre Modelle, bevor er die Praxis für xAI konkret bestätigte.
Einordnung
Der Fall Meta zeigt ein Dilemma, dem sich zunehmend mehr KI-Unternehmen stellen müssen: Um im eigenen Haus konkurrenzfähige Werkzeuge zu entwickeln, greifen Ingenieure häufig auf die bereits ausgereiften Produkte der Konkurrenz zurück – wodurch genau die Abhängigkeit entsteht, die eigentlich verringert werden soll. Gleichzeitig macht die Serie von Vorwürfen rund um Alibaba und xAI deutlich, dass Destillation längst nicht mehr nur ein theoretisches Risiko ist, sondern zu handfesten diplomatischen, rechtlichen und politischen Auseinandersetzungen zwischen den großen KI-Anbietern führt.


