Microsoft hat laut einer Bloomberg-Recherche vom 7. Juli 2026 begonnen, einen Teil der KI-Anfragen in den Office-Anwendungen Excel und Outlook nicht mehr ausschließlich an Modelle von OpenAI und Anthropic, sondern an eigene MAI-Modelle weiterzuleiten. Wie Bloomberg unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Personen berichtet, handelt es sich um die erste bekannt gewordene Umstellung von Microsoft-365-Copilot-Datenverkehr auf externe Anbieter in produktivem Umfang – wenn auch bislang nur für einen kleinen Teil der Gesamtnutzung.
Was sich in Excel und Outlook konkret ändert
Nach Bloomberg-Angaben verarbeiten die MAI-Modelle inzwischen wöchentlich Zehntausende Anfragen aus Excel und Outlook. Zum Einsatz kommen dabei unter anderem das Reasoning-Modell MAI-Thinking-1 sowie weitere hauseigene Modelle für Programmieraufgaben und Bildgenerierung. Die Auswahl, welches Modell eine konkrete Anfrage bearbeitet, erfolgt laut Berichterstattung im Hintergrund als technische Routing-Entscheidung – Nutzerinnen und Nutzer von Microsoft 365 Copilot sehen davon in der Oberfläche nichts. Ein Microsoft-Sprecher wollte die Details der Umstellung gegenüber Bloomberg nicht offiziell bestätigen.
Die Technik hinter MAI-Thinking-1
Laut der offiziellen Modellankündigung von Microsoft AI ist MAI-Thinking-1 als Mixture-of-Experts-Modell aufgebaut: Von rund einer Billion Gesamtparametern sind pro Anfrage nur etwa 35 Milliarden aktiv, was die Rechenkosten gegenüber dicht besetzten Modellen senken soll. Das Modell verfügt über ein Kontextfenster von 256.000 Tokens und wurde nach Unternehmensangaben mit rund 30 Billionen Tokens kommerziell lizenzierter Daten trainiert – ohne Destillation aus Ausgaben von GPT- oder Claude-Modellen, wie Microsoft betont.
Auf dem Programmier-Benchmark SWE-Bench Pro will Microsoft nach eigenen Angaben mit Anthropics Claude Opus 4.6 gleichziehen; bei den Mathematik-Benchmarks AIME 2025 und AIME 2026 nennt das Unternehmen Werte von 97,0 beziehungsweise 94,5 Prozent. Das unabhängige Ranking-Portal BenchLM.ai ordnet MAI-Thinking-1 mit Stand 12. Juni 2026 auf Platz 44 von 123 Modellen im vorläufigen Gesamt-Leaderboard ein. Besonders stark schneidet das Modell dort beim Befolgen von Anweisungen ab, während es bei reinen Wissensaufgaben eher im Mittelfeld liegt. BenchLM.ai weist zugleich darauf hin, dass zum Zeitpunkt der Auswertung erst 14 von 247 erfassten Benchmark-Kategorien veröffentlicht waren – die Datenlage ist also noch lückenhaft.
Kostendruck als Treiber
Als Grund für die Umstellung nennt Microsoft-KI-Chef Mustafa Suleyman explizit die Kosten der Anthropic-Zusammenarbeit. Gegenüber Bloomberg sagte er im Juni sinngemäß, „Anthropic ist extrem teuer, und viele suchen meiner Einschätzung nach dringend nach Alternativen”. Laut späterer Berichterstattung von TechTimes soll Microsoft zuletzt schätzungsweise rund 500 Millionen Dollar jährlich für Anthropic-Modelle ausgegeben haben – eine Zahl aus früherer, nicht offiziell bestätigter Berichterstattung. Suleyman hatte beim Build-2026-Keynote zudem eine „zehnfache Kosteneffizienz” der eigenen Modelle gegenüber Frontier-Modellen in Aussicht gestellt; auch diese Angabe stammt direkt von Microsoft und ist unabhängig nicht geprüft.
Keine Abkehr von OpenAI und Anthropic
Trotz der Umstellung bleibt Microsoft vertraglich eng mit OpenAI verbunden: Die im April 2026 überarbeitete Lizenzvereinbarung zwischen beiden Unternehmen läuft nach bisherigen Angaben bis mindestens 2032. Laut PYMNTS betonte ein Microsoft-Sprecher, man setze weiterhin auf „einen Mix aus Modellen” – darunter OpenAI-Modelle im Rahmen der Partnerschaft sowie zusätzlich Microsoft-eigene und quelloffene Modelle. Komplexere, anspruchsvollere Aufgaben sollen den Berichten zufolge weiterhin über die leistungsfähigeren, aber teureren Modelle von OpenAI und Anthropic laufen; die MAI-Modelle übernehmen zunächst vor allem Routineanfragen mit hohem Volumen.
Einordnung
Die Episode zeigt, wie groß der Kostendruck bei produktiv eingesetzten KI-Diensten inzwischen ist: Selbst ein Konzern wie Microsoft, der zugleich größter Investor von OpenAI ist und über eine langfristige API-Partnerschaft mit Anthropic verfügt, verlagert einen Teil der Rechenlast erkennbar dorthin, wo er die Kosten selbst kontrolliert. Für Anthropic und OpenAI wiederum unterstreicht der Vorgang, dass selbst enge Partner zunehmend versuchen, ihre Abhängigkeit von einzelnen Modellanbietern zu verringern – ein Muster, das sich in der Branche zuletzt auch bei anderen großen Technologiekonzernen beobachten lässt, die parallel eigene Modelle und externe Frontier-Modelle einsetzen. Ob sich die Umstellung über Excel und Outlook hinaus auf weitere Microsoft-Produkte ausweitet, ist bislang nicht offiziell angekündigt.


