OpenAI hat am 10. September 2026 ChatGPT für Finanzdienstleister gestartet, eine für Investmentbanken zugeschnittene Version von ChatGPT Work auf Basis von GPT-6 Astra. Morgan Stanley und Evercore halfen als Design-Partner, den Fokus auf Recherche, Finanzmodelle und Pitchbooks zu legen. Vor allem Nachwuchsbanker mit oft hundert Arbeitsstunden pro Woche sollen entlastet werden.
Daten mehrerer Anbieter fließen direkt in den Chat
Das neue Angebot baut auf ChatGPT Work auf und verbindet den Chat mit Finanzdaten mehrerer Anbieter. Eingebaut sind laut OpenAI unter anderem Daloopa, PitchBook und LSEG News, sodass Analystinnen und Analysten dafür keine zusätzlichen Lizenzverträge abschließen müssen. Wer bereits Zugänge zu S&P Capital IQ, LSEG, MSCI, Dow Jones Factiva oder Moody’s besitzt, kann diese über eigene Konten einbinden; optimierte Anbindungen an S&P Global und FactSet ergänzen insgesamt mehr als fünfzig Datenkonnektoren.
Kennzahlen verlinkt das System direkt auf die zugrunde liegende Bilanz oder Meldung zurück, Diagramme lassen sich gegen die Originaldaten prüfen. Berechtigungen sollen verhindern, dass vertrauliche Deal-Unterlagen versehentlich für falsche Teams sichtbar werden – ein Punkt, der Investmentbanken beim Umgang mit Insiderinformationen besonders wichtig ist. Zusätzlich erstellt das Werkzeug fertige Vorlagen in Excel, Word und PowerPoint, etwa für Pitchbooks oder Research-Berichte. Preise nennt OpenAI nicht, ebenso wenig einen Starttermin für Deutschland oder die EU. Zugang erhalten vorerst nur ausgewählte Institute über das eigene Account-Team, ein öffentlicher Self-Service-Tarif fehlt bislang.
Nick Turley verweist auf Hundert-Stunden-Wochen der Banker
OpenAI-Produktchef Nick Turley soll dem Modell demnach beibringen, wie ein Analyst zu recherchieren und Schlussfolgerungen ebenso zu belegen. Turley verwies laut CNBC auf die häufig hundert Arbeitsstunden pro Woche von Nachwuchsbankern als Ausgangspunkt der Entwicklung. Auf die Frage, ob das Werkzeug künftig weniger Neueinstellungen bei Investmentbanken bedeute, antwortete er demnach ausweichend und sprach stattdessen von mehr Output pro Beschäftigtem.
Morgan Stanley und Evercore prägten als Design-Partner den Zuschnitt auf Investmentbanking und Aktienresearch, wo laut OpenAI verlässliche Datenzugriffe und hochwertige Dokumente bislang die größten Zeitfresser waren. Beide Häuser äußerten sich zurückhaltend optimistisch zu dem Projekt, ohne konkrete Zahlen zu Zeitersparnis oder Kosten zu nennen. Über die zwei Pilotpartner hinaus hält sich OpenAI bedeckt: Welche weiteren Banken das Produkt testen oder wann eine breitere Verfügbarkeit folgt, blieb in der Ankündigung offen.
OpenAI holt Anthropics Vorsprung im Finanzsektor auf
Mit dem Produkt tritt OpenAI gegen ein bereits etabliertes Konkurrenzangebot an: Anthropic hatte Claude for Financial Services schon im Juli 2025 gestartet und dabei unter anderem Snowflake, S&P Global und Morningstar angebunden. Kunden wie der Hedgefonds Bridgewater und der norwegische Staatsfonds nutzen die Anthropic-Variante nach früheren Berichten bereits produktiv. OpenAI kommt damit gut ein Jahr später in denselben Markt und setzt auf eigene Partnerschaften statt auf identische Datenanbieter.
Der Vorstoß passt zu OpenAIs breiterer Strategie im Beratungs- und Firmenkundengeschäft: Erst im August hatte IBM seine Beratungssparte mit OpenAI-Modellen ausgestattet und dabei Finanzdienstleistung ausdrücklich als Zielbranche genannt. Für Investmentbanken bedeutet die Ankündigung vor allem eines: Der Wettbewerb um KI-Werkzeuge für Research und Modellierung verschärft sich, während die einzelnen Anbieter kaum vergleichbare Kennzahlen zu Wirkung oder Kosten offenlegen.
Entscheidend wird, ob ChatGPT für Finanzdienstleister über Morgan Stanley und Evercore hinaus weitere Großbanken gewinnt, während Anthropic dort bereits Referenzkunden vorweisen kann. Offen bleibt zudem, ob die versprochene Effizienz tatsächlich Arbeitszeiten von Nachwuchsbankern senkt oder lediglich deren Aufgaben verschiebt – eine Frage, die sich erst beantworten lässt, sobald erste Institute öffentlich über ihre Erfahrungen berichten.


