OpenAIs GPT-4 hielt die Spitzenposition in einem viel beachteten KI-Leistungsindex rund ein Jahr lang – deutlich länger als jedes Modell danach. Seit Claude 3 Opus GPT-4 im Februar 2024 ablöste, wechselte die Führung 17 Mal, mit einer mittleren Verweildauer von nur rund sieben Wochen pro Modell.
Was der Epoch Capabilities Index misst
Grundlage der Analyse ist der Epoch Capabilities Index (ECI) der gemeinnützigen Forschungsorganisation Epoch AI, ein aggregiertes Maß für die Leistungsfähigkeit von Sprachmodellen. Der Index errechnet sich laut Epoch AI aus mehr als 50 Benchmarks, die auf der unternehmenseigenen Auswertungsplattform zusammenlaufen und sowohl eigene Tests als auch von Modellentwicklern und Benchmark-Erstellern gemeldete Werte kombinieren. Aktuell deckt der ECI 168 seit Januar 2023 veröffentlichte Modelle ab. Für die Analyse berücksichtigt Epoch AI ausschließlich Modelle, die bei ihrer Veröffentlichung jedes zuvor erschienene Modell übertrafen – die sogenannte ECI-Front.
GPT-4s Rekord und der Wandel danach
Laut Epoch-AI-Forscher Jaeho Lee führte GPT-4 den Index 352 Tage lang an, von seiner Veröffentlichung am 14. März 2023 bis Claude 3 Opus es am 29. Februar 2024 überholte. Das ist mit Abstand die längste Führungsdauer in den vorliegenden Daten. Die zweitlängste Amtszeit hatte OpenAIs o1 mit 98 Tagen, gefolgt von o1-mini mit 96 Tagen, Claude 3.5 Sonnet mit 84 Tagen, GPT-5 mit 61 Tagen und o3-pro mit 58 Tagen. Damit hielt GPT-4 die Spitze rund 3,6-mal so lange wie der nächstplatzierte Nachfolger. Von den 17 Modellen, die seit GPT-4 die Führung übernommen haben, hielt keines einzige die Spitzenposition dreistellige Tageszahlen lang.
Zwei Lesarten eines Musters
Die Daten lassen sich laut Epoch AI auf zwei Arten interpretieren. Einerseits zeigen sie, wie außergewöhnlich lange andere KI-Labore benötigten, um an GPT-4 heranzureichen – das Modell war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung demnach ein echter Ausreißer gegenüber dem, was der Rest der Branche zu bieten hatte. Andererseits verdeutlicht die seither beobachtete Serie kurzer Führungswechsel, dass der Wettbewerb zwischen den KI-Laboren spürbar intensiver geworden ist: Kein Anbieter kann sich mehr über längere Zeit an der Spitze halten, weil Konkurrenten rasch nachziehen.
Wichtige Einschränkungen der Analyse
Epoch AI benennt in der eigenen Veröffentlichung mehrere methodische Grenzen der Auswertung. Da der öffentliche ECI keine Modelle vor 2023 bewertet, lässt sich GPT-4 nur mit später veröffentlichten Modellen vergleichen; ob einzelne ältere Modelle ebenfalls über längere Zeiträume führend waren, hält Epoch AI anhand vorläufiger, unsicherheitsbehafteter Schätzungen für eher unwahrscheinlich. Zudem basiert die Rangfolge auf Punktschätzungen: Einige der seit GPT-4 beobachteten Führungswechsel beruhen auf ECI-Differenzen, die innerhalb der jeweiligen Konfidenzintervalle liegen – würde man nur statistisch signifikante Veränderungen als echten Führungswechsel werten, verlängerten sich mehrere der genannten Zeiträume moderat. Der Index wird zudem regelmäßig neu kalibriert, wodurch sich historische Werte zwischen Aktualisierungen leicht verschieben können. Der aktuelle Spitzenreiter GPT-5.5 Pro schließlich wird nur bis zum aktuellen Datenstand gemessen, seine tatsächliche Führungsdauer könnte sich also noch verlängern.
Einordnung
Die Auswertung von Epoch AI liefert damit eine quantifizierte Bestätigung für einen in der Branche vielfach anekdotisch beschriebenen Trend: GPT-4 markierte im März 2023 einen echten Sprung nach vorn, dem die Konkurrenz fast ein Jahr lang nichts entgegenzusetzen hatte. Seither hat sich das Tempo der Modellveröffentlichungen so stark erhöht, dass sich keine Führungsposition mehr lange behaupten lässt – bei gleichzeitig kleiner werdenden Fähigkeitssprüngen zwischen den einzelnen Führungswechseln, verglichen mit der Phase der ersten Reasoning-Modelle wie o1-preview im Herbst 2024.


